Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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uuß wieder fester aneinander, besannenuns wieder^ mehr auf uns selbst, beschäftigten uns wieder mehr mit unserer Geschichte ^und unserer Wissenschaft, lerut^u stolz sein auf das, was das Judentum der Menschh^ert geleistet hat, und wenn manche Juden sich in früherem Jahrzehnten vielfach vor ihrem eigenen Judentum versteckten, so. bekannten sie sich jetzt freudig als stolze Anhänger desselben.? Und wenn wir nun sehen, wie, von Neid, Haß und Mißgunst erfüllt, unsere Gegner, die offenen Und versteckten, auf uns einstürmen und die wenigem Güter, die uns die Zivilisation nicht von selbst gab, sondern die wir uns erst von ihr erkämpfen mußten, wieder rauhen möchten, wenn wir sehen, daß viele feierlich verbrieften Rechte nur auf dem Papier stehen, daß wir gesellschaftlich nur in wenigen Ausnahme- Fällen diejenige Stellung einnehmen, auf die wir vermöge unseres Geistes, unserer Gemütsbildung und unserer Gesittung . berechtigten Anspruch haben, ich sage — wenn wir darauf angewiesen sind, in vereinter Kraft als Juden. abzuwehren, was von außen auf uns als Juden einstürmt, dürfen wir uns dann den Luxus erlauben, uns wegen der Fragen des Kultus, wegen der Formen und Dogmen im eigenen Lager' zu zerfleischen und zum Widerstand, nach Außen unfähig zu machen? Und bei all dieser Gefahr von. Außen — nach Innen ist sie noch größer, da sie in ihren weiteren Konsequenzen geradezu den Verfall der Judenheit herbeifnhren kann. . Und doch, wie leicht wäre es, bei. gegenseitigem guten Millen die Gegensätze zurücktreten zu lassen und uns friedlich neben einander zu bewegen, wenn wir nur immer das betonen wollten, was uns eint, und nicht so sehr hervorheben, was uns trennt! Wenn wir. über der Konfession nur nicht die Religion, dem Zweck aller Konfessionen vergessen wollten, die Religion, die uns die Nächstenliebe und die Beglückung der Menschheit bringen soll durch deren Veredlung und Läuterung. Wenn wir nicht für die Interessen der Orthodoxie oder des Liberalismus, sondern für die Interessen des Judentums kämpften, wenn wir Nicht den Dogmen,, die uns. einander fernhalten, so großen Wert beimäßen gegenüber dem , Geiste der Liebe, die uns aneinander.ketten soll! Wenn wir' den Fanatismus mit seinem finsteren vergiftenden Blick beseitigen — und den gibt es hübeMwie.'drüben — und an seine Stelle treten ließen eine edle erhebende Begeisterung für die hohen Ausgaben, die wir als Menschen und als Juden zu erfüllen haben!. Wenn wir uns gewöhnen einen Juden, der ein guter Mensch ist, einen guten Juden zu nennen, und den rechtschaffensten, bravsten Juden auch den frommsten Juden, — dann sind wir uns wieder nähergerückt, dann scheidet das Gehässige aus, der Kampfruf: hie konservativ,, hie liberal wird nicht mehr mit Erbitterung ertönen, einer wird dem anderen gerecht zu werden suchen, und wir alle, die wir durch eine gemMsame Jahrtausende lange Geschichte, durch jahrtausende lange gemeinsame Leiden, von Natur und Geburt zusammengehören, wir werden uns aus dem gemeinsamen Boden des. Judentums dann alle vereinigt wissen durch ein uns alle umschlingendes Band der Liebe,'Äw welchem jeder von uns mitzuweben berufen ist. Sie Woche.; , Berlin., A4. Oktober. .. . fttiite sehr merkwürdige Nachricht wird von Tagesblättern .'verbreitet: „Eine in der Brauerei Königstadt tagende, zahlreich besuchte jüdische Volksversammlung nimmt mit Entrüstung vpsr d.en Angriffen - nnd'Beschimpsüngen Kenntnis, welche der.^Kürgermeister-chomRörik,- namensl Nathan, wer' seiner Geburt nach leider dem Judentum angehört, gegen die katholische Kirche und gegen das Papsttum gerichtet hat.- Indem wie VersammlungVstreng auf dem Boden des auf Sinai geoffenbarten Judentums steht und jede Verunglimpfung desselben'scharfszurückweist, erkennt sie das gleiche Recht ,in logischer Folge ^allen-randeren Hasitluen Religionen zu und achtet die ehrlich? Ueberzeugung deren Bekenner! Zugleich lehnt sie jede Gemeinschaft mit Elementen, gleichgültig ob jüdischen Stammes oder nicht, die teils, unter der Maske der Wissenschaft,? teils im, Namen sogenannter Aufklärung auf Rednertribünen, in Zeitungen, Witzblättern, und an anderen Orten das Heiligtum des Glaubens niederzüreißen trachten, entschieden ab!"' Diese Resolution beruht auf unrichtigen Voraussetzungen. Was Herr Nathan als Bürgermeister von.Rom sagte, hat mit seinem Judentum gar nichts zu tun und wir als Juden können es den Klerikalen überlassen, sich über seine Worte zu entrüsten. Unser Leitartikel in Nr. 41 ist vielfach beachtet worden. Die „Voss. Zeitg.", die ein Stück daraus abdruckt, bemerkt dazu: Es ist vielleicht nicht unnütz, hinzufügen, daß nach dem To.de Ecks die hiesige juristische Fakultät einstimmig Professor Lenel, damals in Straßburg,, zu seinem Nachfolger vorschlug, der .Minister des Geistes" aber diesen Vorschlag ablehnte. Der glänzende Rechtslehrer Lenel ist Jude. Ja, hätte er sich taufen lassen, er wäre, wer weiß, Ordinarius in Berlin. Heute spricht alle Welt von dem Heilmittel Weigerts (soll heißen: Ehrlich). Niemals aber wäre.Weigert, in Berlin ordentlicher Professor geworden, er hätte denn den „Geburtsfehler" gut gemacht. Heutzutage wäre es auch Traube nicht besser gegangen. Levin Goldschmidt konnte noch Mitglied des. obersten deutschen Gerichtshofs werden. Jetzt ist das Reichsgericht längst judenrein." Auch andere Zeitungen haben die Fernhaltung der Juden von den Ordinarien mit großer Entschiedenheit getadelt. Die deutsch-soziale Partei hat in Rassel einen Parteitag gehalten, auf der folgende Resolution einstimmige Annahme fand: . „Gegenüber der Anregung eines deutschkonservativen Blattes, aus dem Programm dieser Partei den Satz zu streichen" „Wir bekämpfen den vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben", geben wir der Hoffnung Ausdruck, daß dieser verhängnisvolle Versuch im Interesse der gesamten rechtsstehenden Parteien keinen Widerhall finden wird. Wir Deutschsozialen erwarten in dieser ernsten Zeit, in der das Judentum deutlicher als je als Träger und Vertreter des Umsturzgedankens hervortritt, besonders von unseren Vertretern im Reichstage, daß sie die Notwendigkeit des Kampfes gegen das Judentum wieder schärfer betonen." Diese Partei hat gewiß Recht, daß sie aus ihrem Programme, bleibt — denn was wäre sie ohne dieses? Nur ist zu hoffen, daß die Zeit über die Partei und ihr Programm zur Tagesordnung übergeht. '• * Die „Deusche Reform" möchte diesen Kampf gegen die Juden noch weiter ausdehnen.. Sie schreibt: „Ist die Staatspolitik völkische. Zukunstssorge, so obliegt sieallein der Familie und damit deren Vorstand, oder solchen ledigen Gliederst derselben, die nach völkischer und Altersreife im Gemeinwesen, oder rn ihrer' besonderen Existenz kraft eigener Tätigkeit sich gleicher Bewertung würdig erweisen. Da ist nicht von Entrechtung irgendwelcher Art die Rede. Wer. seinem Leben selbst keine Zukunftsinteressen verleiht, der hat auch keinen begründeten Anspruch darauf,