Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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MWKM^MWMWMMNW Verurteilung noch an der- Kreuzigung irgendeine Schuld. Ich höre den Einwand: „Das Volk" habe vor dem Richthause stürmisch das „Kreuzige" gerufen und den zögernden Pilatus zur Verurteilung gedrängt, und soll nach Matthäus in die haßerfüllten Worte ausgebrochen sein: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." Diese Szene trägt für jeden Unbefangenen das Gepräge des Erdichteten an sich, und jener Ausruf ist erfunden. Schon D. F. Strauß („Leben Jesu", Volksausgabe II, S. 132) erklärt das geschilderte Verhalten des Pilatus für undenkbar und meint, es sei „noch undenkbarer, daß das versammelte Judenvolk die Schuld an dem Tode Jesu sich und seinen Kindern aufgeladen haben soll". Nach Keim ist „diese schreckliche Antwort des Volkes lediglich der Eintrag eines Schriftstellers, welcher mit dem Untergang der Nation ein Menschenalter nachher die schreckliche Nemesis Gottes zu erleben glaubt (a. a. O., III 378)." Ist es nicht auffallend, daß weder Markus, noch Lukas, noch Johannes von diesem unmotivierten Haßausbruch Notiz genommen? Es ist aus den Evangelien gar nicht ersichtlich, wodurch die Stimmung des Volkes, das doch einige Tage vorher mit „Hosianna" Jesu begrüßte, so plötzlich in brutalen Haß umgeschlagen sein soll. Nach Lucas (19,48- 22,1) „hing alles Volk" noch kurz vor seiner Gefangennahme Jesu an, und auch aus Markus (11,15 und 18) und Matthäus (21, 15 f.) ist zu entnehmen, daß das Volk mit dem Hohenpriester und seinem Anhang nicht eines Sinnes war. — Auch Herr Seebaß wird zugeben, daß, wenn es im Matthäus-Texte heißt: „das ganze Volk" habe diese Worte gesprochen, der Evangelist nur den anwesenden Haufen im Sinne gehabt. — Selbst wer die Geschichtlichkeit jener Szene vor dem Richthause nicht anzweifelt, wird bei ruhiger Erwägung sich sagen müssen, daß nur ein unbeträchtlicher Teil des Volkes an jenem Tumult teilgenommen, und, wie Johannes 19, 6 angibt, nur „die Hohenpriester und die Diener" das „Kreuzige" gerufen. Welchen Anteil hatte an dem tragischen Ausgang jene „Menge Volkes", welche nach Lukas (23, 27) die Verurteilung Jesu beklagte und beweinte, oder gär jene Tausende von Juden, die zerstreut im römischen Reiche lebten und von jenem traurigen Drama in Jerusalem nicht die geringste Ahnung hatten? 6. Aus jenen gänzlich unwahrscheinlichen Worten, die nur Matthäus anführt, zieht Her): Seebaß die erstaunliche Folgerung: „Diese Blutschuld liegt seit bald zwei Jahrtausenden auf dem israelitischen Volke." Also nicht bloß die gesamte Judenheit, die zur Zeit Jesu lebte, sondern auch die Juden unserer Tage hätten die volle Verantwortung für die Kreuzigung Jesu zu tragen, heute nach neunzehnhundert Jahren?! Ist nicht der Gedanke ungeheuerlich?! Noch nach sechzig Generationen, die inzwischen ins Grab gesunken, soll die Schuld, sei es auch des furchtbarsten Justizverbrechens, nicht gesühnt sein und an den spätesten Enkelkindern geahndet werden?! Nach den Worten des Alten Testaments „sollen die Väter nicht für ihre Kinder und die Kinder nicht für ihre Väter getötet werden" (5. Buch Mosis 24,16). Ezechiel, der Prophet des alten Bundes, verkündet: „Nur die Seele, die sündigt, soll sterben" (18, 4 10). Wenn" es im Zehnwort heißt: „Gott ahndet die Schuld der Väter bis ins dritte und vierte Geschlecht," so fügen die alten jüdischen Erklärer hinzu, wenn die Kinder und Enkel in die Fußtapfen der sündigen Väter treten, doch über das vierte Glied hinaus ist jede Schuld ausgemerzt, „aber die Liebe bleibt bis ins tausendste Geschlecht!" Doch Herr Seebaß erklärt : „Dem jüdischen- Volke werde es auch jetzt, nach bald zweitausend Jahren, nicht gelingen, von jener Blutschuld loszukommen." Und warum? Weil ein Haufen, und sicherlich ein Pöbelhaufen, dessen Drahtzieher höchstens einzelne römisch gesinnte Vornehme waren, in seiner wilden Erregung die höchst unwahrscheinlichen Worte ausgestoßen haben soll: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" Widerspricht nicht solche Auffassung der Lehre Jesu, der noch auf dem Kreuze die Worte gesprochen haben soll: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lucas 23, 34)? Meine Bemerkungen schließe ich mit einer dringenden Mahnung und Bitte, mit welcher ich mich an alle gläubigen und wahrheitsliebenden Christen wende. Man höre doch auf, aus jenen zumindest fraglichen Worten in Matthäus, von denen die anderen Evangelisten keine Kenntnis haben, Folgerungen zu ziehen, die nur zu sehr geeignet sind, Haß und ungerechtes Vorurteil gegen die Juden zu wecken. Ich bin nicht etwa der Meinung, daß man nunmehr auf der Kanzel und in der Schule die kritischen Einwände gegen die Ueberlieferung der Evangelisten darlegen sollte. Jedoch würde man in jeglichem Sinne der Wahrheit und dem Frieden dienen, wenn man bei der Wiedergabe jener Szene vor dem Richthause — an der Hand der Angaben der Evangelisten — darauf Hinweisen würde, daß nach Johannes (19, 6) — auch vom positiv gläubigen Standpunkt des Herrn Seebaß" aus — nur „die Hohenpriester und die Diener" das „Kreuzige" gerufen, daß wohl die römisch-gesinnten Priester und ihr Anhang den Tod Jesu mit herbeigeführt, jedoch ein großer Teil der Bevölkerung in Jerusalem nach Lucas (23, 27) die Verurteilung Jesu beklagte, und die Tausende und Abertausende von Juden, welche zur Zeit Jesu in den großen Zentren des römischen Reiches bedeutende Gemeinden gebildet — auch wenn man auf positiv gläubigem Standpunkt steht — für den Tod Jesu unmöglich verantwortlich zu machen seien, da sie von den traurigen. Vorgängen in Jerusalem keine Ahnung hatten. Dabei vergesse man nicht, nachdrücklichst zu betonen, daß es eine Versündigung gegen den Geist der christlichen Lehre sei, so man die Juden von heute mit jener unseligen Tat vor 1900 Jahren in Verbindung bringt' und diesen die Last der Kreuzigung aufbürden will. Hoffentlich wird auch Herr Seebaß in seinen beabsichtigten Ausführungen in den „vibre Emeth" meiner Anregung folgend, dem religiösen Haß und dem Vorurteil entgegenwirken, damit seine Worte nicht bloß „äibre emetd" Worte der Wahrheit, sondern „äibre emetb w’schalom“ Worte der Wahrheit und des Friedens werden mögen im Sinne des Prophetenworts: „Die Wahrheit und den Frieden sollet ihr lieben." (Sacharja 8, 9.) Sittlich-religiöse Erziehung und Unterweisung tsubltummer Linder. Von I. Kolodzinskh. evor ich auf das Thema, das ich mir gestellt habe, eingehe, muß ich für die geehrten Leser, die sich von dem Wesen des Taubstummen und von der Art und Weise, wie diese Unglücklichen unterrichtet werden, kein rechtes Bild machen können, einige Bemerkungen vorausschicken.