Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 43 Berlin, 28. Oktober 10IÖ Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post, (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Hl. vrgriindet von Rabbiner vr. Lndwig Philipps»«. Unter Leitung des Geheimen Negierungs-Ratr Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags»Lxpeclition: Berlin» Jerusalemer Ktrasse 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und, Expedition sind an' die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße Hö/qA, zu richten. Verlag von rludolf Masse, Berlin. N echte und Pflichten der Liberalen. — Die Woche. — Moses Montefiore. Von Leopold Kätscher. — Gemeinsame Zukunftsaufgaben jüdischer und christlicher Theologie. Von F. Nippold. — Deutsch-jüdische Plantagenbesitzer vor 50 Jahren. — Hundert Jahre im Dienste des religiösen Fortschritts. Von A. Stern -Seesen a.H. — Sittlichreligiöse Erziehung: und Unterweisung taubstummer Kinder. Von I. Kolodzinski. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe.- Erzählung von Sam Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Buchereinlaüf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Rakel, Dresden, Wiesbaden, Konstantinopel, New Bork. Von Nah und Fern. Nechte und Michten der Liberalen. i^^N Köln a. Rh. fand kürzlich eine Versammlung der H dortigen Ortsgruppe der Vereinigung für liberales Judentum und des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Köln statt. Dort hielt Herr Emil Blumenau einemit /großem . Beifall 'aufgenommene Rede, die als Programm des Liberalismus auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu werden verdient. Der Redner geißelte die häßliche Kampsesweise jener Gegner, die sich nicht scheuen, die unwahre Behauptung auszustreuen, wir wollten das Hebräische ganz aus dem Gottesdienste entfernen, den Samstag auf den Sonntag verlegen, ja sogar das ganze Judentum abschaffen, die so weit gehen, daß sie diejenigen Juden, die sich nicht nach-dem Buchstaben richten, sondern die Frömmigkeit betätigen, die,ihnen ihr gutes Herz eingibt, die die Synagoge nicht besuchen, um dagewesen zu sein, sondern, wenn sie es treibt, sich in stiller Andacht zu er-, bauen, die nicht stundenlang Gebete sprechen wollen, deren 'Sinn sie nicht verstehen, weil ihnen die Sprache, in der die Gebete gehalten werden, nicht geläufig ist, sondern die in ihrer Muttersprache, der schönsten und heiligsten Sprache, die Gott den Menschen gegeben hat, zu ihrem Schöpfer reden wollen, die sich frei gemacht haben von den, ihrer Ansicht nach gar nicht zur eigentlichen Religion gehörenden, in unsere Zeit nicht mehr passenden Formen und Dogmen, und die im Herzen vielleicht aufrichtiger und inniger fromm sind als viele Derjenigen, die alle diese im Laufe der Jahrhunderte von sogenannten Schriftgelehrten ins Ungemessene aufgestellten Ge- und Verbote aufs Genaueste, befolgen, also alle Diejenigen, die es ablehnen, nach. der konservativen oder gesetzestreuenpositiven Pfeife zu tanzen, einfach nicht mehr als Juden gelten lassen wollen und sogar in einigen Städten selbst auf dem Gebiete der Wohltätigkeit nicht mehr mit diesen zusammenarbeiten wollen, als ob der Hungernde danach fragen würde, ob die Stärkung ihm von konservativer oder liberaler Hand gereicht würde. ' Aber wie in allen anderen Konfessionen, so ist eben auch bei uns die Orthodoxie im höchsten Grade intolerant. Sogar so sehr, daß die neue Gemeinde Addas Jeschurun selbst vor dem Gottesfrieden des Friedhofes nicht Halt machte, sondern das Verbleiben in der Großgemeinde davon mit abhängig gemacht hatte, daß ihr auf dem Friedhof ein abgesonderter Teil zugewiesen würde. Wie ganz anders sind doch wir bösen Liberalen! Wir lassen Jedem seine Ueberzeugung und achten diese da, wo sie echt und wahr ist. Wir wollen nicht den Samstag auf den Sonntag verlegen, sondern eventuell am Sonntag noch einen Gottesdienst; abgehalten wissen, um denen, deren Beruf es nicht zuläßt, daß sie am Samstag den Gottesdienst besuchen, Gelegenheit zu geben, am Sonntag ihr religiöses- Bedürfnis zu befriedigen. Wir wollen das Hebräische nicht ausschalten, wohl aber durch, eine größere Anzahl deutscher Gebete und Schrifterklärungen auch denjenigen, die das Hebräische nicht verstehen, die Möglichkeit zur Andacht und Erbauung schaffen. Wir wollen mit kurzen Worten Folgendes und zwar nur für die neue, sogenannte Orgelsynagoge (in der alten Synagoge finden nach wie vor die orthodoxen Juden-einen ihre Ueberzeungung befriedigenden Gottesdienst): Eine Verkürzung des Gottesdienstes durch Auslassung unwichtiger, überlebter und unserer. Empfindung geradezu widerstrebender Gebete, damit die durch das stundenlange Verweilen in der Synagoge hervorgerusene Unruhe aufhört, Hebung der Andacht durch Einführung einiger deutscher Gebete anstelle einzelner hebräischer. Verbesserung des Chores durch Abschaffung des Knabenchores und Einführung eines gemischten Chores und von Chorälen, - so daß sich die ganze Gemeinde an den Gesängen beteiligen kann. Dies sind, so führte der Redner aus, die schrecklichen Dinge, die wir wollen. Nun hoffe er aber, daß, nachdem die Gegner wissen und der Furcht vor einem ungewissen Kommenden enthoben sind, sie so ehrlich sein werden, uns keine weiteren ketzerischen Absichten mehr unterzuschieben, denn wahrlich, das Programm sei ein so gemäßigtes und eng umschriebenes, daß es. mancher konservative. Mann unterschreiben könne. Der Redner schloß seine.. .Ausführungen mit folgendem Appell: „Aber wie wir unseren Kultus gestalten, darüber wollen wir uns keiner Täuschung hingeben, als ob der maßgebende Einfluß auf das Gesamtleben der Juden auf diesem Gebiete läge. Wie alles Böse auch etwas Gutes an sich zu haben pflegt, so ist es der Antisemitismus gewesen, der in erster Linie die lockeren Bande unter den Juden wieder gefestigt hat. Gemeinsam wurden . wir verfolgt und angegriffen,/ gemeinsam mußte unsere Abwehr. sein. Wir schlossen