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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-14 · Heft 41 (14.10.1910) · p. Seite 485

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 41 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
Seite 485 (sequence 5)
Language
German
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485 in der Rede. Ihr lippenförmiges Blatt regt den alten Lehrer zu dem Ausspruche an: ^.raba domeh lepeli. Die Bachweide gleichet dem Munde und mahnet: „Wählet gute Worte!" Die Welt weiß das gute Wort zu schätzen. Sie sagt: Gut Wort, gut Weg. Sie meint, daß gute Worte weiter führen als vierspännige Wagen. Aber lauert hinter dem guten Wort nicht oft Berechnung und schlaue List? Du lebst immer noch alter Efron und sagst: „Ich gebe Dir das Feld und die Höhle," später aber erläuterst Du Deine Rede: „für vierhundert Gulden." Und auch Du, falscher Laban, bist nicht ausgestorben, der Du unter dem Deckmantel der Gastlichkeit Deinen Schützling ausbeutest. An die glatten Verführerworte von Leuten wie Absalom und Jerobeam, an die einschmeichelnden Lügenreden der falschen Propheten will ich nur ecinnern, und vor unserer Seele treten allerlei Maskenmenschen, die ihr wahres Wesen heuchlerisch verstellen, und deren schlau gesetzte Reden Leimruten für Gimpel sind. Gute Worte sind echte Worte, Worte, darinnen das Herz schlägt, darinnen Liebe klingt. „Es liegt darin ein wenig Klang, ein wenig Wohllaut und Gesang, doch eine volle Seele!" Es brauchen nicht lange, wohlgeformte Predigten zu sein. Solche Worte find oft gar klein und fein wie jenes Jofephswort: „Gott sei Dir gnädig, mein Sohn," oder das Treugelübde Davids und Jonathans. „Der Ewige sei zwischen Dir und mir." Ja, es bedarf oft gar nicht der Worte. Wer mir in meinem Schmerze still die Hand drückt, hat. mich oft wirksamer getröstet, als ein anderer durch aufdringliches Gerede. Die leisen Worte sind oft die lautesten. y Muß ich sie weiter kennzeichnen die guten Worte, die Worte der Sanftmut und des Friedens, welche Wunden heilen und Gegensätze aus- LZ. Senator, gleichen, die Worte der Belehrung und Zurechtweisung, welche mit Sonnengewalt die Nebel der Unkenntnis und Mißverständnisse beseitigen, die Worte des Gebetes, in denen die Seele Höhenluft atmet, jenes echte Gebet, für das der Jbsensche Vers von Dichten gilt: Dichten heißt kämpfen mit den Wichten in Herz und Hirn. Dichten heißt sich selber richten mit freier Stirn." Gute Worte sind rettende Engel. Wie wir Kinder waren, glaubten wir, wo Blumen sprießen, da hätte der leichte Fuß der Himmelsboten sie geweckt, wo hinter einer Tür der Hader sich erhob, harrten wir auf den Engel, der den Frieden bringt. Legten wir uns zur Ruhe, die Engel umstanden unser Kinderbett und schenkten uns süße Träume. Wir Alten sehen keine Engel mehr. Wirklich? Sind nicht die guten Worte wie Blumen, Friede und traumhaftes Glück, und wer sie bietet, ein Sendbote der Ewigen der Heerscharen? Bachweide, komm, führe uns zu den Wassern des Lebens, zu dem, von dem Du uns einen Psalmengruß winkest: ki imcha mekor chajim. „Bei Dir ist des Lebens Born!" ch bin am 6. Dezember 1834 in GtzesemMvvreN^'tzabe''' da die jüdische Gemeindeschule besucht und bin dann, von deren erstem Lehrer Stenzel privatim vorbereitet, 1845 in die Unterquarta des Friedrich Wilhelms-Gymnasium in Posen gekommen, an dem ich Ostern 1853 das Abiturienten-Examen machte. Ich bezog dann die Universität in Berlin, um Medizin zu studieren, promovierte im März 1857 und machte im darauffolgenden Winter das Staatsexamen, worauf ich mich im Frühjahr 1858 als Arzt in Berlin niederließ. Von meinen Lehrern haben einen besonderen Einfluß geübt: Johannes Müller, bei dem ich 1V2 Jahr Amanuensis war, dann Traube, M. H. Romberg und Schönlein. Nach drei Jahren der Praxis bestand ich das Physikais-Examen, und einzelne der mir dabei gestellten Aufgaben veranlaßten mich zu wissenschaftlichen Arbeiten, die ich neben meiner Praxis, deren ich zu meinem Lebensunterhalt bedurfte, betrieb, und auf Grund deren ich 1868 zur Habilitation als Privatdozent in der medizinischen Fakultät zugelasfen wurde. 1875 wurde ich durch die Kaiserin Augusta zum Chefarzt der inneren Station des Augufta- Hospitals ernannt, und kurze Zeit darauf zum Professor extraordinarius an der Universität. Damit war die günstigste Wendung in meiner Laufbahn eingetreten, denn ich konnte nun die allgemeine ärztliche Praxis aufgeben, hatte nur Konsultationspraxis, und konnte mich ganz der klinischen Lehrtätigkeit widmen, namentlich, als ich im Jahre 1881 noch die Leitung einer Krankenabteilung in der Charit6 erhielt. Als nach dem Tode von Prof. Jof. Meyer 1875 die Direktion der medizinischen Universitäts-Poliklinik frei wurde, wurde mir diese übertragen, und zugleich auf meinen Antrag vom Ministerium meine Abteilung in der Charite zu einer Klinik (III. medizinische Klinik) umgewandelt. Beide, Klinik und Poliklinik, von denen die erftere in der Charite, die letztere in einem anderen, mit der Charite in keinem Zusammenhang stehenden Lokal sich befanden, wurden 1905 in einem besonderen neuen Institut (Poliklinisches Institut für innere Medizin) vereinigt, dessen Leitung und Verwaltung ich bis zum 1. Oktober inne gehabt habe. Mein vorgerücktes Alter hat mich veranlaßt, jetzt dieses Amt niederzulegen. — Was meine Stellung zum Judentum betrifft, so betrachte ich das Judentum von heute nicht als eine nationale, sondern als eine Religions-Gemeinschaft, deren Grundlage das Bekenntnis zum reinen, unverfälschten Monotheismus ist. Wer sich, wie ich. zum Glauben an einen einzigen („extramundanen") Gott, den Urheber alles für uns Wahrnehmbaren, bekennt, ist seiner Religion nach ein Jude. Wie mir gesagt worden ist, soll dies auch irgendwo im Talmud ausgesprochen fein. Das „Höre Israel usw." ist das Glaubensbekenntnis der Juden, wie es auch der meiner

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