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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-28 · Heft 43 (28.10.1910) · p. Seite 507

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 507 (sequence 3)
Language
German
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solche zu vertreten. Nach dieser Richtung ist Bismarcks Reichstags- Wahlrecht einmal ohne, jeden Zweifel verbesserungsbedürftig, und wir meinen-, diese Tatsache müßte besonders klar werden im Hinblick auf die Vorfälle in Berlin-Moabit . . . Nicht ein ungleiches Wahlrecht brauchen wir im Reich, aber eine Beschränkung deS Wahlrechts auf diejenigen Leute, die ein natürliches Interesse an der zukünftigen Entwicklung des deutschen Volkes und seines Staates haben. Dazu gehören weder Moabiter Zuhälter, noch Verbrecher, noch fremdblütige Ausländer." ' Die „Vossische- Zeitung" bemerkt hierzu: ' „Kürzer, gefaßt: Das antisemitische Blatt verlangt unter der Maske des Vorgehens gegen Janhagel und Zuhältertum eine Einschränkung des Reichstagswahlrechts für Junggesellen und Juden." 4r Als Ergänzung zu unseren. Mitteilungen über die jüdische Abstammung europäischer Fürstenhäuser mag die folgende Ausführung des „N. Pester Journals" betrachtet werden: Nicht nur die englischen und schwedischen Herrscherhäuser können mit Recht oder Unrecht Juden zu ihren Stammvätern zählen, sondern auch von den Habsburgern wird berichtet, - daß sie Ahnen jüdischer Abstammung hatten. Im frühen Mittel-/ alter lebte in Rom die jüdische Familie Pierleoni. . Sie häuften Reichtümer an, und ein Sohn dieses Geschlechts, Pietro Pierleoni, entflammt von den Lehren des heiligen Bernhard, würde Christ und Mönch in dem berühmten Kloster des heiligen Benediktus zu Clugny. Seine Gelehrsamkeit, seine Klugheit und sein neophytischer Feuereifer/ ließen ihn zu Einfluß gelangen und in nicht zu langer Zeit stand er. als Abt dem Kloster in Clugny vor und wurde so das Haupt der Vereinigung der Benediktinerklöster, welche unter dem Namen des Ordens der Cluniacenser eine gar wichtige Rolle in der damaligen Welt spielten; was Wunder also, daß der inzwischen zum Kardinal erhobene Abt Petrus Leonis, der als päpstlicher Legat in Frankreich' und England auch die Interessen des Papstes Honorius II. vertrat, zum Papst gewählt wurde. Als solcher nahm er den Namen Anaklet II. an/ Das war im Jahre 1130, und 24 Jahre saß er ans dem Stuhle Petris. Auch die Familie des Abtes hatte sich inzwischen zum katholischen Glauben bekehrt, und kurz nachdem Anaklet nach Besiegung seines Gegnerpapstes Jnnozent II. in Rom eingezogen und dort seine Herrschaft befestigt hatte, erhob er seine Sippe in den Fürstenstand. Nun erzählt die Sage weiter, daß nach einem Kreuzzuge der Graf Albrecht III. von Habsburg nach Rom kam, sich in die Nichte des Papstes, die ehemalige Jüdin, verliebte und mit Einwilligung des päpstlichen Oheims sie als Gattin heimführte. Die beglaubigte Stammtafel der Habsburger bezeichnet die Frau Albrechts als Römerin und Verwandte eines Papstes, nennt aber nicht ihre Abstammung, es ist daher zum mindesten höchstwahrscheinlich, daß diese eine Pierleoni war. Graf Albrecht III., der auch der Reiche hieß, starb 1199. Ihm folgte sein Sohn Rudolf II., Graf von Habsburg, dessen Sohn der im Jahre 1240 verstorbene Albrecht IV., der Vater des nachmaligen Kaiser Rudolfs war. Von Kaiser oder vielmehr König Rudolf stammen alle jetzigen Habsburg-Lothringer. Da sämtliche Herrscherhäuser durch Heiraten mit den Habsburg- Lothringern verknüpft sind, so wäre durch sie in die Adern aller Dynastien jüdisches Blut gekommen. fr Aus Rußland kommt eine neue Kunde, die, da sie sich nicht bloß gegen Juden, sondern gegen alle Bekenner der nicht russisch-orthodoxen Religion wendet, die Mächte vielleicht zu einem Proteste äufrüttelt: > Das Ministerium des Innern hat in der. Reichsduma eine Vorlage eingebracht, wonach es fremden Ansiedlern nichtorthodoxer Religion, die russische Staatsangehörige.geworden sind, sowie deren Nachkommenschaft männlicher Linie in den Gouvernements Kiew, Podolien und Wolhynien verboten sein soll, Immobilien außerhalb des Stadtrayons zu erwerben, zu mieten oder zu pachten. Das Verbot bezieht sich auch auf . (deutsche? Red.) Uebersiedler aus Russisch- Polen. * . Ueber die Juden in der Türkei hat. der amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Oskar Strauß, einem Interviewer des „lewisd Chronicle" Mitteilungen gemacht, aus dem Folgendes hervorgehoben werden mag: Seit dem 16. Jahrhundert haben die Juden gleiche Rechte mit den Muselmännern und trotzdem sind sie schrecklich arm und unwissend. Dies läßt sich vielleicht damit erklären, daß die Juden den Jndifferentismus. und Fatalismus der sie umgebenden Mohammedaner angenommen haben. Eine Ausnahme hiervon bilden die Juden von Saloniki. Ich war vor vier Monaten in dieser Stadtwelche mehr als 75 Prozent Juden zählt, die europäischeste und gebildetste Stadt der Türkei ist. Die Juden beschäftigten sich dort viel mit Handel, Industrie und Kleingewerbe. Die-besten, intelligenten Politiker und Beamte, sowie die hervorragendsten mechanichen Arbeiter in der Türkei stammen aus den Reihen der Saloniker Jugend, die aus der Alliance-Schule hervorgegangen ist. Und diese intelligente jüdische Jugend ist heute die Verbreiterin der Kultur und Aufklärung in der Türkei. Die jüdischen Wohlfahrtsanstalten und besonders das jüdische Spital in Saloniki können mit jeder ähnlichen Anstalt in England oder Amerika den Vergleich aushalten Wie verhält sich die türkische Regierung den Juden gegenüber? / Diese Beziehungen sind toleranter Natur. Ich habe bei der Regierung niemals Zeichen von Vorurteilen gegen die Juden bemerkt. Eine Ausnahme bildet bloß ihre Stellung zur Einwanderungsfrage in Palästina. Das hat jedoch zweierlei Ursachen. Erstens weil die türkische Regierung die jüdischen Einwanderer als die Vertreter einer fremden Macht, z. B. Rußlands ansieht, und zweitens, weil die zionistische Propaganda das neue Regime abschreckt und unangenehm berührt, weil es prinzipiell gegen die Zersplitterung des Reiches und gegen die Schaffung neuer, unabhängiger Volksstämme ist. Im Zionismus erblickt man in der Türkei eine Störung, welche die Los« reißung Palästinas von der Türkei anstrebt. Eine große Wirkung hatte der Zionismus in Jerusalem. Die Stadt wurde größer, die Bevölkerung dichter, aber infolge der vergrößerten Einwanderung von Menschen, die sich nicht selbst erhalten können, ist auch die Armut der jüdischen Bevölkerung in Jerusalem viel größer geworden. Sie dürfen jedoch nicht glauben, sagte Mr. Straus mit Nachdruck, daß ich vielleicht deshalb so spreche, weil ich etwa ein Gegner des Zionismus bin. Ich bin durchaus kein Gegner einer praktischen jüdischen Kolonisation, möge sie den Namen Zionismus oder Territorialismus tragen, wenn sie nur den Vertriebenen aus Rußland und Rumänien und anderen Ländern der Bedrückung die Möglichkeit bietet, sich anzusiedeln und Menschenrechte zu erwerben.. Was könnten die westlichen Juden für die Verbesserung der Lage der türkischen Inden tun? Unglücklicherweise haben die sephardischen Juden die spaniolische Sprache beibehalten. Dieser Umstand erschwert es ihnen, mit. der sie umgebenden Bevölkerung in engeren Verkehr zu treten. Deshalb ist es sehr hoch zu schätzen, daß die Allianz durch ihre Schulen unter den Juden Bildung und Sprachkenntnisse verbreitet. Viele hochgestellte angesehene türkische Beamte haben ihre erste Bildung in Allianceschulen genossen. Der Held der türkischen Revolution und gegenwärtige Kriegsminister Mahmed Chefket Pascha hat die Allianceschule in Bagdad absolviert. Man muß daher die Alliance in ihrer Schultätigkeit und besonders in der Gründung verschiedener technischer und Handwerkerschulen, die zur Hebung der wirtschaftlichen Lage der türkischen Juden äußerst wichtig waren, mit allen Mitteln unterstützen. Was könnte die türkische Regierung zur Aufbesserung, der .Wirtschaftlichen Lage der Juden tun? v Um die wirtschaftliche Lage im Lande im allgemeinen, sowohl diejenige der Juden, wie auch der Mohammedaner und der Christen, zu verbessern, ist vor allem die Entwicklung einer eigenen Industrie vonnöten. Diese Entwicklung wird jedoch durch die verschiedenen „Kapitulationen" gehindert, welche die Türkei verpflichten, die Einfuhr verschiedener Waren zuzulaffen, wodurch es ih r unmöglich wird, ihre eigene junge Industrie erfolgreich zu schützen. In letzter Zeit wurden bereits Schritte unternommen, um sich von diesen Fesseln zu befreien. -Schließlich erklärt noch Mr. Strarrs, daß/Üie/Folgen der neuen Rechtsordnung sich überall in der Türkei wohltuend fühlbar

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