Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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erstehen zu lassen. Das gilt nicht zuletzt voü den alttestamentlichen Schriften. . Ich bin etwas breit geworden in dieser Kritik. Aber es ging nicht anders, wenn ich klar machen sollte, wie das Manko der einen Methode mich zu der anderen führte: aus' Rödigers Genesis in Tholucks Psatmenauslegüng. (Fortsetzung folgt.") Anker Ssbbstgslt. Ein Stimmungsbildchen. ... „Um Stirn und Wangen, hager und bleich, An Furchen und an Narben reich, Die weißen Haare flogen. Es starrte sein Äuge in düsterer Glut Wie gähnender Abgrund in schäumender Flut. Das ist kein russischer Flüchtling mehr. Das ist er selber — ist Ahasver!" (Jakob Loewenberg.) ^^! mmer wieder mußte ich an dieses Dichterwort denken, J als ich unseren Sabbatgast betrachtete. Ich will ihn nicht schildern, sein Aussehen, seine Sprache, seine Bewegung; das ist alles schon hundert- und tausendmal besser geschehen, als ich es vermöchte. War er eine jener zweifelhaften Gestalten der „Pollacken", bei denen nur schwer Heuchelei von aufrichtiger Frömmigkeit zu unterscheiden ist?! Er erzählt, oder richtiger gesagt, er antwortet uns immer auf unser Fragen, wie er, ein 72 jähriger Greis, einst bessere Tage gesehen hätte; er hatte eine kleine Zigarrenfabrik in einem Neste bei Warschau, umgeben von treuen, fürsorgenden Kindern und besaß ein gutes Auskommen. Doch alles, Hab> und Gut, Frau und Kinder waren Opfer jener entmenschten Banden geworden. Ein Bild des Jammers. „Und was wollen Sie jetzt beginnen?" „Mit zweiundsiebzig Jahr unberufen, da begennt mer nett mehr, do heert mer off." Ich forschte nicht weiter. Die Sabbatmahlzeit beginnt. Doch umsonst hat sich die fürsorgende Hausfrau heute für noch mehr als doppelte Portionen vorbereitet, denn solche Gäste haben Appetit. Aber was ist das? Freundlichst dankend weist der Greis den ersten Gang zurück; er werde nichts essen, als etwas „Challe" und Schwarzbrot und Gurke. Und dabei bleibt er, trotz allen unseren Drängens. „Und warum essen Sie gar nichts anderes?" fragte ich ihn. „Weil er es bei dem einen halten wollte, wie dem anderen." Mechanisch schneidet er die zweite und dritte Gurke in kleine Würfelchen. Seit vielen Wochen, berichtet er, habe er nichts anderes, als dieses und ähnliche vegetarische Speisen gegessen, wohl auch einen Hering — man könnte doch nicht wissen, ob die „Sch'chite" ... „Wir sind also nicht orthodox genug," ergänzte ich. Tiefes Schweigen. . „So essen Sie doch wenigstens einen Teller Suppe, etwas Schalet, es ist alles gestern fertig gemacht; bei dem wenigen Essen müssen Sie doch zugrunde gehen," bittet ihn meine Frau freundlich. „Ich danke, mer senn längst zugrunde gegangen." Die ganze Sabbatmahlzeit besteht aus Brot und Gurken und Wässer, nachmittags statt Gang Nr. 3 schwarzer. Kaffee und abends wieder wie am Mittag. > Mein anfänglicher Unmut über den Gast wegen des Berschmähens aller anderen Speisen weicht, wie ich den genügsamen, unerbittlichen Alten in seiner religiösen Konsequenz 'betrachte. Das kann keine Heuchelei sein! Gegen meine sonstige Gepflogenheit beehre ich ihn mit dem Vortrag des Tischgebetes. Und wie er in Wehmut fleht: W’harwach lonu ad’ el’ m’heroh mikkol zoraussenu und w’harenu ad’ el’ b’nechomas zijaun irecho usw. begreife ich: Das ist echte religiöse Ueberzeugung. Den Sabbatnachmittag verbringt unser Gast wieder mit „Lernen" ans dem Schul- und Synagogenhof, schläft aber schließlich vor Ermattung dabei ein. Alle angebotenen Bequemlichkeiten hatte er dankend abgelehnt, um nicht lästig zu werden. „Aber Sie lernen ja den ganzen Tag," rede ich ihn nachher an, um eine Unterhaltung anzuknüpfen. „Kann ich anders? Darf merr anders? Muß ich nett?" An der Hand rabbinisch-talmudischer Belege begründet er mir die drei Fragen oder Antworten, wie man^s will. Diese Ausführungen erinnerten mich an jene Fabel vom Fuchs und den Fischen des Rabbi Akiba und deren Nutzanwendung. — „Wenn wir die Gotteslehre, die ein Baum des Lebens ist hoch und heilig halten und nach ihren Vorschriften leben, sind wir der Verfolgung preisgegeben, welche Zukunft dürften wir erst erwarten, wenn wir diesen unseren Lebensbaum durch Untreue und Verrat untergraben würden!" ,,.k Unsere weitere Unterhaltung über den „Raschi", russische Zustände, dies und jenes wird unterbrochen, als der Reisegenosse von gestern auf dem Hofe erscheint, der alte polnische Jude, der in einer benachbarten Großstadt wohnt und von dort aus seine regelmäßigen Besuche in die Provinz macht. Mit sichtlicher Freude gewahrt er, wie ich ihn als alten Bekannten beim Namen kenne, und als ich ihm gegenüber meiner Verwunderung Ausdruck gebe, daß sein Landsmann und Reisegenosse unser gutes „Schabbesessen" verschmäht habe, meint er entschuldigend: „Er ist noch nitt lang von Rußland fort." Eine kurze, aber vielsagende Antwort. Am Sabbatausgang „nach Schul" kommt unser Gast wieder, er möchte nur „gutt Woch^" wünschen. Die am anderen Morgen dargereichte Gabe will er dankend ablehnen, da er doch gestern unser Gast gewesen sei, und nicht zu viel verlangen dürfe. Wer fühlte nicht, daß dieser Greis mit seiner strengen Gebundenheit, seiner unbedingten Unterwerfung unter sein Schicksal etwas Imponierendes hat? Auch von einem „Pollack" kann mancher etwas lernen. M. A. Literarilche Mitteilungen. — Die Memoiren der Glückel von Hameln, geboren in Hamburg 1645, gestorben in Metz, 19. September 1724. Autorisierte Uebertragung nach der Ausgabe des Professors Dr. David Kaufmann von Bertha Pappenheim. Wien 1910. (14 unpaginierte und) 320 Seiten. Die vorliegende Ausgabe ist nur als Privatdruck erschienen, im Aufträge von Enkeln und Urenkeln des 1826 in Frankfurt a. M. verstorbenen Benedikt Salomon Goldschmidt,- dessen beide Gattinnen im sechsten Glieds von Jente, der Schwägerin Glückel Hamelns abstammten. Diesen Familienzusammenhang veranschaulicht die erste