Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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deutschen Juden übernommen. Zur Deckungb der Kosten für die Abraham Geiger-Feier wurden 767,40 Mark nachträglich bewilligt. Zum Schluß der^ Sitzung gelängte noch die jüngst in Aussicht gestellte Vorlage, betreffend die Neuregelung des Steuereinziehungswesens zur Annahme. Die bisherige Einziehung der Steuern durch Boten hat sich infolge des Anwachsens der Gemeinde- Mitglieder immer schwieriger gestaltet und,' wie der Referent Herr Bena.s Levy betonte/ zu den mannigfachsten Mißständen geführt. Die Vorlage des Gemeindevorstandes ist deshalb allgemein mit Freude begrüßt wordeiu Das bisherige Botensyflem wird nunmehr fallen^ und mit dem dritten Quartal des Steuerjahres 1910/11 beginnt die Pflicht, die Steuern zu bringen. Die Einzahlung der Steuern kann erfolgen bei der Kasse der Gemeinde in bar oder dutch Scheck, durch Zahlung ober Üeberweisung auf das Konto der Steuerkasse bei der Deutschen Bank, durch Zahlung bei jeder beliebigen Depositenkaffe der Deutschen Bank in Berlin und Vororten und schließlich durch Postscheck. Es sind auf diese Weise zirka 200 Annahmestellen geschaffen worden. Jeder Steuerpflichtige erhält jährlich eine Veranlagung für die Zeit vom Oktober bis September. Die Steuer ist in vier Raten zu bringen, für jedes Kalenderviertel, jahr spätestens bis zur Mitte des zweiten Monats; nur im letzten Quartal des Kalenderjahrs ist der Zahlungstermin bis zum 31. Dezember hinausgeschoben. Zahlung für mehrere Quartale im voraus ist zulässig. Nach Ablauf der Zahlungsfristen wird beim Ausbleiben der Zahlung gemahnt; wenn hierauf nicht innerhalb einer Woche gezahlt wird, ist das Zwangsverfahren einzuleiten. Tie Deutsche Bank wird auf ihren Depositenkassen die erforderlichen Listen führen, wofür seitens der Gemeindeverwaltung sie eine Vergütung von 1 °/oo der eingegangenen Beträge erhält. J. Berlin, 11. Oktober. Eine von weit über 1000 Personen besuchte Versammlung des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" fand gestern abenh. unter dem Vorsitze des Herrn Justizrat Wilhelm Plonsker im Saale der „Gesellschaft der Freunde" statt. Die Versammlung stand unter dem Zeichen der kommenden Repräsentantenwahlen und nahm, da auch eine ansehnliche Zahl von Gegnern der Liberalen anwesend war, einen zeitweise recht lebhaften Verlauf. Allein dank der weitentgegenkommenden, geschickten nnd umsichtigen Leitung verlief die Versammlung, die erst nach Mitternacht schloß, in durchaus würdiger Weise. Herr Justizrat Plonsker eröffnete die Versammlung mit einem kurzen Hinweis auf die zahlreichen Gegner der Liberalen, den neugebildeten Jüdischen Wahlverein, die Neue Mittelvereinigung usw. Trotzdem haben die Liberalen allen Anlaß, ihre Wahlanssichten sehr günstig zu beurteilen, nur müßte jeder auf dem Posten sein und es nicht an sich fehlen lassen. Er gab sodann der Versammlung bekannt, daß Herr Geheimrat Professor Dr. Geiger durch ein Schreiben bereits im Monat Januar dem Verein mitgeteilt habe, daß er eine Kandidatur zu einer etwaigen Neuwahl unter keinen Umständen mehr .annehmen werde. Die Nominierung der liberalen Kandidaten bleibe einer demnächst stattfindenden Sitzung von Vorstand und Ausschuß Vorbehalten. Dann erhielt Direktor Dr. Minden das Wort zu seinem Vortrage: „Die Zukunft der jüdischen Gemeinde Berlin". Der Referent weist einleitend hin auf die Ergebnisse der beiden letzten Repräsentantenwahlen, die einen Sieg der Liberalen brachten, und betont, wie man in liberalen Kreisen stets auf die Anregungen und Wünsche der konservativen Repräsentantenkollegen nach Möglichkeit eingegangen sei und ihnen gern den ihnen gebührenden Einfluß gegönnt habe. Die letzte Periode sei keine unfruchtbare gewesen. Eine neue Synagoge geht der Vollendung entgegen, ein neues Gebäude für die Volksbibliothek und der Krankenhausneubau seien gesichert. Han habe auch in den kleinen und entfernten Vororten für geordneten Religionsunterricht und Gottesdienst gesorgt. Dann setzte sich der Vortragende in eingehender Weise mit den Gegnern auseinander, die er in drei Gruppen teilt. Die erste seien diejenigen, die ein großer jüdischer Gelehrter einst die „Ueberfrommen" genannt habe, und die im Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums jetzt organisiert seien, nachdem seinerzeit nach dem Siege der Liberalen der bekannte Zentralverein selig entschlafen war. Sein Hauptlebenszeichen war die Eingabe: „Es möge ein Rabbinat gebildet werben, das in Leben und Lehre auf dem Boden des überlieferten Judentums steht." Herr Dr. Minden betont, daß trotz der poesieumwobenen Zeit des innerjüdischen Ghettolebens von einst, doch jene Grundsätze heute nicht mehr möglich seien. Einen Sabbat, wie ihn einst unsere Vorfahren feiertenlasse die heutige Zeit leider nicht zu. Vor 15 bis?20 Jahren tvaren die Geschäfte in der Rosenstraße noch am Sabbat geschloffen, und heute? Aber haben etwa die bösen Liberalen dort den Sabbat abgeschafft? Ist es nicht vielmehr der Zwang der Zeit und der Verhältnisse. Die Zivilgesetzgebung, die Gewerbeordnung mit der Einführung der obligatorischen strengen Sonntagsruhe Mache es unmöglich, daß die jüdischen Geschäftsleute noch an einem zweiten Tage der Woche ruhen könnten. „Wenn jemand Interesse hat, den Sabbat zu konservieren, so ist es der Liberalismus." — Die zweite Gruppe der Gegner sind die ausgesprochenen Zionisten und „solche, .die schon einigermaßen auf dem Rückzuge vom Königreiche Jerusalem begriffen sind." Die Begeisterung und den Idealismus, der sich im Zionismus kundgegeben habe, erkenne auch er gern an. Aber „in die Verwaltung einer Gemeinde wie Berlin gehören sie nicht!" Wir Juden in Deutschland können in unseren Gemeinden keine Zionisten gebrauchen." Phantasmen von jüdischer Staatsbildung usw. können wir nicht unterstützen." Die dritte Gruppe sei die neue Mittelparte;, mit deren Gegnerschaft man wohl zu rechnen haben werde. Bis jetzt habe sie in der Richtung sich nur bemüht, den Liberalen das Wasser abzugraben. Allein noch wisse man nicht, wie und wohin der Weg gehe, daher werde man wachsam abwarten! Dann erfolgte seitens des Referenten eine erfreuliche Darstellung des Fortschrittes und des Wachstums der liberalen Vereinigung in allen Teilen Deutschlands, eine kurze knappe Revue der sonstigen Ereignisse von Bedeutung allgemein jüdischer Art und politischer Natur. Er gedenkt des Religionskongresses, der gezeigt, wie das Bedürfnis nach Religion immer noch recht stark hervortrete, erinnert an die politische Konstellation des schwarz-blauen Blockes und Prägt das teilweise mit großem Beifall, teilweise mit stürmischem Widerspruch aufgenommene Wort, daß auch die liberalen Juden bei den bevorstehenden Repräsentantenwahlen sich einem „schwarz-blauen Block" gegenübersehen. Wer „schwarz" sei, wisse man, und das Blaue, das seien die Zionisten, „die so ins Blaue hineinreden, das sind die jungen Herren, die die Welt so ansehen, als lebten wir in Jerusalem." Zum Schluß entwarf dann der Referent ein Bild der Zukunftsgestaltung der jüdischen Gemeinde, wenn etwa'der „schwarzblaue Block" das Regiment in der Gemeindeverwaltung führen würde. Daß das Bild nicht besonders ansprechend wirkte, ist erklärlich und ebenso erklärlich, daß sich ein starker Widerspruch von seiten jener geltend machte, die ihre Wirksamkeit „in der Zukunft" gezeichnet .fanden. Unter rauschendem Beifall schloß Herr Direktor Minden mit warmem Apell, für die Liberalen einzutreten. Dann sprach Herr Professor Dr. Blaschke über die „Liberalen in der Repräsentantenversammlung.^ Er entwarf in eindrucksvollem, vornehm gehaltenem Vortrag ein anziehendes Bild der überaus reichen und positiven Arbeit der liberalen Repräsentanten sowohl auf dem Gebiete der Verwaltung wie der religiösen Einrichtungen. Er wies überzeugend nach, daß die Liberalen trotz ihrer Majorität nichts beschlossen hätten, was den Konservativen Schädigung ihrer Interessen bedeuten könnte. Im Gegenteil, man sei allen ihren Forderungen gerecht geworden, sofern sie nur irgend eine Berechtigung hatten. Das wird dann im einzelnen durch einwandfreie Tatsachen belegt, die auch keinen Widerspruch von der Gegenseite erfuhren: Die Kommission zur Wahl von Ehrenbeämten, die Aenderungen für die Rabbinerwahl, die Regelung der Beamtengehälter der Gemeinde-, beamten, neue Bestimmungen über die Aufstellung des Etats usw. Ueber das Schulwesen werde in einer nächsten Versammlung Herr Professor Türk eingehend referieren, so daß er darauf nicht näher eingehen wolle. Auch Herr Professor Blaschke erklärte es für äußerst bedenklich, wenn Zionisteu in unsere Gemeindeverwaltung kommen, er erklärt sich auch unumwunden als Gegner der konfessionellen Volksschule, da dieser abgesehen von anderen Nachteilen, sehr bald auch die konfessionellen höheren Schulen folgen würden. Hier heißt es „Urinoixiis obstu". In sehr klarer und bestimmter Weise wandte sich dann Herr Professor Blaschke gegen die Unwahrheiten, die über Reformpläne der Liberalen in der Gestaltung de