Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Unternehmungen und Methoden. Der Staat, der mit seinen Mitteln gelegentlich knapsen 'und knausern muß. hat namentlich für die verschiedenen Zweige der Naturwissenschaften glänzende Häuser eingerichtet. Neben der Allgemeinheit der wis senschaftlich e Sinn. Berlin ist niemals nur eine Doktorfabrik oder eine Ausbildungsstätte für wissenschaftliche Handwerker geworden. Die Hochschullehrer, wie sie es selbst als vornehmsten Beruf anfahen und ansehen, der Wissenschaft zu dienen, haben es immer als ihre heilige Aufgabe erkannt, Jünger der Wissenschaft auszubilden. Gewiß wollen die meisten, die eine. Universität beziehen, Lehrer, Richter und Advokaten, Pfarrer, chemische Industrielle, praktische Aerzte, Fabrikdirektoren, Beamte aller Art werden; aber in den Kliniken und Laboratorien, in den zahlreichen Seminaren und Uebungen wird nicht gedrillt, nicht ausschließlich zum Examen erzogen, nicht nur zu praktischen Berufen vorgebildet, sondern es werden Anregungen gegeben zum Weiterlernen, die Möglichkeit gewährt, eigene Studien zu treiben, zur geistigen Selbstständigkeit angeleitet und zur wissenschaftlichen Forschung angeregt. Der Lobredner vergangener Zeit läßt den Blick manchmal sehnsüchtig in die Ferne schweifen. Wenn man Heroen, wie die schon genannten, Fichte, Schleiermacher und Boeckh, wenn man Bannerträger des Geistes wie Savigny, Graefe, Hegel, W. Grimm, Hufeland^ B. G. Niebuhr, Bopp, Lachmann, Haupt, L. v. Ranke, aus neuerer Zeit Helmholtz, Kirchofs', Du Bois-Reymond, Treitschke, Droysen, Nitzsch, Scherer, Mommsen, Curtius, Gneist, Zeller, Birchow und viele, viele andere aufzählt, dann könnte man verzweifeln, ihres Gleichen zu finden. Und doch muß der griesgrämige Berherrlicher vergangener Zeiten mit seinen Klagen verstummen. Noch heute sitzen in jeder Fakultät Leuchten der Wissenschaft, die auch weite Kreise kennen, ohne daß man nötig hätte, einzelne Namen hervorzuheben, Männer, die um einen alten Scherz zu gebrauchen, exzellent sind, selbst wenn sie Exzellenzen heißen. Wir' freuen uns an dieser Blüte der Universität und beglückwünschen sie herzlich als geistig Strebende und als Deutsche. Auch als Juden? Wir hüben nicht viel von der Universität erhalten. In der stolzen Reihe der Rektoren befindet sich kein Jude; Dekan ist vielleicht Höchstens einer gewesen. Bon den vielen trefflichen Lehrern jüdischen Ursprungs, die an der Universität lehrten, ließen' sich gar manche Laufen, wie Eduard Gans, Jaffe, ohne das Ziel zu erreichen, Ordinarius zu werden. Ordinarien gab, es, wenn unser .Gedächtnis uns nicht trügt, in Berlin nur zwei: den bedeutenden Rechtslehrer Levin Goldschmidt und den ausgezeichneten Mediziner Traube. Wieviele aber unter den Verstorbenen, wie gar manche unter den Lebenden, um nur H. Munck und H. Senator zu nennen, hätten diese äußere Anerkennung ihrer Tüchtigkeit Und Bedeutung Verdient. Wie viel Schwierigkeiten werden jungen jüdischen Gelehrten gemacht, wenn sie als Privatdozenten sich habilitieren! Denn leider hat auch, die Schmach des Antisemitismus diese Universität besteckt. Der „Vorein deutscher Studenten" entweiht das heilige Wort „deutsch", indem er es als Deckmantel wüster antisemitischer Bestrebungen wählt. Aus vielen anderen akademischen Verbindungen sind jüdische Studenten ausgeschlossen. Noch. heute ertönt in manchen Auditorien betäubender Lärm, wenn ein Dozent das Buch eines Gelehrten zitiert, der das Unglück hat, Cohn oder Levy oder gar Jtzigsöhn zu heißen. BoN gar manchen Dozenten, besonders von Heinrich v. Treitschke wurde der Antisemitismus aus das Katheder gebracht 'und ist von hier siegreich und verderbend in das Herz manches unverdorbenen Jünglings gesenkt worden. Aber wir wollen nicht klagen. In den Glückwunsch soll sich kein -Vorwurf und kein Tadel mischen. In den Tagen der Ermunterung, der heiligen Erinnerung, der Versöhnung, in denen wir jetzt stehen, wollen wir der frohen Hoffnung Ausdruck geben, daß die Nebel, unter denen wir leiden, schwindenwollen wir jenem echt jüdischen Optimismus huldigen, der auch unter Schmerzen das Beste für die Zukunft hofft. Die Universität, aber, die junge Jubilarin, jung, trotz der 100 Jahre, die ihren Scheitel krönen, möge der schönen Worte eingedenk sein und bleiben, die Clemens Brentano, den wir trotz seiner Judenfeindschaft hier zitieren mögen, der Hochschule bei ihr^r Gründung zurief. Der Menge, nämlich, die von dem Dichter eine Erklärung der Worte: Universitas literaria, verlangte, gab er die Deutung: Der Ganzheit, Allheit, Einheit, Der Allgemeinheit,; Gelehrter Weisheit, Des Wissens Freiheit Gehört dies Königliche Haus; So leg ich Euch die goldnen Worte aus: Universitati literariae. Ludwig Geiger. Die MoÄr. Berlin, 11. Oktober. ir stehen in einer Epoche der hohen ^und heiligen Tage. Für jeden, mag er nun, wie hoffentlich die meisten, aus wahrer Frömmigkeit, mag er nur aus Gewohnheit, oder wie leider so viele, aus Furcht die geweihten Stätten besuchen, bietet ein solcher Besuch Weihe und Läuterung; für alle, auch für die, welche dem Gotteshause fern bleiben, gewährt das Gedenken an jene Tage innere Erregung und Erhebung. Eine solche innere Sammlung, eine Entfernung vom Alltäglichen, ein Sichvertiefen in alte Erinnerungen, eine Erstarkung des Gefühls der Gemeinsamkeit mit so vielen Tausenden, ja Millionen — so viele Verschiedenheiten auch zwischen den einzelnen bestehen — hat etwas Großes und Fortreißendes. Die Erinnerung an eine schöne Predigt verschwindet schnell, die Klänge altgewohnter Gesänge und herzerhebender Orgeltöne müssen bald weniger schönen Geräuschen Platz machen; die innere Weihe ist der größte Gewinn der heiligen „furchtbaren" Tage. Möge sie unseren Lesern bleiben und sie im. Lebens¬ und Leidenskampfe stählen! X, ' ' ■ *- . Der Wochenchrönist hat freilich nicht die Möglichkeit in höheren Sphären zu verweilen. Er muß, wenn er seine Pflicht erfüllen will, in die Niederungen der Erde hinabsteigen. In den letzten Wochen war viel von einer Ansprache die Rede, die Noms Bürgermeister, Enrico Nathan, bei Gelegenheit der 40 jährigen Feier der Befreiung Roms von der Päpstlichen Herrschaft, der Begründung des italienischen Eücheitsstaates, gehalten hat. Der Bürgermeister hatte darin die Befreiung der Stadt gepriesen, deren Haupt er ist, und cs naturgemäß nicht an Anspielungen gegen das Papsttum fehlen lassen. Papst Pius X. hat zornentbrannt darauf geantwortet. Der also Angegriffene hat es an einer Abwehr nicht fehlen lassen.