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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-21 · Heft 42 (21.10.1910) · p. Seite 504

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 42 (21.10.1910)
Date
1910-10-21
Page
Seite 504 (sequence 12)
Language
German
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Marfa schien seine Absicht zu erraten. „Gregor! Um aller Heiligen willen," rief die Mutter außer sich, „tu es nicht; hilf ihnen nicht; es ist alles nur die reinste Verstellung, um uns anzubetteln, um unser Mitleid zu erregen!" Das Zuschmettern der Türe war seine einzige Antwort. Schnell legte er den Hund, der sich jetzt wie rasend geberdete, an die Kette, und war bald mit eiligen Schritten bei den beiden Frauen angelangt, wo er sich schon nach dem ersten Blick überzeugen konnte, daß hier durchaus keine Komödie gespielt wurde, höchstens eine sehr traurige, wo der Tod gleichsam schon hinter den Kulissen stand, ungeduldig das Stichwort erwartend. Mit einem leisen Hoffnungsschimmer in den Augen blickte die jüngere der Frauen dem Ankommenden entgegen vielleicht, daß sich doch noch ein Funke der Barmherzigkeit auch in diese wüste Einöde verirrt. „Sie sehen, was wir sind," sprach sie, ihm einen Schritt entgegengehend und in der Landessprache ihn anredend: „dieses hier ist meine Mutter, und wir beide sind Jüdinnen. Aber vergessen Sie nicht, ohne Judentum hätten Sie kein Christentum, und dafür sind Sie uns ein wenig Dank schuldig. Geben Sie uns darum Unterkunft für diese eine Nacht, nur in Ihrem Viehstalle — wir sind nicht verwöhnt — und darum nicht wählerisch. Wenn Sie es aber nicht tun wollen, dann töten Sie uns gleich, und — wir werden Ihnen noch mit unserem letzten Atemzuge dankbar sein." Er sah sie scharf an; doch war es kein Blick, der sich schadenfroh am Elend weidet, noch ein solcher, der einer ehrlichen Frau die Schamröte ins Gesicht jagt, sondern es war ein trauriger und ernster Blick. Mit einer zustimmenden Kopfbewegung trat er schweigend zur älteren Frau hin, die ihn die ganze Zeit über mit herzzerreißenden sANgstaugen angestiert hatte. Im nächsten Augenblick hatte er sie aber schon in seinen Armen, sanft und geschickt, wie riesenkräftige Menschen mit solchen unbeholfenen, federleichten Lasten umzugehen Pflegen. „Folgen Sie mir," sprach er kurz zu dem Mädchen. Fortsetzung folgt. Literarische Mitteilungen. — Kubinke. Roman von Georg Hermann. Egon Fleisch! L Co. Berlin 1910. Die Geschichte eines Barbiergesellen, der, nachdem er mit drei Dienstmädchen angebandelt, mit der dicken Hedwig und der langen Emma eine Nacht kurze Liebessreuden genossen, mit der dritten, der rotblonden Pauline ein richtiges. Bräutigamleben geführt hat, sich aufhängt, nachdem er von den beiden ersten auf Alimentenzahlung verklagt und in der ersten Prozeßsache verurteilt worden ist. Ein lustig und amüsant geschriebenes Buch, das manche Vorzüge Hermannscher Technik zeigt: die plastische Gestaltungskraft des Berliner modernen Lebens, diesmal aus ' dem Westen, die höchst ergötzliche Schilderung eines Hauses, den feinen Natursinn — die Schilderung deS beginnenden Frühlings ist von.echtester Poesie erfüllt —und einen liebenswürdigen fröhlichen Humor. Aber einen rechten Fortschritt — und darauf, kommt es doch bei einem neuen Werke eines gefeierten Autors an — kann. ich in dem Buche nicht erkennen. Es hat unendliche Länge und einen doch gar zu dünnen Kern. Daß ich mich für eine jüdische Familie und deren Entwicklung mehr interessiere, als für die lustigen aber tragisch endenden Abenteuer eines Barbiergesellen, wird man mir nicht verargen.. .... Man kann von einem Autor, der durch einen jüdischen Roman großartige Erfolge erlangt hat — die beiden Bände: Jettchen Gebert und Henriette Jacobi sind in.50000 Exemplaren verbreitet — nicht pexlangen, daß er immer bei demselben Stoffgebiet stehen bleibt, aber dieser neue Roman ist doch mehr ein übermütiger' Schwank-als ein ernst zu nehmendes' Werk. Juden kommen darin wenig: vor: - Unter den Kunden des Barbiers befindet.sich ein Herr Löwenberg;, er und dessen Gattin sowie sein verwöhntes Söhnchen „Goldhänschen", auch seine Schwiegermutter sind mit ein Paar Strichen gut gezeichnet. Ich würde mich freuen, Hermann auf einem - ernsteren Gebiete in einem größer angelegten Werke wieder zu begegnen. ‘ L' G; Mcherrmlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Büches findet in keinem Falle statt. Adolf Fischhof. Das Lebensbild eines österreichischen Politikers von Richard Charmatz. Stuttgart und Berlin 1910. I, G. Cotta'sche Buchhandlung Nachs. ■ - \; -■ ' Kleine Texte für theologische und philologiiche Vorlesungen und Hebungen, herausgegeben von Hans Lietzmann. Nr. 50. Essay and SpoGcli on Jewisli Disabilities by Lord Murlay. Edited with an introduction and noles by Israel Abrahams, M. A. and the Rev. S. Levy, M. A. Seeond Edition. Printed for Jewish historical Society of England by Ballantyne Hanson and Co. Edinburgh 1910 SA» Sprechsaal. n Nummer 41» auf Seite 492 Ihres geschätzten Blattes, befindet sich im Sprechsaal die Anregung, eine authentische Berichtigung über das von dem Blatt „Der Tiroler" gerügte angebliche Verhalten von Juden, die im Karersee-Hotel in Tirol Wohnung genommen hatten, zu bringen. Dazu bemerken wir, daß der Vorsitzende des Vereins der Alpenhotels in Tirol, der Landtagsabgeordnete Dr. Theodor Christomanos, folgendes berichtet hat: „Die bei dem Direktor des Karersee-Hotels, Victor Bardy und dem Kurvorsteher, Herrn Dr. Sebastian Huber in Meran, dem ständigen Arzte des Hotels, eingezogenen Erkundigungen haben ergeben, daß die Nytiz des „Tiroler" von Anfang bis Ende voll, kommen erfunden ist und jedweden Substrates entbehrt. Es handelt sich zweifellos um eine Verleumdung unseres-Karersee-Hotels. die nicht nur geeignet ist, dieses Haus, sondern den Fremdenverkehr überhaupt zu diskreditieren. Der geistliche Herr, der den katholischen Gottesdienst in der Hauskäpelle des Karersee-Hotels besorgte, vielfach mit den Gästen des Hauses verkehrte und sich bei den Rettungs» arbeiten wacker und in hervorragender Weise beteiligte, wird Ihnen dies ebenfalls bestätigen." Wir haben einer Reihe von Zeitungen, die die Notiz gebracht, haben, die Berichtigung zukommen lassen und hoffen, daß eine diesbezügliche Notiz Aufnahme finden wird, um weiteren Kreisen von der Lügenmär Kenntnis zu geben. Daß der „Tiroler" selbst sich zu einer Berichtigung bereit finden lassen wird, ist allerdings nicht anzunehmen. Mit vorzüglicher Hochachtung Zentral-Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. - I. A.: Dr. Holländer. Sruckkehlrrbrrichtigmig. Der erste der Nippoldschen Aufsätze mußte gedruckt werden, ehe - die Korrektur des Autors eintraf. Infolgedessen sind manche Druckfehler stehen geblieben. Es ist zu lesen S. 488, Sp. 1, Z. 1: entgegengesetzten statt „eignen", Z. 37: des Schrifttums statt „der Schriften"' S. 488, Sp. 2 3.13 b. u: vor Laurent ist „Karrens", S. 489, Sp, 1 Z. 18allgemeinen statt „allemeinen", Z. 33 nach werden ist „müssen" einzufügen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantworüich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin

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