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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-21 · Heft 42 (21.10.1910) · p. Seite 496

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 42 (21.10.1910)
Date
1910-10-21
Page
Seite 496 (sequence 4)
Language
German
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Kuckuckseier ins Nest legte, beziehungsweise (o schrecklich!) sie durch den Israeliten Jsak Artom dorthin legen ließ. Und die arme gute Großmama in Berlin hatte in ihrer Herzenseinfalt von diesen greulichen Machinationen auch nicht die leiseste Ahnung. Als die klerikale „Armonia" Artom aufs gemeinste anfiel, scheute sich Graf Cavour nicht, in einem Briese an die „Opinione" rückhaltlos für seinen Freund einzutreten und der schwarzen Gesellschaft energisch aus die Finger zu klopfen. „Die öffentliche Meinung," schrieb er, „weiß, was sie von den niederträchtigen Angriffen jener Leute zu halten hat, die sich nach Zeiten zurücksehnen, wo die Verschiedenheit des Bekenntnisses genügte, die gebildetsten und fähigsten jungen.Leute vom Staatsdienste auszuschließen. . ." Sowohl Dina als Artom wurden von Cavour in den Senat erhoben, und ebenso ehrte er späterhin die beiden anderen Israeliten Giuseppe Finzi und Davide Levi, deren erster, nach dreijähriger Festungshaft in Theresienstadt und Josephstadt, dem Grafen in der inneren Politik, namentlich gegenüber Garibaldi, Dienste leistete, während Levi, ein intimer Freund Garibaldis und Rattazzis, für den Grafen Cavöur wichtige vertrauliche Missionen ausführte. Die Zahl der übrigen Israeliten, sei es italienischer als ausländischer Abstammung, mit denen der Schöpfer der italienischen Einheit in Beziehungen trat oder stand, ist Legion. Wir erwähnen nur kurz Daniel Man in den Helden von Venedig, Disraeli, James Rothschild Fould-Oppenheim, die Brüder Per ei re usw. Als Cavour um 1860 so energisch für den seinen israelitischen Eltern von den Jesuiten geraubten kleinen Mortara eintrat, da geschah dies gewiß nicht allein aus politischen Gründen, als auch aus tiefinnerster Ueberzeugung. Der Verfasser schließt mit zwei auf Cavours ganzes Verhältnis zum Judentum bezeichnenden Aussprüchen des Staatsmannes. Der erste stammt aus Cavours Jugend und befindet sich in seinem Tagebuch unterm 21. Januar 1834. Darin ist erwähnt, daß der Graf einem unbemittelten Israeliten heute 250 Francs geliehen, damit derselbe seinen Sohn Geld nach Frankreich schicken könne. Denn „bei all seinem Talent würde er doch in diesem Land (Piemont) nicht vorwärts kommen, wo seine Religion ihn beständigen Demütigungen aussetzte . . ." Mit hoher Befriedigung sehe ich indes ein Erwachen der moralischen Würde bei diesem unglücklichen Volke, das die Verfolgungen meiner wenig liebevollen Glaubensgenossen in einen so traurigen Zustand versetzt haben. Cavours letzte Worte aber, als Viktor Emanüel an seinem Sterbebette kaum die Tränen zurückhielt, galten dem treuen Gehilfen Jsak Artom. „Morgen um fünf Uhr soll Artom zu mir kommen ... ich darf keine Zeit verlieren ..." ivWsr Gemkinlsme Luklinktsaiikssben jüdischer und chrittlichrr Theologie. Ein Ausblick vom Nebo. Von F. Nipp old. II. 2. Tholuck-Hupfeld. Bleek-Hitzig. Hasse-Diestel. Kuenen van Koetsveld. ie Tholucksche Behandlung der Psalmen, die er schon in einem seiner Jugendwerke durchgeführt hatte und in seinem Alter neu an die Hand nahm, verlangt (auch ganz abgesehen von derjenigen Seite seiner Lebensarbeit, welche im dritten Bande meines Handbuchs gekennzeichnet ist) speziell unter dem GefichtspUnkt der gemeinsamen Zukunftsaufgaben jüdischer und christlicher Theologie eine besondere Beachtung. Hat doch allein schon die damit zusammenhängende kleine Schrift über das A. T. im N. T. seinerzeit eine ganze Reihe von Kontroversen hervorgerusen. Heute kann ich aber nur auf diesen Einzelabschnitt jener Zukunftsaufgaben Hinweisen, um ihm dann sofort andere zur Seite zu stellen. Denn dieselben fußen für mich alle auf eigener Erinnerung an meine Lehrmeister. Neben die Tholucksche Vorlesung stellte sich alsbald für die gleiche. Studentenzeit die Durcharbeitung des Hupfeldschen Psalmenkommentars. Er hat sich mir zeitlebens als eine unübertroffene Wertung jedes einzelnen religiösen Begriffs bewährt?) Auf das gleichzeitige Studium beider. führen sich eine Reihe von Anregungen zurück, die sich zum Teil erst später mit anderen Gedankengängen zu einem einheitlichen Ganzen verbunden haben. Und ebenso müßte sich nun noch manche weitere Anregung anreihen, wenn mir heute eine zusammenfaffende Ausführung an der Hand solcher persönlicher Erinnerungen möglich wäre. Denn an die Halleschen Studienjahre haben sich noch um vieles bedeutsamere Semester in Bonn angereiht. Dieselben sind durch die Bearbeitung einer Preisarbeit (an welche unlängst die Erneuerung meines Doktordiploms durch die Tübinger philosophische Fakultät sreundlichst erinnert hat) der Ausgangspunkt meiner reformationsgeschichtlichen Quellenstudien geworden. Aber das heutige Zurückdenken stellt mir zugleich das Bild der damaligen alttestamentlichen Lehrer vor Augen, deren Arbeiten noch für eine fernere Zukunft von Wert sind. Obenan die gediegene Jesaja- Vorlesung des gründlichen Bleek, an deren Vollendung ihn leider der Tod hinderte; daneben der vorher in den Ferien wenigstens für die zwölf ersten Kapitel exerpierte Kommentar von Hitzig. Sodann aber weiter die von dem Bonner Kirchenhistoriker Hasse mit Vorliebe betriebenen Uebungen über den uns alle dichterisch begeisternden Am os. Und, last not least, die viel umfassenden Erstlingsstudien Diestels, aus welchen im Laufe vieler Jahre sein klassisches Lebenswerk über das Alte Testament in der christlichen Kirche herauswuchs. Ich will hier nicht wiederholen, was in anderem Zusammenhang über ihn als den vertrautesten Freund des Bonner Ritschl bemerkt worden ist. Aber für meine heutige Aufgabe darf es nicht verschwiegen werden, daß Diestels bis zu seinem vorzeitigen Tode fortgesetzte, inhaltreiche Briefe die Gesamtentwicklung in den nebeneinander hergehenden Theologien und Kirchen lebensvoll abspiegeln. Von noch viel bedeutsamerem Charakter, in bezug auf das in diesen Blättern sich mir wie von selbst ausdrängende Thema ist jedoch das mit dem Jahre 1860 beginnende, lebenslängliche Freundschaftsverhältnis zu Abraham Kuenen geworden. Die nachmalige Phase der deutschen Theologie, . welche den einen Wellhausen auf alttestamentlichem Gebiete ebenso heraushob wie den einen Ritschl in der Dogmatik, hätte ängst eine internationale, zeitgeschichtliche Beleuchtung verdient. Denn für die Zukunft kommt es nicht nur darauf an, sich jene Hengstenbergsche Alleinherrschaft zu vergegenwärtigen, durch welche die Vatke, Reuß, Graf in derselben Weise boykottiert wurden, wie die gleichzeitigen großartigen Schulen im deutschen Katholizismus durch den restaurierten Jesuitenorden; sondern es tritt noch die vieljährige sträfliche Nichtbeachtung alles beffeu hinzu, was in l) Für die Wechselbeziehungen zwischen christlicher und jüdischer Theologie ist das Votum von Interesse, welches Hupfeld bei der Promotion Abraham Geigers in Marburg abgab. Vergleiche den Wortlaut in Abraham Geigers Leben und Lebenswerk S. 25.

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