Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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mit Unrecht als „Stifter des Christenesus von Nazareth ausgesprochen hat. Sonst stehe ich im wesentlichen (natürlich nicht in allen einzelnen Anschauungen^ und Aussprüchen) aus dem Boden des pro pH e tisch e n Juden tum s (Jesajas usw.). Me ich das schon infolge -einer Rundfrage in der Zeitschrift „Nord und Süd" im Januar 1909 dargelegt habe. Die großen Propheten' predigen den reinen Monotheismus, kennen keine Auferstehung und keine persönliche Fortdauer des Menschen uach dem Tode, ein Gedanke, der erst später von dem Griechentum in das Judentum übernommen wurde. Sie Hoffon aus den Messias, d. h. nach unserer jetzigen Auffassung aufeine messianische Zeit, in der wirklich Friede aus Erden sein Wirts <Jesajas II, Xl. Micha IV usw.), den bisher -noch niemand gebracht hateine Zeit, an deren Herbeiführung mitzuarbeiten ' aller Menschen und insbesondere der Juden Pflicht ist. -- / . Das.- prophetische -Judentum ist eine Fortbildung der mosaischen-Religion, aus der es die Grundlagen der Moral und Ethik--namentlich die Zehngebote, die Gebote der Nächstenliebeausgleichende Gerechtigkeit, Haftpflicht usw. übernommen hatwährend es auf die Zeremonialgesetze des Mosaismus den geringeren Wert legü (Jesaja I, 11,hVlllöff., Jeremias VII; Ezechiel XVIII, Hosea VI, Minos V), Micha VI. In dieser letzteren Beziehung (Zeremonialgesetze) ist auch der fortschreitenden Zeit entsprechend schon manche Aenderung und Fortbildung erfolgt und wird auch weiter erfolgen. Nur soll, -wie ich meine, diese Weiterbildung nicht stürmisch und -gewaltsam -erfolgen, wobei sie doch keinen Bestand haben würde, sondern sich allmählich und ohne Verletzung tief eingewurzelter Gefühle vollziehen. Das neue LrsnKkurter Gebetbuch. ^ie Frankfurter Gemeinde hat einen neuen schönen , Tempel gebaut (Westend-Synagoge), über den an anderer Steh^ dieses Blattes berichtet wird. Dem Bedürfnis , des fortgeschrittenen T.eiles der Gemeinde entsprechend ist für die Synagoge ein. Gebetbuch y gestaltet worden, das die ..hebrstische Sprache, wenn auch nicht ausschließt, so doch stark . zurückdrängt r Untz das^die ungebührliche Länge des Gottes- Dienstes erheblich beschränkt. Dem kurz vor den hohen Feiertagen erschienenen Werke ist keinerlei Einleitung beigegeben; ,es heißt nux „Die leitenden Grundsätze, nach denen das nach eingehenden Kommissionsberatungen hervorgegangene Gebetbuch, bearbeitet ist, werden in einer besonderen Denkschrift; veröffentlicht". Diese Denkschrift muß abgewartet werden, , damit -Fachmänner sich über den Wert des neuen Unternehmens aussprechen. Bei der großen Wichtigkeit indessen, welche dieses neue Unternehmen für die Freisinnigen beän- , fprucht. sei ein vorläufiger Hinweis gestattet. Der Unterschied dieses Werkes von den bisherigen / amtätfjftr Augevlti^ bcxtin, böfe das Buch von links nach rechts, wie unsere gewöhnlichen deutschen Bücher, nicht, wie die üblichen Gebetbücher von rechts nach links gedruckt ist. '' ' " Israelitisches Gebetbuch. Im Aufträge der Verwaltung der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. Bearbeitet von Rabbiner Dr. C. Seligmann. Erster Teil: Sabbat. Festtage und Werktag. Zweiter Teil: Neujahrsfest und. Versöhnungstag.: Frankfurt a-,M. 1Ä10- Selbstverlag der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. Druck "von M. Lehrbergev & Co., Rödelheim. Der innere Unterschied ist darin zu sehen,- daß anstelle der hebräischen Gesänge und Gebete, deutsche getreten sinddaß unzählige Stücke ausgelassen wurden, und daß der Rabbiner eine weit größere Aufgabe zu leisten hat, als bisher, da ihm, nicht dem Vorbeier, sehr viele dieser deutschen Gebete zufallen. Ich begnüge mich mit zwei Beispielen. Am Freitag abend wird hebräisch nur leoho äauäi, das sch’raa,- das Bekenntnis Wehtoju hadvorim, WeschomTu, das Kiddusch und das Kaddisch der Leidtragenden hebräisch gesagt, alles andere deutsch. Der Gottesdienst für das Neujahrsfest umfaßt im ganzen -noch nicht 60 Seiten kleinen Formats. Er beginnt (für den Morgengottesdienst) mit einem Chorgesang. Daran schließt sich Psalm 90 in deutscher Uebertragung. Hebräisch ist in dem /Morgengottesdienst Owinu malkenu. Bei der Thora- ^.vorlesung sind die hebräischen Sprüche des Aufgerufenen bei- /behalten, merkwürdigerweise auch die Phrase mikol ho am im. / Beim Aus- und Einheben sind die üblichen hebräischen Gesänge / gewahrt. Das Schosarblasen mit einem einleitenden deutschen Gebet und das Kaddisch schließen das Morgengebet. Das Hauptgebet (dies die Bezeichnung für Mussaf) verzichtet auf das stille Sprechen des Achtzehnt-Gebets, die Keduschah ist halb deutsch, halb hebräisch; dann folgen,ausschließlich deutsche Gebete, die als: Malchujos-, Sichronos, Schoforbs mit entsprechenden deutschen Umschreibungen bezeichnet sind. Von Rzeh bis zum Schluß des Achtzehn-/Gebets folgt nur der hebräische Text (dieser natürlich wie alle anderen Stücke mit nebenstehender deutscher Übersetzung). Das Kaddisch: der Leidtragenden, ein kurzes deutsches Gebet und ein Chorgesang machen den Schluß. Besser als durch diese Worte wird durch einzelne Proben die Bedeutung des neuen Gebetbuches klar gemacht. Die Lieder sind einfach und schlicht, z. B. folgendes nach dem letzten Schosarblasen. Hallelujah! Die Wahrheit siegt, der Nebel sinkt. Der Menschheit goldner Morgen winkt! .; Jauchzt Deinem Gotte zu! Er trägt empor aus Nacht und Schmerz Das ruhelose Menschenherz Und bringt es still zur Ruh! Hallelujah. Oder folgendes Schlußlied: Gott, wie ist Deine Liebe so groß, Daß die Menschen sich bergen können In Deinem Schoß. In Dir nur finden wir unsere Ruh, Du deckst uns mit Deiner Gnade zu; Du bist uns des Lebens Quell, In Deinem Lichte wird uns hell. Die deutschen Gebete sind stimmungsvoll mit möglichstem Anschluß an den hebräischen Text. Für sie möge ein Beispiel (Malchujos) genügen: . „Lasset uns preisen den Herrn der Welt und huldigen dem ewigen Schöpfer, der uns vor heidnischem Wahn bewahrt und uns berufen hat, Zeugen seiner Wahrheit zu sein von . Geschlecht zu Geschlecht. Vor ihm, dem König aller Könige, dem Heiligen beugen wir uns und huldigen ihm. Er hat den Himmel gewölbt und die Erde gegründet; seine Herrlichkeit erfüllet alle Welt. Er ist unser Gott, kein anderer, er ist in Wahrheit der Weltenkönig, keiner außer ihm. So ward es vor Jahrtausenden unseren Vätern von Mose, unserem großen Lehrer, verkündigt: „Erkenne heute und nimm es Dir zu Herzen, daß Gott allein waltet im Himmel oben und auf Erden unten".