Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Uns wird darüber geschrieben: Nicht, daß Bürgermeister Nathan irgend etwas gesagt hätte, w.as. den^ Papst mit Recht , hätte verletzen dürfen: Und ganz gewiß hätte der Papst nicht so viel Aufhebens von der Rede .des Bürgermeisters von Rom gemacht' wenn dieser nicht gerade Nathan hieße. . Das geht Pius X., der als Papst so ganz. anders ist, als er als Kardinal Sarto und als Patriarch von Venedig vermuten ließ, denn doch gar zu sehr wider den Strich. Und der Ton, den er in seiner Erwiderung anschlüg, obwohl sie kein Wort auf die Zugehörigkeit 'Nathans zum Judentum enthielt, klang doch ganz so, als sollte die ganze katholische Welt zu einem Kreuzzuge gegen die Juden in der ganzen Welt aufgereizt werdem Und kein Zweifel, es wäre den Juden schlecht ergangen, wenn wir noch in der vermeintlichen so „guten alten Zeit" lebten. Heute aber hat selbst das aufreizende Wort eines Papstes feine verderbliche Zündkraft verloren; es beschäftigt eine Zeit lang die Presse, hier und da meint man, der Unwille des Papstes sei mehr oder weniger berechtigt, aber eine allgemeine Judenverfolgung gibt es nicht. Und des dürfen nicht nur wir Huden uns, sondern sollte auch die ganze Welt sich freuen. Es ist ein wahrer Segen, daß die „gute alte Zeit" Nicht mehr ist, und Niemand bringt uns diesen Segen so sehr zum Bewußtsein, als diejenigen, die die „gute alte Zeit" so gern loben und in ihrem Stile reden und handeln. Der Stil aber der päpstlichen Erwiderung ist ganz der Stil der Kurie von ehedem, wie so manche andere amtliche Kundgebung des Papstes in letzter Zeit beweist, daß er der alten Zeit angehört und von der neuen nicht einen Hauch verspürt. Es fällt uns nicht ein, jedes Wort und jede Wendung in der Rede des Bürgermeisters von Rom gutzuheißen. Nur-so viel glauben wir behaupten zu dürfen, daß es ihm wohl nicht im entferntesten dabei ein fiel, als Jude den Papst und den Katholizismus zu beleidigen und herausfordern zu wollen. Eher könnte ihm in seiner Eigenschaft als Freimaurer manches im Vatikan nicht gern gehörte Wort entschlüpft sein. Ein orthodoxer Jude greift den Vertreter altreligiöser Traditionen nicht an, weil er selbst ein solcher ist, und ei.n liberaler Jude höhnt nicht über die überlebte Vorsintflutlichkeit einer anderen Religion, weil er nur zu gut weiß, daß im Judentum selbst solche Zionswächter noch vorhanden sind, die das Judentum vor jeder Entwicklung so ängstlich hüten möchten, wie alte Weiber vor frischer Luft sich ängstlich absperren. Jedenfalls aber war der Verfasser der Borromäus-Enzhklika der allerletzte, einem anderen den Vorwurf zu machen, er habe eine andere Religion beleidigen wollen. In jener Enzyklika hat Papst Pius X. den Protestantismus und die Reformatoren sowie die ihnen folgenden Fürsten und Völker so schwer beleidigt, daß die ganze protestantische Welt empört aufschrie. Der Bürgermeister von Rom hätte dem Papst dasselbe Wort zurufen dürfen, das vor 2000 Jahren in Rom den Gracchen zugerufen worden ist und das Hoch heute, nach 2000 Jahren gern zitiert wird : tzuis tulerit Gräcchos de seditione querentes? Um so mehr wäre dem Papst gegenüber dieses Zitat angebracht, als schließlich das Wort eines Papstes selbst heute noch eine unendlich bedeutendere Resonanz hat als das Wort des jüdischen Bürgermeisters von Rom. Hätte der Papst nicht überflüssigen und überlauten Lärm geschlagen, kein Mensch hätte heute noch etwas von der Rede des Herrn Nathan gesagt, vielleicht sogar etwas gewußt. Sie wäre verhallt, wie die meisten anderen Festreden. Denn die Rede des Herrn Nathan war eine Festrede, gehalten an dem zur Erinnerung an die vor vierzig Jahren erfolgte Einverleibung Noms in das junge Königreich Italien, an die Schlußsteinlegung zu dem stolzen Bau des Grafen Cavour, der der ganzen gebildeten Welt nicht minder Bewunderung eingeflößt und deren Sympathien erworben hat, wie die Wiederherstellung des'Deutschen Reichs vor vierzig Jahren. Und der die Festrede hielt, war der Bürgermeister der Stadt, die dank den Erfolgen der deutschen Waffen auf den Schlachtfeldern in Frankreich jenen Schlußstein bildete, sprach im Namen .der Stadt, die damals ihre verstaubten und vermorschten, geradezu berüchtigten . alten Einrichtungen los wurde und sich als die Hauptstadt des jungen Königreichs fühlen durfte, wie sie auch dessen, natürliche Hauptstadt war. Ist es da etwas so außerordentliches, daß das Haupt diestr; Stadt an dem Jubiläumstage, seinen und der. römischen Bevölkerung tiefsten.Empfindungen vielleicht etwas zu klangvollen Ausdruck gab? Sicherlich hat er so wenig daran gedacht, den Papst zu beleidigen und. die katholische Religion dazu, als er am Jahrestage der Vernichtung der Rechte der päpstlichen Souveränität sprach, wie .es den deutschen Festrednern ungefähr um dieselbe Zeit einfiel, den Präsidenten Falliöres oder die französische Republik beleidigen zu wollen. Mit Recht schreibt Bürgermeister Nathan in seiner Antwort auf.die päpstliche Zornesepistel: „Ich soll meine Stimme erhoben haben, um auf den Vikar Christi aüf Erden Verachtung und Beleidigung zu schleudern.- In Wirklichkeit habe ich aber meinen Mitbürgern einen treuen Spiegel der Ereignisse der Vergangenheit vor Augen gehalten, die sich unter einer anderen Regierung, einem anderen Willen und anderen Belehrungen zutrugen. Nicht ich bin der Urheber und Erfinder des Verbotes, das aus den Schulen und Seminarien die ganze periodische Presse, entfernt, hat; nicht ich ersinne die feierliche.Verurteilung der christlichen Demokratie, der Modernisten, Sillonisten und aller: derer, die sich eifrig auf der Suche nach der Religion befinden, die ihrem. Herzen, und ihrem Intellekt Genüge tut. Nicht ich werfe Dogma und Ritus der Religion so durcheinander, daß ich die Tröstungen des. Glaubens dem versage, der sich nicht erniedrigen kann, sich blind veränderlichen menschlichen Vorschriften zu unterwerfen. Nicht ich schaffe die Unwissenheit, die sich dem Aberglauben überläßt und das Wissen brutal zürückweist. Nicht ich. ermangele des Respekts gegenüber Andersgläubigen und gegenüberdem Gewissen jedes einzelnen, und erst recht nicht gegenüber. dem Pontifex, dem Manne, der zum höchsten Amt berufen ist und der in den Grenzen seines Herzens und Intellekts nach seinem Gewissen für die Liebe zum Guten wirkte. Nein, wie der oberste Pontifex vom Katheder Sankt Peters die Pflicht hat, den Gläubigen die Wahrheit, wie sie ihm erscheint, zu sagen, so hat der bescheidene Bürgermeister von Rom vor der Bresche von Paria Pia, die für ihn der Beginn einer neuen, glücklicheren, politischen und kulturellen Epoche ist, die gleiche Pflicht, vor der Bürgerschaft die Wahrheit zu sagen. Beleidigt etwas die Ohren dessen, der behauptet, die Rechte der päpstlichen Souveränität.seien vernichtet, so tut das nicht der Mann, nicht seine Worte, sondern die Tatsache,, die beleidigt, niederdrückt, traurig stimmt und verzweifelt macht. Es ist die Tatsache, die in der Vergangenheit passiert, mit dem sicheren Schritt des Verhängnisses vordringt, Italien zu neuem Leben entgegenführt und die Welt mit der Hand des Fortschritts regiert. Diese Tatsache steht über dem Pontifex und dem Bürgermeister. In einem kleinen Feuilleton der Voss. Zeitung plaudert E. E. L. von der jüdischen Abstammung einzelner Monarchen in folgender Weise: Bernadotte, der Feldherr Napoleons L, hatte jüdische Eltern und war selbst als Jude geboren. Noch als Advokat soll er sich zur jüdischen Religion bekannt haben und erst später, nachdem er! die Juristenlaufbahn zugunsten der militärischen ausgegeben, trat er zum Christentum über. Björnson behauptete dem Schreiber dieser Zeilen .gegenüber denn.auch: der vor einigen Jahren verstorbene König Oskar von Schweden und Norwegen sei gar kein Nordländer, sondern eigentlich ein Orientale. Das hat dem dahingegangenen Schwedenxönig, der nicht nur nach dem Zeugnisse aller, welche mit ihm in persönliche Berührung gekommen, zu den liebenswürdigsten Menschen seiner Zeit gehörte; sondern auch einer der bedeutendsten Dichter seines Volkes war, gewiß nichts geschadet. Weniger bekannt ist, daß auch die englische Königsfämilie behauptet. von dem alten Volke Israels abzustammen. Sie führt ihren Stammbaum geradezu auf König David zurück. Die verstorbene Königin Viktoria, die -Großmutter des gegenwärtigen Königs, glaubte fest an diesen Ursprung ihres Geschlechts und verwahrte die Dokumente, welche nach ihrer Ueherzeugung diese Tatsachen beweisen sollten, ..als ein Heiligtum, Auch die jetzige Königin Marie,. bekanntlich väterlicherseits .als Tochter des .Herzogs von Teck württembergischer also deutscher Abkunft, soll fest von dem israelitischen. Ursprung der