Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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bekäni auch ich die damals noch schwer zu erlangende Erlaubnis, den Haram esch Scherif, den alten Tempelplatz mit der' nunmehrigen Omar-Moschee, zu besuchen. Auch mir Hut dabei selbstverständlich der — nicht lange nachher von Tischendorf als der berühmteste Stein der Welt' bezeichnete — gewaltige Fels in ihrer Mitte den mächtigsten Eindruck hinterlassen. Schon damals sah man ja ziemlich allgemein in ihm die Tenne des Arawna, die in Davids Geschichte die wichtige Rolle spielt, welche die älteste Quelle einfach geschichtlich erzählt, dre späteren in mirakiöser Ausmalung. Den strenggläubigen Juden war der Zutritt zur Kubbet et Sachra (der Felsen-Moschee) nicht vergönnt, weil der Fels als der höchste Punkt auf dem Moria für den Platz galt, welchen Salomo für das Allerheiligste des Tempels auswählte. Ausdrücklich erzählt wird das allerdings nicht. Aber welcher Platz in Troja .und Athen, in Karthago und Rom läßt sich — auch von dieser Einzelheit, abgesehen — weltgeschichtlich mit dem Gipfel des Moria vergleichen?. Der Tempelplatz gehört seit vielen Jahrhunderten nicht mehr ins jüdische, sondern ins islamitische Jerusalem. Seine wechselnden Geschicke haben daher im Rahmen des letzteren gezeichnet werden müssen. Dagegen habe ich das moderne jüdische Jerusalem unter der liebevollen Führung des — mich von da an regelmäßig begleitenden — österreichischen Dragomans zunächst in seinen verschiedenen Synagogen kennen gelernt. Wie die sprachlichen Unterschiede der Aschkenafim und Sephardim, so stehen die mancherlei Kultusstütten der Peruschim und Chassidim, der Chabad und Karaim noch heute lebendig vor memen Augen. Neben ihnen dann noch besonders. die um vieles ältere Synagoge von Hebron. Ich besuchte dieselbe nur wenige Tage später als der Prinz von Wales, der nachmalige König Eduard VII. Dieser konnte auch das in ihrer Nähe gelegene Abrahamsgrab sehen, welches unter den mohammedanischen Heiligtümern gleich nach der Kaaba in Mekka und der Jerusalemer Omar-Moschee mit an der Spitze steht. Es war zum erstenmal, daß einem „Ungläubigen" dev Besuch jenes Grabes gestattet wurde, und.auch dies nur durch das Aufgebot einer stattlichen Militärmacht. In das Grab Isaaks aber durste auch der englische Thronfolger nur von außen hineinsehen, weil Isaak ein besonders zorniger Herr sei. Und das Grab der Sarah war als Harim völlig unzugänglich. V , (Fortsetzung folgt.) Lum Kro?rh Mu. Von Rabbiner B. Elsaß. . ■ . \u der. „Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung" vom 7. Dezember 1909, Nr. 571, hat Herr Oberamtsrichter a. D. ,Seebaß sich mit meinen Ausführungen über den „Prozeß Jesu", welche am 13. August 1909 in Nr. 33 des 73. Jahrgangs dieser Zeitung erschienen sind, vom Standpunkte eines .gläubigen Christen auseinandergesetzt und suchte jene Anschauung zu begründen, die für uns Juden so unheilvoll geworden, daß die Juden die Last der Blutschuld für die Kreuzigung Jesu zu tragen hätten, i) Bei der Wichtigkeit der Frage will ich in einigen Punkten die Aeußerungen des Herrn Seebaß richtig stellen und be- 0 Obige Erwiderung hatte ich mit entsprechender Einleitung der Redaktion der „Neuen Preußischen (Kreuz.)Zeitung" eingesandt, erhielt aber die Antwort, sie sei nicht in der Lage, diese zu veröffentlichkn^'da Heänreligiösen,-Fragen nicht unparteiisch sei. halte mir vor, in anderew Znsammenhange meinen Standpunktausführlicher zu begründen. 1. Herr Seebaß meint: „Es liegt kein Grund vor, die Berichte der Evangelisten in Zweifel zu ziehen", und sieht besonders in Johannes einen „entschiedenen Vertreter der Wahrheit". Es wird ihm wohl bekannt sein, daß die ganze kritisch gesinnte Evangeliumforschung dem Zweifel an die Authentizität; der Berichte mehr oder minder kräftigen Ausdruck gegeben und ganz besonders dem Johannes-Evangelium den Wert als historische Quelle abspricht. So erklärt Harnack — um nur einen für viele anzuführen — „insonderheit darf das vierte Evangelium, welches n ich t.vom Apostel Johannes herrührt und herrühren will, als eine geschichtliche Quelle in gemeinem Sinne benutzt werden". („Das Wesen des Christentums", 1900, S. 13.) . Für die Beurteilung, ob die Berichte der Evangelisten zuverlässig sind, ist es von untergeordneter Bedeutung, ob wir annehmen, daß die Abfassung — wie Zahn nach kirchlicher Tradition ausführt — gegen 80 bis 90 erfolgte, oder wenn ich, auf Forscher von Bedeutung, wie D. F. Strauß, Professor Volkmar, Professor Wernle gestützt, behauptete, daß die Evangelien frühestens ein Jahrhundert nach dem Tode Jesu ihre Fassung, wie sie uns jetzt vvrliegen, erhalten haben. Soll die Erinnerung an die wirklichen Vorgänge und getanen Aeußerungen noch nach fünf Jahrzehnten vollständig ungetrübt geblieben sein? Auch Theodor Zahn — auf dessen Werk „Einleitung in das Neue Testament", Band I (1897), Band 11 (1899) Herr Oberamtsrichter mich eindringlichst verwiesen hat — erklärt es als eine „starke Zumutung", daß ein Buch, welches erst um 80 bis 90 entstanden ist, ein genaues Erinnerungsbild festgehalten haben soll, und sagt ausdrücklich, „daß von einer buchstäblichen Zuverlässigkeit der darin berichteten Reden Jesu" nicht gesprochen werden kann (a: a. O. II, 556). Ist dem so, dann ist doch wohl der Zweifel berechtigt, ob uns die Evangelien eine genaue Wiedergabe der Verhandlungen vor dem Hohen Rat bieten, oder ob nicht die Darstellung von Vorstellungen unbewußt beeinflußt worden ist, die Jesu selbst fremd gewesen sind. 2. Herr Seebaß stellt in Abrede, daß die Evangelisten geflissentlich die Römer zu entlasten und die Juden zu belasten suchen. Darauf bemerke ich kurz, daß christliche Forscher, wie D. F. Strauß, Bousset, Harnack diesen Eindruck gewonnen, deren Urteile ich in meinem Artikel angeführt, und daß sich auch Th. Keim (Jesu von^Nazara HI, 377 ff), G. Volkmar („Die Evangelien", 1870, S."590) und H. I. Holtzmann (Handkommentar zum Neuen Testament IV, 1908, S. 292) dahin äußerten. Gewiß ist das Charakterbild des Pilatus in der Darstellung der Evangelisten arg verzerrt, aber es wau genug, wenn durch den Bericht die Verantwortung für den Tod Jesu auf die Juden abgewälzt wurde. - Wenn Matthäus (27, 24) den Pilatus vor dem Volke die Hände waschen läßt, geschieht dies doch offensichtlich zu dem Zwecke, um den Prokurator von der Blutschuld reinzuwaschen. Jeden Zweifel beseitigen überdies die Worte, die der Evangelist dem Pilatus in den Mund legt: „Ich bin unschuldig an dem Blute' dieses Gerechten, sehet ihr zu." ' Ob in Wirklichkeit der römische Statthalter, der sonst als rücksichtsloser, harter Regent bekannt war, sich soweit seiner Würde vergeben hätte, seine Feigheit und seine Schwäche -offen vor allem Volke einzugestehen und, in Nachahmung einer jüdischen Sitte, durch das Symbol des Händewaschens die Verantwortung für ein von ihm selbst bestätigtes Urteil