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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-21 · Heft 42 (21.10.1910) · p. Seite 497

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 42 (21.10.1910)
Date
1910-10-21
Page
Seite 497 (sequence 5)
Language
German
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497 der gleichen Zeit von der holländischen Theologie Bahnbrechendes geleistet wurde. Es handelt sich hier geradezu um eine Menge höchst lehrreicher Daten, und nicht anr wenigsten über die interessante Stufenfolge Kuenen-Wellhausen. Es hat tatsächlich recht lange gedauert, bis Kuenen (vor allem durch das Verdienst Buddes) in der deutschen Forschung auch nur einigermaßen zu seinem Rechte gekommen ist. Fast um die gleiche Zeit ist dies dann aber auch mit einem Teile der. umfassenden Lebensarbeit von van Koetsveld der Fall gewesen. Der Uebersetzung seines klassischen Jugendwerkes über das Pfarrhaus von Mastland ist die einer ganzen Reihe seiner populären Schriften gefolgt. Für die theologische Wissenschaft ist es aber von noch größerer Bedeutung gewesen, daß Jülicher auf das unübersetzt gebliebene große Werk über die Gleichnisse Jesu (welches von der auch deutsch erschienenen populären Schrift unter dem gleichen Titel wohl zu unterscheiden ist) aufmerksam wurde und sein eigenes Standard work in stetem Zwiegespräch mit dein holländischen Exegeten darauf aufgebaut hat. Darf ich dem nun wieder einfach beifügen, daß für mich persönlich das gleiche Werk von Anfang an die Grundlage des eigenen Studiums wurde? Was im Laufe von fünfJahrzehnten an Beiträgen zur Leben* Jesu-Forschung aus meiner Feder erschienen ist, führt sich auf den schon in der frühesten Jugend begonnenen ununterbrochenen Verkehr mit meinem holländischen Oheim zurück. Ich darf dies gerade in dem jetzigen Zusammenhang schon darum nicht verschweigen, weil bei jedem der achtzig Gleichnisse, welche van Koetsveld in einer unzerreißbaren Kette miteinander zufannnenschaute, speziell die talmudischen Parallelen herangezogen sind. In Holland find auch die durch seinen regen Verkehr mit jüdischen Forschern ihm vertraut gewordenen rabbinischen Legenden durch seine Bearbeitung derselben in weite Kreise gedrungen. Was sich gerade von hier aus an großen gemeinsamen Zukunftsaufgaben austut, müßte jedoch selbstverständlich der Gegenstand einer besonderen Untersuchung sein. Es geht mir nahe, daß es zurzeit ausgeschlossen ist, diese wichtigen Ausschnitte aus der Entwicklung der theologischen Gesamtwissenfchast im Zusammenhang zu behandeln. Als dürftiger Ersatz möge heute statt dessen eine schon vor längerer Zeit zu Papier gebrachte Skizze von Jerusalemer Erinnerungen sich an schließen. 3. Aus dem jüdischen Jerusalem vor einem halben Jahrhundert. Die allen monotheistischen Religionen gleich heilige Stadt teilt das Los aller Wallfahrtsorte, ob sie Kevelear oder Lourdes heißen, Mekka oder Loretto oder auch lamaistischen Klöster in Tibet. Als der gemeinsame Wallfahrtsort so vieler unter sich streitenden Konfessionen ist sie wohl der unheiligste von allen geworden. Aber der frivole Spott eines Moritz Busch in seinen 1862 eben erschienenen „Heiligenbildern ohne Heiligenschein" hat bereits in meinen Reisebriesen aus dem gleichen Jahre eine energische Abweisung erfahren. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben auch in Jerusalem große äußere Veränderungen stattgefunden. Was aber unverändert geblieben ist und immer bleiben wird, das ist das geschichtliche Erbe aller der verschiedenen Formen der aus Familien- und Volksreligion zur Weltreligion gewordenen Frömmigkeit. Das katholische und protestantische, das jüdische und islamitische Jerusalem tragen noch heute keinen anderen Charakter, wie in dem schon eben genannten Jahre 1862, in welchem in halbjährigem Verbleib tagtäglich religionsgeschichtliche Vergleichungen zwischen ihnen angestellt werden konnten. Die ebenfalls schon oben genannten Reisebriefe über „ein Osterfest in Jerusalem" find in „Gelzers Protestantischen Monatsblättern" bereits in dem gleichen Jahre niedergelegt. Bei der heutigen Rückerinnerung daran muß ich es einmal wieder bedauern, für meine literarischen Kinder fr schlecht gesorgt zu haben. Die alsbaldige Ueberbürdung mit anderen Arbeiten hat es unter anderem nie dazu kommen lassen, jene Reisebilder als Buch herauszugeben. Es ist mir nicht einmal möglich gewesen, die Ergebniste ihrer Religionsvergleichung (denn um diese hat es sich eben doch, lange bevor das Wort in die Mode gekommen ist, im Grunde gehandelt) auch nur in der knapperen Form zusammenzufasten, wie es die Skizze über „Aegyptens Stellung in der Religions¬ und Kulturgeschichte" getan hat. Nur die Jerusalemer Bilder aus dem morgen- und abendländischen Katholizismus haben in dem ersten Bande der „Kleinen Schriften zur inneren Geschichte des Katholizismus" ihren Platz in der Reihe der gleichartigen Studien „Aus dem letzten Jahrzehnt vor dem Vatikankonzil" erhalten. Aber die Schilderungen aus dem jüdischen Jerusalem vor 50 Jahren haben vergeblich der Wiederausgrabung geharrt. Sonst würde ich mich heute am liebsten auf sie zurückbeziehen. Statt die damaligen Aufzeichnungen an dieser Stelle zu wiederholen, darf ich aber wohl einige weitere Erinnerungen anschließen, welche die bereits nach Jerusalem mitgebrachten Anregungen hinsichtlich der Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und christlicher Theologie dort bedeutsam vertieft haben. Haben dieselben mich doch in meiner ganzen wissenschaftlichen Lebensarbeit begleitet. Und es ist ein nie erloschenes Dankgefühl, mit welchem ich der Männer gedenke, welche auch in Jerusalem eine Saat ausstreuten, deren Früchte mir später zugute kamen. In dem jüdischen Jerusalem ist dies obenan ein einfacher Mann aus dem Volke gewesen, dessen Name meinem versagenden Gedächtnis im Augenblick nicht einmal gegenwärtig ist. Es ist möglich, daß dieser Name sich in einem meiner damaligen Privatbriefe findet. Ich bin aber zurzeit außerstande, sie zu vergleichen. So kann ich nur sagen, daß es ein Dragoman des österreichischen Konsulats war, der in der selbstlosesten und hingehendsten Weise mein Führer durch das jüdische Jerusalem gewesen ist. Irgendwelchen Gewinn für seine vielfachen Müheleistungen hat er niemals begehrt. Dafür erbat er sich ein empfehlendes Wort für die eben damals durch die großartige Philanthropie von Sir Moses Montefiore in Angriff genommenen Armen- und Pilgerwohnungen. Es ist nicht unmöglich, daß dieses „Attest" in einer der jüdischen Zeitschriften benutzt worden ist, die ich ebenfalls zuerst durch ihn kennen gelernt habe. Er hat mich an alle die Orte geführt, an welchen (ähnlich wie später in Troas durch Schliemann) der von so vielen Zerstörungen der aufeinander lagernden Städte aufgehäuste Schutt ausgegraben wurde. Noch heute sehe ich die dabei wieder zutage tretenden Zisternen deutlich vor Augen. Auch das Gleichnis von dem aus solchem Schutt statt aus Felsboden errichteten Hause habe ich erst bei diesem Anlaß richtig verstehen gelernt. Es ist Konsul Rosen gewesen, bei dem ich auch hier in die Schule gehen durfte. Die außerordentlichen Verdienste dieses Mannes, des Vaters des nachmaligen deutschen Gesandten in Abessinien und Marokko, können an dieser Stelle nur in aller Kürze angedeutet werden. Denn neben Rosen stellt sich heute sofort der damalige holländische Gesandte in der Türkei: Dubois, der vor seinem Abschied aus Konstantinopel noch Palästina besuchte. In der Begleitung von Rosen und Dubois

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