Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- Seite 503 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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und zu wandern — zu wandern und zu gehen — einem unbekannten, unbestimmten Ziele entgegen, so lange, bis es dem Herrn gefallen werde, siees erreichen zu' lassen. Die Wanderer bestanden aus etwa 50 jüdischen Familien, die durch einen Regierungsbefehl plötzlich aus ihrer Heimat entwurzelt worden waren und nunmehr die Reise nach dein weit, weit entfernten Ansiedlüngs-Rähon machten.' Die Entfernung hatten sie wie einen persönlichen, unerbittlichen Feind zu bekämpfen. Jeder Kilometer, den sie zurücklegten, bedeutete einen Sieg, jede Meile einen Triumph. Aber diese Siege hatten auch ihre Spuren und Merkmale, äußerlich und innerlich, den Siegern ausgeprägt; man sah sie deutlich in den bleichen Gesichtern, in den gekrümmten.Rücken, in den entnervten Gliedern. Und noch gräßlicher hatten sie die innere Arbeit vollbracht. Sie hatten den „Siegern" zwar ein schlagendes Herz gelassen — das war aber auch alles. — Jeder, fühlte nur sein eigenes Weh, nicht' aber das seines Nachbars. Und so mühten sich die elenden Gruppen weiter und weiter; jeder Hirt nur um seine eigene Herde bedacht, und den Wehruf des Nebenmenschen, mit dem grimmigen Hinweis auf seine eigene Not, mürrisch und verdrossen von sich weisend. Gregor Mallakow stand an einem der vielen Fenster seines schloßartigen Hauses, den traurigen Zug betrachtend, der jetzt die Landstraße dahinzog. Zu Gregors linker Seite hatte sich ein mächtiger Wolfshund breit gemacht, die Vorderpfoten auf das Fensterbrett gestreckt, die fremdartige Erscheinung draußen wütend und zähnefletschend anzuknurren. Gregor hielt ihn am Halsgurt fest, so daß die Bestie die rote Zunge der ganzen Länge nach heraushängen ließ. Neben Gregor, dem Gutsherrn, stand auch Marfa, seine verwitwete Mutter, mit einem schadenfrohen Lächeln ebenfalls die Jammergestalten betrachtend. „Wie wäre es, Gregor," sprach sie mit teuflischer Bosheit, „wenn Du Kallasch in die Bande da draußen hineinhetzen möchtest? Welch lustiges Springen und Trampeln würde da entstehen. —-Bitte, bitte, Gregor, mache mir doch den Spaß. Es ist ja so langweilig auf unserem abgelegenen Gutshofe, und ich habe schon seit langer Zeit nicht mehr so richtig gelacht — — —" Der Sohn zuckte unwillig mit den Achseln und erwiderte ernst: „Mutter, Deine Augen 'täuschen Dich; die dort mühselig und keuchend sich sortschleppen, sind Menschen und keine Wölfe." „Nein, keine Wölfe," rief sie, ihm einen zornigen Blick zuwerfend, „keine Wölfe, aber noch viel schlimmer. Es sind verdammte Juden, die den Heiland gekreuzigt haben. Nun können sie ja am eigenen. Leibe fühlen, was der Gottessohn auf seiner Wanderung nach Golgatha empfunden. O, heilige Mutter Gottes," fuhr sie mit fanatischem. Entzücken fort, „blicke nieder auf diese Elenden, und Du bist gerächt an Deinen Peinigern!" „Wenn du von ihr verlangst niederzublicken, dann heißt es so viel, du verlangst von ihr, Tränen zu vergießen," sprach ihr Sohn leise, mit zusammengepreßten Lippen. „Ja, sie soll Tränen vergießen; aber Freudentränen über die Qualen dieser Gottesleugner. Ja, ja, ich weiß es besser — — die heilige Mutter, sie hat ihr Herz mit sich genommen, damit sie beständig an die stachlige Dornenkrone ihres Sohnes erinnert wird. — — Ach-- das verdammte Judengesindel! Dornen sollten in ihre Augen kommen; Dornen in ihre Füße, damit sie bald blind und lahm werden — —-. Siehe nur, Gregor', wie jener Mann den' kleinen Jungen prügelt! weil er nicht weiter will; — — schlage zu, Jüdas, fester -- schlage sie tot, deine eigene Brut, ehe sie Zeit hat, ein weiteres Ottergezücht groß zu ziehen." .' „Mutter, du sprichst wie ein Kind," rief Gregor ungeduldig. Sie. merkte seinen Unwillen und legte schnell ihren Arm um seinen Hals, um ihn zu beschwichtigen. „Kleiner Gregor, bist du etwa mit deiner Mutter böse? — — Tue es nicht, mein Sohn! Wenn du mich so zornig ansiehft, dann wird es finster vor meinen Augen; du weißt ja, wie lieb ich dich habe, mein Einziger, mein einziges Glück, meine einzige Freude auf Erden!" „Ja, ja: das weiß ich ja. Aber darum brauchst du doch nicht deinen ganzen Haß über diese Unglücklichen auszuschütten," sprach er/ durch ihre leidenschaftliche Zärtlichkeit ein wenig besänftigt. „Ich will es nicht mehr tun, wenn du es nicht gern hast. Sie sind ja auch wieder fort. Aber, nicht wahr, du siehst es jetzt selbst ein, daß der Gottesfluch auf ihnen lastet: denn schon ihre bloße Gegenwart hätte beinah einen Zwist zwischen Mutter und Kind herbeigeführt.-" „Mutter, wir wollen lieber aushören, von ihnen zu sprechen, und sie ganz und gar vergessen," war seine ausweichende Erwiderung; „wir können doch an viel angenehmere Dinge denken als an elende' Nachtschatten, die am hellichten Tage herumwandeln." Während er aber diese Worte leichthin sprach, als hielte er die Sache für abgetan, schienen seine Augen doch-noch ein weiteres Interesse zu bekunden, und er beugte sich weiter vor, als wollte er noch etwas Besonderes betrachten. Oder wollte er durch diese Bewegung nur der Umarmung der Mutter entgehen? Sie nahm das erstere an. „Was siehst Du denn noch immerfort dorthin, Gregor?" fragte sie, ihren braunen, dürren Hals ebenfalls weit vorstreckend. „Dort kommen noch zwei Frauen; die jüngere trägt die ältere auf dem Rücken. Es sind zwei Nachzügler jener Auswanderer." : . ' Aus Marfas Gesicht erschien wieder das böse Lächeln. „Ach, ja; ich sehe sie auch. Ich glaube nicht, daß sie die andern noch einholen können," frohlockte sie. „Uff! Ich möchte keinen solchen lebendigen Leichnam über die wüste Steppe mit mir herumschleppen, noch dazu in diesem Wetter und in dieser Jahreszeit." Gregor gab keine Antwortsondern betrachtete mit scharfen Blicken den Vorgang draußen, der sich gerade vor seinem Hause abspielte. Die ältere Frau war vom Rücken der jüngeren herabgeglitten und versuchte, von dem Arm ihrer Tochter festumschlungen, mit den eigenen Füßen weiter zu gehen; doch schon nach wenigen wankenden Schritten fiel sie der Länge nach mit einem dumpfen Aufschlag zu Boden. Die Tochter stieß einen lauten Schmerzensruf aus und bemühte sich vergeblich, die Mutter wieder aufzurichten. Endlich war es ihr gelungen; sie in eine sitzende Lage zu bringen, und sie versuchte abermals die teure Last sich aufzuladen. Doch das war vergeblich; die schwachen Glieder waren nicht mehr imstande fest zuzugreifen,, und als sie sich, nach vielen Versuchen von der Fruchtlosigkeit ihrer Bemühungen überzeugt, da warf sie sich neben der Mutter hin, in lautes, krampfhaftes Weinen ausbrechend. Gregor hatte diesen ganzen Vorgang von seinem Fenster aus beobachtet; — jetzt stürzte er .mit einem unterdrückten Fluch zur Türe hin, den großen Hund gewaltsam nach sich ziehend. —- ■