Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- Seite 502 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ganz anders bei» taubstummen Kindern! Da ist die Aufgabe nicht bloß durch den oft gänzlichen Ausfall jener sittlichen Einwirkungen des Elternhauses so besonders schwierig, sondern dadurch, daß wir den Unglücklichen unsere religiösen Empfindungen, Vorstellungen , und Begriffe durch die Lautsp r a ch e übermitteln wollen. Wir Haben also unsere Zöglinge ersd so weit zu fördern, daß sie über einen, wenn auch noch so kleinen Sprachschatz verfügen und die einfachsten Sprachformen anwenden können. Ja, damit wir abstrakte Begriffe (die religiösen Begriffe sind doch gewiß abstrakt!) zu erklären vermögen, müssen die kleinen Gehörlosen mindesten soweit sein, daß sie eine kleine schlichte Erzählung in der Lautsprache erfassen können. Und dazu find sie vor dem dritten Schuljahre nicht imstande. In den ersten beiden Jahren müssen wir uns auf die sittliche Erziehung beschränken. Daß diese sehr notwendig ist, habe ich schon hervorgehoben. Wie erzieht man Taubstumme zum Gehorsam, zur Ordnungsliebe, zur Wohlanständigkeit usw? Genau so wie andere Kinder durch Beispiel, Gewöhnung und durch das, was man gewöhnlich unter Zucht versteht. Die in Schulen und Erziehungsstätten leider immer noch viel zu häufig angewandte „ultima ratio“ ist trotz der erschwerenden Umstände, unter denen wir arbeiten, sehr selten nötig. Auch wir bedienen uns der humaneren und wirksameren Zuchtmittel. Die taubstummen Kinder fügen sich übrigens sehr schnell in die Anstaltsordnung. Selbst den Verzogenen wird das infolge des Nachahmungstriebes nicht schwer. Sehen sie doch, wie es die anderen machen. Obwohl sie noch nicht sprechen können, wissen sie gar bald, was ge- und was verboten ist. Hier wird sich manchem die Frage aufdrängen: Wie verständigt man sich mit den Kindern? Wie macht man ihnen das, was sie tun und was sie lassen sollen, klar? Die Antwort lautet: Jedes taubstumme Kind bringt, wenn es auch nur einigermaßen geistig rege ist, ein Verständigungsmittel, wir können es sogar Sprache nennen, mit in die Anstalt; es ist dies die Sprache der Zeichen, die Gebärdensprache. Durch Bewegungen des ganzen Körpers, insbesondere der Arme und Hände war es dem Kinde schon zu Hause möglich, sich Eltern und Geschwistern notdürftig verständlich zu machen. Diese Zeichen der kleinen. Viersinnigen, die je nach der Umgebung bei den Kindern aus der Stadt andere sind wie bei solchen vom Lande, die das Kaufsmannkind wieder anders bildet als das des Handwerkers, diese bei dem einen Kinde deutlich, bei dem anderen weniger deutlich auftretenden Gebärden muß der Taubstummenerzieher studieren. Ueberhaupt, liebevolles Eingehen auf alles, was den kleinen Zögling betrifft, sichert uns die Zuneigung des Kindes und verleiht uns damit auch die Fähigkeit und Möglichkeit, auf Gemüt und Willen cinzuwirkcn. Von nicht genug zu schätzendem Werte ist, wie schon angedeutet, gerade in der allerersten Zeit das Vorbild, nicht zum geringsten auch das der älteren Mitschüler. Diese nämlich verstehen ihren kleinen Leidensgenossen naturgemäß viel schneller, als der gewissenhafteste Lehrer. Der kluge Erzieher bedient sich wenigstens in der ersten Zeit so viel wie möglich dieser Miterzieher. Soviel über die allgemeine Erziehung der Taubstummen. Worin besteht nun die religiöse Erziehung in der Anstalt? Wir sühren unseren Kindern zu gelegener Zeit alle schönen Zeremonien unserer Religion vor, beispielsweise Kiddusch unb Hawdoloh. Wenn die Kinder auch noch nicht beten können, halten wir sie d och dazu an, bei unseren kurzen Indachten gleich den älteren Kameraden die Hände zu falten und still zu fitzen bezw. zu stehen. Die Feier des Sabbats und die der Festtage lernen sie kennen. Sie bekommen dadurch eine Ahnung, daß es' sich bei den religiösen Uebungen um etwas besonders Ernstes und Wichtiges handelt. .. . . Fortsetzung folgt. Das Iudknsrab in der Steppe. Erzählung von Sam Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. ■" 1: ^T2in trüber, düsterer Novemberhimmel. Es waren keine Wolken, sondern eine farblose, dunkle Ausdehnung, dicht, undurchdringlich, zusammengeballt. Stunde um Stunde hatte der scharfe'Nordwind, unwillig über das leb- und bewegungslose Einerlei, seine stürmischen Boten gegen die trübe Masse da oben ausgesandt, ohne sie erschüttern zu können, bis er sich vor Zorn fast heiser geschrien und nun nur noch ein leises Pfeifen hören ließ. Und die schwarze Hülle lag auch weiter in bleierner Schwere und Gleichgültigkeit da, nur hin und wieder ließ sie einige Tränen niedertröpfeln, als weine sie, daß ihr eine fühlende Seele versagt geblieben ... Die Steppe unter ihr war weit besser daran; wenigstens war ihr eine Stinune verliehen worden, die man hören konnte in dem Wimmern der verdorrten Grashalme, in dem Winseln der niedrigen, zusammengeschrumpften Sträucher. Hier und da hatte sie sich auch in Ritze und Spalten geteilt, als habe sie ihre Lippen geöffnet. Doch geschah es nicht etwa, um zu sprechen, — nur ein wenig Atem wollte sie holen, denn die Poren und Oeffuungen, die in der günstigen Jahreszeit .diesem Zwecke dienten, waren jetzt, durch die grimmige Kälte,' wie mit einem Schraubstock zusammengezogen und verschlossen.' ' Doch wenigstens eine einzige Gemeinschaft schien zwischen dem trüben Himmel und der trostlosen Erde vorhanden zu sein-wie ja immer das Traurige und Häßliche sich augenscheinlicher berührt und zusammenfindet, als das Frohe und Freudige-: beide wußten sie, daß sie aus ein und derselben Schöpferhand hervorgegangen find, und sie ließen deshalb ihre Kräfte zusammen aufs neue spielen, in dem Bewußtsein, daß jedes von ihnen in dem Unbehagen nicht allein dastehe. Und als sollte die elementare Eintönigkeit noch weiter belebt werden, kam jetzt ein Zug menschlicher Traurigkeit einhergeschlichen; eine Schaustellung von Elend und Unglück, die weiter und weiter sich hinschleppte; wehfüßig, stumpsgeistig-—; eine Karawane schattenhafter Gestalten; ein trauriger Ueberrest ehemaliger menschlicher Wesen, die jetzt heimatlos in der Welt herumirren, um ihre früheren Hüllen von Fleisch und Blut wieder aufzusuchen. Doch nein; es waren keine Schatten, keine Gespenster; sie sprachen und fühlten, sie jammerten und seufzten, und dieses waren-die schwarze Masse da oben und die trostlose Erde da unten wußten es ganz genau — die Eigentümlichkeiten des menschlichen Lebens. Ja, sie fühlten ihr Leben, scharf und bitter, diese Männer und Frauen, diese Greise und Kinder: viele von ihnen waren sogar fest überzeugt, daß sie den Tod nicht einmal so scharf und bitter fühlen werden; doch sie hatten keine Wahl, was sie wollten, oder was sie bevorzugten — ihnen blieb ja nur Eines zu tun übrig — zu gehen