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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-14 · Heft 41 (14.10.1910) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 41 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
Seite 487 (sequence 7)
Language
German
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Und so harren wir auf die Erfüllung Deiner göttlichen Verheißung, daß einst Deine Macht und Herrlichkeit aller Welt offenbar werde und aller Wahn und Unglaube schwinde, daß eine neue Welt sich ausbaue auf dem versittlichenden Glauben an Dich und alle Menschen sich zu Deinem heiligen Willen bekehren. O, laß die frohe Zeit der Verheißung immer näher kommen, da jedes Haupt sich Dir neiget, jede Lippe Dir huldigt. Laß den Neujahrstag kommen wie einen Herold von Dir, Deine Gottesbotschaft aufs neue uns zu künden! Laß ihn kommen, unseren Geist zu erleuchten, unser Herz zu läutern, unsere Treue zu festigen und Frieden zu bringen unserer Seele! Gelobt seist Du, o Weltenkönig, der diesen Tag der Weihe uns gegeben, an dem wir Deinem Namen huldigen. Eine sehr merkwürdige Neuerung besieht darin, daß im Hauptgebet für den Versöhnungstag, genauer zwischen dem Haüptgebet und dem Nachmittagsgebet etwa 20 Seiten eingefügt werden untex dem Titel: „Ausgewählte Stücke aus den religiösen Quellenschriften", teils aus der Bibel, teils aus dem Talmud, einzelnes auch aus Maimonides und dem LeKuledan Aruch. Dieser kurzen Inhaltsangabe sei eine Kritik nicht angefügt. Sie kann erst gegeben werden, nachdem die oben erwähnte Denkschrift vorliegt, und nachdem vor allem nach dem ersten Gebrauch dieses Gebetbuches ein Urteil über seine, Wirksamkeit möglich ist. Aber ich wollte nicht, verfehlen, von dieser hochwichtigen Erscheinung meinen Lesern sogleich Mitteilung zu machen. Es ist — denn das Gebetbuch des Hamburger Tempels und der jüdischen Reformgemeinde zu Berlin waren für Separatgemeinden bestimmt — das erste wesentlich deutsche Gebetbuch einer Hau Pt gemeinde und muß schon aus diesem Grunde von allen Freidenkenden froh begrüßt werden. Ein Buch, das jeder, auch der des Hebräischen völlig Unkundige lesen, aus dem jeder sich erbauen und erhebeü -kann. Die Herstellung eines solchen Buches ist eine bedeutungsvolle, mutige Tat, für die der großen Frankfurter Gemeinde der Dank aller derer gesagt werden muß, die die Verinnerlichung des Gottesdienstes und die Belebung des Judentums in fortschrittlichem Sinne wünschen und jeden Versuch dazu froh begrüßen. Ludwig Geiger. Gemeinsame Lukmittsaukssben jüdischer und christlicher Theolosie. Mn Ausblick vom Nebo. Von F. Nippold. I, ie nachstehenden Untersuchungen und Erinnerungen knüpfen wohl am besten an an das Sendschreiben an Döllinger über „die Zukunstsaufgaben der interkonfessionellen Forschung als vergleichender Konfessionsgeschichte". Dasselbe ist im Jahre 1888 als dritter Teil der drei zeitgeschichtlichen Abhandlungen erschienen, welche den gemeinsamen Titel „Katholisch oder jesuitisch?" trugen, leider aber nur noch im Antiquariat erhältlich sind. Seitdem sind jene gemeinsamen .Zukunftsaufgaben noch um vieles deutlicher herausgetreten in den mannigfachen Wechselbeziehungen sowohl zwischen der katholischen und protestantischen, wie zwischen der jüdischen und christlichen Theologie. Es ist dies nicht im Sinne des Jndifferentismus gemeint, sondern-- von dem unerschütterlichen Boden jenes Gottesglaubens aus, der uns allen zunächst im alten Testament „offenbart" worden ist. Den Gedanken der „Offenbarung", wie ihn mein großer Lehrer Rothe in den grundlegenden Untersuchungen „Zur Dogmatik" an die Stelle deö -wissenschaftlich unhaltbaren Formulierungen des Jnspirationsbegriffs gesetzt hat, mögen noch so viele zugleich mit den letzteren abschütteln zu können glauben- Ich für mein Teil habe das nie vermocht. Und ebensowenig wie für Rothe ist es auchfür mich eine bloß symbolische Auffassung, .daß, um in seinen eigenen Worten zu reden, „der Herr Christus Judentum und Islam in die Geschichte hineingestellt hat, als Zeugnisse wider das in seiner Verkirchlichung um sein Selbstverständnis gekommene Christentum." Neben Rothe ist auch an dieser Stelle Döllinger für mich vorbildlich gewesen durch seine grundlegende Arbeit über die Juden im Mittelalter. Der dritte im Bunde ist aber auch hier Lazarus, auf dessen Initiative sich bereits der eben angeführte Döllingersche Aufsatz zurückführte. Gehen wir aber gleich mediam in rem! Ich möchte nämlich an dieser Stelle das weiter begründen, was inHilgenselds Zeitschrift über die Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und christlicher Theologie ausgeführt ist. Es handelt sich aber um schlichte Vorarbeiten für eine spätere Zeit, in welcher sich die „gemeinsamen Zukunftsaufgaben" klar und bestimmt von den selbstverständlich fortdauernden Kontroversfragen, abgrenzen werden. Ich glaube dem hier am besten zu dienen, wenn ich solche Forschungen christlicher Gelehrter über das alte Testament, welche jenen gemeinsamen Boden begründen helfen, durch persönliche Erinnerungen zu illustrieren suche. Obenan stellt sich mir darunter die Rödigersche Vorlesung über die Genesis. 1. Die Genesis-Vorlesung von Rödiger. ' ' Die verschiedenen Richtungen innerhalb der protestantischen Theologie haben sich speziell mit Bezug auf ihre Stellung zum Alten Testament selten so scharf von einander abgegrenzt, als in derjenigen Zeit, in welcher die der Revolution von 1848 gefolgte dumpfe Reaktion ihren Höhepunkt erreicht hat. Es sind die Jahre, welche der neuen Aera vom November 1858 unmittelbar vorhergehen. In diese Jahre sind nun gerade die Anfänge meiner Universitätsstudien gefallen. Meine persönlichen Erfahrungen in dieser Hinsicht haben im Wintersemester 1856/57 eingesetzt. In ihrem vollen Werte habe ich diese Erfahrungen erst schätzen gelernt, als der Tageslärm über das geistreich sein wollende Wortspiel. „Babel-Bibel" begann, welches durch einen vor einer Hofgesellschaft gehaltenen Vortrag mit einem Schlage Mode geworden war. Äls junger Student hat man natürlich keine Ahnung von -den Gegensätzlichkeiten der im Kampf ums Dasein mit einander ringenden Schulen. Aber die damaligen Kontroversen sind mir später eines der lehrreichsten Symptome für die Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und christlicher Theologie geworden. Es sei mir gestattet, um dies ins Klare zu stellen, gleich in dem ersten von mir gehörten Kolleg einzusetzen. Es war dasjenige über die Genesis, bei dem in die philosophische Fakultät verwiesenen grundgelehrten Rödiger, dem kongenialen Schüler von Gesenius. ,; Der bekannte Vortrag von Friedrich Delitzsch wird, in seiner Vorgeschichte in der Seele seines Verfassers nur von dem recht verstanden, der die Werke seines Vaterß. kennt. Franz Delitzsch ist einer der besten christlichen Kenner auch der talmudischen Literatur gewesen, war aber nach seinem eigenen Zeugnis durch einen häßlichen breiten Graben von den historisch-kritischen Schulen getrennt. Die in den. letzteren geschulten Theologen sind nie in die Lage gekommen, den sprichwörtlich gewordenen Rückschlag aus dem einen Extrem ins andere mitzumachen.

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