Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber bei einem der eigenen wissenschaftlichen Ueberzeugung folgenden Sohne hat dieser Rückschlag der Autorität des Vaters gegenüber noch weniger als bei anderen ausbleiben können. Es mußte dies um so mehr der Fall sein, seit die junge Assyriologie in der wissenschaftlichen Welt die gleiche Bewegung hervorrief, wie ein Menschenalter früher die Aegyptolozie. Die durch die letztere veranlaßte Umwälzung der bisherigen Geschichtsanschauung war mir während zweier in Aegypten verbrachter Winter in den Büchern von Bimsen und Lepsius nahe getreten. So konnte es für mich nichts weniger als verwunderlich sein, als die großartigen Ausgrabungen und Entdeckungen in Jnnerasien der bereits von Eberhard Schräder auf festem Boden begründeten Asshriologie gewissermaßen eine neue Welt erschlossen. Was sich aber damit nicht notwendig zu verbinden brauchte, und wovon bei dem Meister Schräder am wenigsten die Rede war, ist bei dem zum volkstümlich gewordenen Redner der Fall, denn das ist kurz gesagt jener Rückschlag von dem einen Extrem ins andere. Die Unterschätzung dessen, was der Vater üb erschätzt hatte. Der ungerechten Behandlung des Alten Testaments, der Verkennung seines unzerstörbaren Offenbarungscharakters kam dann die mächtig anschwellende Tagesmode entgegen. Eine Schulung durch Gesenius und Rödiger hätte vor dem Rückschlag bewahrt, welcher für den Schüler des Vaters Delitzsch mit dem Sprung über den häßlichen, breiten Graben verbunden war. Denn so vieles Neue auch im einzelnen durch die neuen Entdeckungen geboten wurde, — die mit solcher Emphase in die Welt gesetzte These von der alttestamentlichen Nachbildung der assyrisch-babylonischen Urgeschichte ist durchaus nicht neu gewesen. Die hat uns Rödiger schon im Jahre 1856 in seinem Kolleg über die Genesis, dessen lückenlose Nachschrift mir vorliegt, genau ebenso vorgetragen. Dieser eine Punkt steht nun aber durchaus nicht allein da. Von seinem Lehrer Gesenius schon früh auf den Wert der phönizischen Schriften hingewiesen, hat Rödiger die Entwicklung Israels stets im Zusammenhang mit der der Nachbarvölker vorgeführt. Aehnlich stand es mit der Behandlung der messianischen Weissagungen. Die waren von dem Vater Delitzsch noch ganz im Sinne der altkirchlichen Hermeneutik gedeutet. Der Schüler von Gesenius lehrte den ursprünglichen Sinn und die nachmalige Deutung und Anwendung klar .unterscheiden. Die von Gesenius begründete (und nicht nur von Rödiger, sondern nicht minder von Knobel, Tuch, Hupfeld — um von den ebenbürtigen Antipoden Hitzig und Ewald zu schweigen — fortgebildete) Methode wurzelte wie vieles Aehnliche, in der Neugestaltung der Theologie im Ausklärungszeitalter. Diese Neugestaltung hatte sich gleich sehr in der Protestantischen und katholischen Theologie vollzogen, und beiden war (wie schon im ersten Bande meines Handbuchs durchgeführt ist) gleichzeitig auch die jüdische Forschung zur Seite getreten. Aber nur zu bald folgte ein Rückschlag gegen die französische Revolution, die entgegengesetzte Pendelschwingung, in welcher, wie Aufklärung und Rationalismus überhaupt, so auch diese Behandlung des'Alten Testaments als Abfall und Unglaube ausgeschrien wurde. Gleichzeitig mit der Restauration des weltlichen Papsttums und des Jesuitenordens hat die gleiche rückläufige Tendenz auch innerhalb des Protestantismus die Stäatslenker in ihren Dienst gezogen. Die Absetzung des für die alt- Und ueutestamentliche Forschung gleich bedeutsamen Berliner Profefförs de Wette auf Grund einer Denunziation im königlichen Kabinet machte den Anfang. Seitdem haben diese geheimen Denunziationen und die für dieselben verwertete Spionage in den Vorlesungen der Universitäts- Professoren eine immer beliebtere Rolle gespielt. Innerhalb des Katholizismus können wir den Anfang derselben auf, die Bekämpfung der echt deutschen Theologie von Hermes und seinen Schülern zurückführen. Die Belege dafür braucht man nicht einmal in den Schriften der Hermesianer zu suchen. Die eingehende panegyrische Biographie des Mannes, der als junger Student in Bonn mit solchen Denunziationen debütierte, des späteren Titular- Bischofs Laurent, führt noch viel tiefer in dieses lichtscheue Getriebe hinein, welches gegenwärtig seitens der päpstlichen Kurie vor aller Welt sanktioniert ist. Die dieser Denunziation zuerst zum Opfer gefallene Hermessche Schule hat in ihrem Einfluß auf eine begeisterüngsfähige Jugend mit der Schleiermacherschen Theologie gewetteifert. Seither sind noch zahlreiche ähnliche wissenschaftliche Bestrebungen innerhalb des Katholizismus von dem gleichen Todfeinde vernichtet. Aber das Auffälligste ist, wie sich jener Laurentschen Spionage fast gleichzeitig auf protestantischem Boden die sprichwörtlich gewordene hallische Denunziation angereiht hat. Geschichtlich hat sie ihren schärfsten Richter in Treitschke gefunden. Und doch ist sie fast noch mehr durch das spätere Verhalten ihres Urhebers prostituiert worden. Denn die (ebenfalls auf Grund von studentischen Nachschriften in die Hengstenbergische Evangelische Kirchenzeitung lancierte) Anklage gegen Gesenius und Wegscheider führt sich auf denselben Ludwig von Gerlach zurück, welcher der evangelischen Kirche, deren Glaubensretter er sein wollte, schließlich selber den Rücken gekehrt hat. Die politische Rolle dieses ersten Ruudschauers der Kreuzzeitung, der seinen Bruder Leopold, den einflußreichsten Generaladjutanten Friedrich Wilhelms IV. und Lehrer und Gönner des jungen Bsimarck, förmlich suggestiv beeinflußte, gehört nicht hierher. Genug, daß er als Hospitant des Zentrums und leidenschaftlicher Gegner der Bismarckschen Einigungsbestrebungen geendigt hat. Denn hier interessiert uns nur, daß sein Debüt in dem Kampf gegen die wissenschaftliche Auslegung des Alten Testaments bestanden hat. Dieser Kampf ist aber nicht, wie mau lange glaubte, erfolglos gewesen. Nach dem Tode des Kultusministers v. Altenstein ist die von diesem geheim gehaltene Kabinettsordre bekanntgeworden, welche das Prinzip. der freien wissenschaftlichen Forschung mit Bezug auf die zukünftige Anstellung der theologischen Professoren im Grunde zur Illusion machte. Von da an hat es eine staatlich oder besser eine höfisch privilegierte Theologie an den Universitäten gegeben. Sowohl in der altwie in der neutestamentlichen Forschung wurden die berufensten Männer zurückgewiesen. Als die zuverlässigste Quelle für diesen Hergang kann auch hier die panegyrische Biographie eines Mannes genannt werden, der dabei ebenso tätig eingriff, wie Bischof Laurens in der römisch-katholischen Kirche. Es ist das Lebensbild Hengstenbergs v. Bachmann. Nur in einem nebensächlichen Punkte bedarf sie, was die alttestamentliche Forschungsmethode von Gesenius angeht, einer Ergänzung. Vachmann hat aus den Akten des Kultusministeriums die Verteidigungsschrift mitteilen könnenwelche Gesenius gemeinsam mit seinem Kollegen Wegscheider gegen die Denunziation in der Hengst enbergischen Kirchenzeitung eingereicht hatte. Er macht dabei darauf aufmerksam,, daß der Text hin und wieder abweicht von demjenigen, den ich einige Zeit vorher in der Protestantischen Kirchenzeitung veröffentlicht hatte, erklärt sich aber außerstande, den Widerspruch aufzuklären. Die Lösung des Rätsels ist einfach. Der mir zur