Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-14 · Heft 41 (14.10.1910) · p. Seite 489

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 41 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228949--66895-3279056
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Veröffentlichung überlassene Text stammteaus dem Nachlaß des Bischofs. Neander, des Referenten im Kultusministerium. Es war das Konzept, welches — wohl nach den Ratschlägen des Bischofs selber — an den betreffenden Stellen etwas modifiziert worden ist. Daß die mit der Hallischen Denunziation eingeleitete Umgestaltung des aUtestamentlichen Unterrichts auf den staatlichen Universitäten auch auf die mit den gleichen Problemen beschäftigte jüdische Theologie nicht ohne Einwirkung bleiben konnte, liegt auf der Hand. Der gegenseitigen Bekämpfung ist doch immer ein von einander Lernen, auf die Argumente des Gegners Achten, zur Seite gegangen. Aber dieser Punkt muß heute außer Betracht bleiben. Statt dessen lassen Sie mich noch einen Moment bei der Gesenius-Rödigerschen Würdigung des alten Testaments verweilen. Diese altrationalistische Schule hat nämlich ein bleibendes, unausrottbares Verdienst, aber auch eine unverkennbare Schranke. Das eine wie das andere hängt mit der allemeinen geistigen Atmosphäre jener Aufklärungsperiode zusammen, deren interkonfessioneller Charakter bereits oben gestreift wurde. In dem schon erwähnten ersten Bande (der dritten Auflage) meines Handbuchs hat es sich um eine recht eigentliche Ehrenrettung des bis dahin fast nnr nach seinen Schattenseiten dargeftellten Rationalismus gehandelt. Die gleiche Aufgabe wird sich immer wieder neu stellen gegenüber den in jeder Reaktionsperiode erneuten rückläufigen Bestrebungen in Kirche und Staat. Meine Gesamtauffassung wurzelte in dem (in den „Stillen Stunden" niedergelegten) Notheschen Gedanken, daß der Nationalismus, wenn auch eine schlechte Theologie, doch keine so üble Religion sei. Diese zum geflügelten Wort gewordene Rothesche These wrrd nun aber nicht nur mit Bezug auf den zweiten, sondern auch mit Bezug auf den ersten Teil beherzigt werden. Durch eine einseitige Verstandesrichtung wird das Gemütsleben nicht befriedigt. Die historischkritische Forschung für sich allein wird dem, was das Buch der Bücher auch für alle zukünftigen Geschlechter bleiben wird, nicht gerecht. Das ist gerade in jener Rödigerschen Vorlesung über die Genesis, die jenen oben geschilderten bleibenden Wert für mich hatte, doch zugleich schon dem jugendlichen Anfänger klar geworden. Es ist vorher betont worden, was die Erinnerung an das Rödigersche Kolleg mir in der Zeit des Babel-Bibel-Spektakels gewesen ist. Aber umgekehrt hat mir doch in dem gleichen Kolleg etwas gefehlt, was ich schon im Jahre 1856 instinktiv fühlte, worüber ich aber ebenfalls erst später völlig ins klare gekommen bin. Der Schwerpunkt wurde auf die Ausweisung der älteren Quellen gelegt. Die Unterscheidung derselben hat bekanntlich seit dem berühmten Merk von Astruc, dem übrigens noch Moses selbst als der Bearbeiter der von ihm schon Vorgefundenen Quellen galt, die verschiedensten Stadien durchgemacht. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im wesentlichen nur eine elohistische und eine jehovistische Grundschrift unterschrieben. Diese Sichtung der Quellen ist nun von Rödiger von Kapitel zu Kapitel peinlich genau durchgeführt worden. Das Endergebnis war eine ähnliche Schablonisierung, wie sie uns in dem gleichzeitigen Kolleg Erdmanns über die Geschichte der Philosophie entgegentrat, und wie sie ihren kaum noch zu überbietenden Höhepunkt in Strauß' Leben Jesu erreichte. Bei dem einen wie bei dem andern verstanden sich, wenn einmal die Vordersätze gegeben waren, die Nachsätze von selbst. Speziell bei der Erklärung der Genesis war damit eine unentbehrliche Vorarbeit gegeben. Einem Gelehrten wie Rödiger fiel die Widerlegung der Hengstenbergschen Advokatenkünste, welche sowohl die Einheit wie die mosaische Abfassung retten sollten, ebensowenig schwer als etwa die Widerlegung von Rudolf Stiers „Jesaja, nicht Pseudo Jesaja." Aber für ein wirkliches Verständnis des religiösen Gehalts der Genesis ist es eben doch nur eine Vorarbeit, die damit getan war. Gewiß ist es literargeschichtlich von hohem Wert, die Anregungen zu kennen, welche einen künstlerischen Genius bei der Wahl und Bearbeitung seines Stoffes geleitet haben. Eines der jüngsten Beispiele dafür sind die hochinteressanten Daten aus Uhlands Tagebüchern in der Zeit, wo in dem damals wüst liegenden Hohenheim des „Sängers Fluch" vor sein Dichterauge getreten ist. Aber ist uns damit das Kunstwerk selber so erklärt, daß wir es etwa von uns aus nachmachen können? Eine solche Parallele kann natürlich nur ganz im allgemeinen klar machen, inwiefern schon junge Studenten ein Manko fühlen konnten, über dessen Charakter sie sich natürlich noch keine Rechenschaft zu geben vermochten. Aber sie darf doch als Unterlage dienen, um den springenden Punkt deutlicher ins Licht treten zu lassen. Nur muß dabei wieder subjektiv individuell vorgegangen werden. Bei der Auslegung der ältesten Urkunde des Menschengeschlechts hatte ich unwillkürlich gehofft, etwas darüber zu lernen, wie es denn eigentlich kam, daß nur diesem einen kleinen Volke jene Offenbarung ausgegangen war, die der an Abraham gerichteten Mahnung: „Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm" ebenso zugrunde lag. wie den aus Josefs Munde stammenden Notschrei: „Wie sollte ich ein solch großes Uebel tun und wider Gott sündigen?" Weder mit der Sichtung der Quellen noch mit der sprachlichen Erklärung schwieriger Ausdrücke war ich für diese Hauptfrage auch nur einen Schritt weiter gekommen. Und so war es schließlich doch trotz der soliden Gelehrsamkeit, trotz des glänzenden Scharfsinns doch eine ähnliche Nichtbesriedigung die mich zumal bei der in den nächsten Ferien vorgenommenen Exzerpierung des Kollegs erfaßte, wie sie Emanuel Geibel ebenfalls aus eigener Erfahrung geschildert hat. Seine Spätherbstblätter haben aus Grund seiner Jugend erinnerungen die köstliche Satire gebracht über den „Hofrat auf dem Katheder, den Meister, der mit Ruhm Hebraica traktiert." Während seiner Vorlesung hat der gelehrte Herr im Text des Habakuk ein Aleph an verkehrter Stelle entdeckt Ueber dem Nachweis dieses Fehlers gerät er so in Eifer, daß er auf das Buch schlägt, bis das vermeintliche Aleph wegspringt. Es war nämlich ein Fliegendreck auf dem Blatt Noch mehr beinahe hat nachmals ein anderes Scherzgedicht Geibels über die Einseitigkeit der seminaristischen Methode die eigenen jugendlichen Empfindungen nur deutlicher gemacht. Bei dem feurigsten der Dichter Nichts als öde Textkritik, Nirgends in die Flammenlichter Seiner Seel' auch nur ein Blick. Notenkram zu jeder Zeile, Konjekturen hin und her. Diesen Kelck der Langeweile Trink ein andrer willig leer. Von denr schönen Altertume Weht mich hier kein Odem an, Nur die duftlos welke Blume Im Herbar zergliedert man. Diese Zergliederung der duftlos welken Blumen des Herbars wird stets die erste Ausgabe aller Geschichtsforschung bleiben. Denn was sind im Grunde unsere Geschichtsquellen anders? Aber es muß die Intuition, das Zusammenschauen dazu kommen, um aus dem Toten das Lebendige wieder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.