Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- Seite 501 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu den Taubstummen rechnen wir diejenigen, die infolge mangelnden Gehörs die Lautsprache auf dem natürlichen Wege, durch das Gehör, nicht erlernen können. Ich sage „erlernen", denn auch wir Vollsinnige müssen unsere Muttersprache bekanntlich erst erlernen. Das geschieht allerdings in der Hauptsache bereits in einer Zeit, in der unser Bewußtsein erwacht, d. h. in der allerfrühesten Kindheit. Die Spracherlernung, oder sagen wir besser, die Sprachentwicklung des Kindes, in neuerer Zeit ein Gegenstand der Beobachtung und Erforschung namhafter Gelehrter, besonders der Psychologen, halten wir Taubstummenlehrer uns vor Augen. Wir bemühen uns, die Lautsprache auf möglichst natürliche Weise an unsere Zöglinge heranzubringen. Die taubstummen Kinder lernen aber nicht bloß sprechen, sondern auch Gesprochenes vom Munde ablesen. Und da es sich bis auf den Gehörmangel um geistig normale, nicht selten sogar um hochbegabte Kinder handelt, so gelingt es uns meist, den armen Taubstummen (je nach der Begabung mehr oder minder vollkommen) unsere Sprache, das Erbe unserer, also auch ihrer Väter, zu übermitteln. Freilich sind unseren Bemühungen gewisse Grenzen gesteckt. Den Wohllaut der Sprache eines Hörenden z. B. erreicht kein Taubstummer, selbst wenn er noch so begabt ist. Auch der Absehfähigkeit und -fertigkeit sind Schranken gezogen. Es gab Zeiten, in denen man das nicht bedachte, zu viel, versprach und infolgedessen auch zu viel erwartete. So verfocht der bekannte bayerische Schulmann Johann Baptist Graser in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sogar die Ansicht, daß man hörende und taubstumme Kinder gemeinsam unterrichten könne. Seiner Meinung nach sollten auch Hörende die Sprache vom Munde absehen lernen. Man hat auf Grasers Vorschläge einzugehen versucht, jedoch zum Schaden der Hörenden und der Taubstummen. Denn Hörende und Taubstumme gemeinsam zu unterrichten ist ebenso töricht und falsch, als wenn man Pferd und Hund zusammenspannen und verlangen wollte, daß sie Gleiches leisten, gleichen Schritt halten sollten. Der berühmte Schulmann Graser, ein hervorragender Theoretiker, der aber in die Praxis des Taubstummenunterrichts nicht allzutief eingedrungen zu sein scheint, schenkte nämlich schon der Schwierigkeit des ersten Unterrichts zu wenig Beachtung. Der Sprachunterricht der Taubstummen beginnt damit, daß wir die zwar gewöhnlich normalen, doch sehr ungelenken Sprechwerkzeuge der kleinen Viersinnigen zum Hervorbringen der Laute und Lautkomplexe erst geschickt machen müssen; eine Arbeit, die an Lehrer, und Schüler die höchsten Anforderungen stellt, und zu deren Bewältigung ein volles Schuljahr mit fast allen seinen Lehrstunden notwendig ist. Unsere Erfolge in diesem wie auch in dem Unterricht der folgenden Jahre sind unter anderem nur dadurch möglich, daß wir kleine Klassen haben. Nicht mehr als zehn Kinder sollen in einem Raum und von einem Lehrer gleichzeitig unterrichtet werden. Denn auf die individuelle Behandlung unserer Schüler müssen wir ein hohes Gewicht legen. Vor allem ist das beim Anfangsunterricht nötig, der fast das Gepräge des Einzel" Unterrichts trägt. Graser hat ferner nicht genügend beachtet, daß das bloße Sehen eines Lautes, wenn dieser von dem Taubstummen nachgemacht werden soll, durchaus nicht genügt. Wir müssen nämlich auch das Tastgefühl unserer Schüler zu Hilfe nehmen. Die wichtigsten Elemente eines Lautes sind nicht die optischen, sondern die akustischen. Und diese machen wir unseren tauben Kindern bis zu einem gewissen Grade dadurch begreiflich, daß wir sie die Bewegungen des Kehlkopfes, die Spannung der Luftsäule an der Brust, im Halse und am Munde fühlen lassen. Sind die einzelnen Laute beigebracht, so müssen sie in Lautverbindungen geübt werden. Graser hat noch eines, und das war sein Hauptirrtum, nicht in Erwägung gezogen: Wie gestaltet sich beim Taubstummen die Begriffsbildung? Wie verbindet er seine Anschauungen und Vorstellungen mit unserer ihm zunächst doch fremden Sprache? Ein ungemein großer Unterschied ist nicht bloß in sprachlicher, sondern auch in geistiger Beziehung zwischen einem hörenden und einem gleichalterigen taubstummen Kinde. Ich hoffe, im folgenden zeigen zu können, daß die Hauptschwierigkeit des Taubstummenunterrichts weniger nach der sprachtechnischen als nach der begrifflichen Seite hin,liegt, und es dürfte für die Leser dieses Blatts wohl interessant sein, zu erfahren, wie Vorstellungen erweckt und sittliche religiöse Begriffe entwickelt werden, wie überhaupt der jüdische Religionsunterricht in der Taubstummenschule erteilt wird. Auch der Religionslehrer der taubstummen Kinder hat sich stets vor Augen zu halten, daß es beim Religionsunterrichte mehr als in jedem anderen Unterrichtsgegenstand darauf ankommt, auf Gemüt und Willen der Kinder einzuwirken. Die Folgen des Gehörmangels zeigen sich mit am fühlbarsten, wenn man das Gemüt unserer Taubstummen bilden will. Gerade die Gehörseindrücke sind es, die am stärksten und unmittelbarsten zu Herzen sprechen. Man denke nur an das Rollen des Donners, an das Brausen des Meeres, an das Singen der Vögel, an Musik und Gesang! Wie mächtig und eindringlich wirkt das Wort der liebenden und geliebten Mutter, wenn sie mahnt, warnt, tröstet! Das alles bleibt dem Taubstummen entzogen, und nur mangelhaft können wir es ihm durch Erziehung und Unterricht ersetzen. Damit ist abernicht gesagt, daß der Gehörlose von Natur aus jeder Gemütsregung bar ist. Auch unter unseren Kindern finden wir nicht nur verschiedene Geistessondern auch verschiedene Gemütsveranlagung. Auch wir haben es mit gesitteten und artigen Kinder zu tun, die den Eltern und Lehrern Liebe und Dankbarkeit entgegenbringen, wenn die Erziehungim Elternhause von der frühesten Kindheit an die richtige war. Infolge mangelnder häuslicher Erziehung bekommen wir aber sehr häufig kleine Wilde in die Anstalt, bei denen von Erziehung (man muß bedenken, daß die Kinder meist über sieben Jahre alt sind) so gut wie gar nichts zu merken ist. Und das ist noch nicht das Schlimmste. Einzelne Kinder sind leider vollkommen falsch erzogen; denn die Umgebung hat doch aus sie eingewirkt, aber häufig ganz und gar verkehrt, unheilvoll. Das liegt daran, daß auch besser ' situierte Eltern über das Wesen des Taubstummen im unklaren bleiben, daß sie infolgedessen ihr unglückliches Kind entweder mit zu großer Nachsicht oder im Gegenteil (auch das kommt vor) mit allzu großer Strenge behandeln, während sie ihre vollsinnigen Kinder zu einem gesitteten Betragen anzuleiten verstehen. Wenn man sich also vergegenwärtigt, in welchem verwahrlosten Zustande viele unserer taubstummen Kinder der Anstalt zugesührt werden, wie wenig oder gar falsch sie erzogen sind, so ist es klar, daß nicht gleich nach dem Eintritte in die Anstalt von einem Religionsunterrichte die Rede sein kann. Wir müssen erst die Grundlage schaffen,, auf der eine geordnete religiöse Belehrung aufgebaut werden kann. Bei einem normalen Kinde erweckt die gemütstiefe Mutter frühzeitig religiöse Gefühle. Sie ist die beste Lehrerin in der Religion. Kommen dann die sittliche Zucht des Vaters und beider Eltern gutes Beispiel hinzu, so sind das Einwirkungen auf das Kind fürs ganze Leben, und der Religionsunterricht in der Schule kann auf dieses Gebäude gar leicht das Dach aufsetzen: dem Schüler die sittlichen Lehren unserer Religion zu Gemüte zu führen.