Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-14 · Heft 41 (14.10.1910) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 41 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228949--66887-3279048
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 14. Oktober 1910 74. Jahrgang. Nr. 41 Begründet von Rabbiner Br. Ludwig Philippson. Unter Leitung -es Geheimen Regierungs-Rats Professor Br. Ludwig Geiger. Verlags - Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle. Zusendungen Redaktion und Expedition find an dir Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung de» Judentums^, Berlin 8>iV., Jerusalemer Straße *6/^9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemenis-Prei»: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebspellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Der Universität Berlin zur Jahrliundertieier. Von Ludwig Geiger. — Die Woche. — Die Vachme.de. Sukkvt-Betrochtnng von Kreisrabbiner Dr. Be er mann-Insterburg. — H. Senator. — Das Frankfurter Gebetbuch. Von Ludwig Geiger. — Gemeinsame Zukunstsaufgaben jüdischer und christlicher Theologie. Von F. Nippvld. — Feuilleton: Unser Sabbatgast. — Literarische Mitteilungen. — Bnchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindcbote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Zridentums"). Berlin, Tho.rn, Ostrowo, Frankfurt a. M., Wien. Von Nah und Fern. Der Amvkrütät Lrrttn?ur Ighrhundertkeirr. den Tagen vom 10.—12. Oktober seierte die Berliner Universität das Fest ihres hundertjährigen Bestehens. Großer Glänz ist dabei entfaltet. Der große Hauptsaal der ehemaligen Königlichen Bibliothek wurde in eine prachtvolle Aula verwandelt, wo die solenne Feier in Gegenwart und unter Beteiligung des Kaisers vor sich ging. Zwei Festalte wurden am 11. und 12. darin abgehalten; voranging am 10. abends ein Gottesdienst im Dom und eine festliche Begrüßung der Gäste in der alten Universität; am 11. fand ein Diner und eine Theatervorstellung statt, am 12. nachmittags und abends ein Gartenfest in den Räumen des Landes-Ausstellungspalastes und ein Kommers in den Sälen der Ausstellungshallen. Die Universität Berlin ist in den Zeiten von Preußens Not gegründet. Damals sollte nach einem schönen Worte Friedrich Wilhelms III. der Geist die Wunden heilen, die der Krieg geschlagen. Halle war für Preußen verloren, Frankfurt a. Oder siechte dahin, wenn es auch - bald in Breslau eine Wiederauferstehung seierte; Berlin sollte die geistige Wiedergeburt des Staates beginnen. Die Universität hat in dem ersten Jahrhundert ihres Bestehens ihre Aufgabe erfüllt. Der Geist Wilhelms v. Humboldt, den man als eigentlichen Schöpfer der Hochschule feiern muß, hat über dieser seiner Schöpfung geschwebt. Es ist jener weltumspannende, gewiß nicht „völkische" Geist, von dem unsere Klassiker genährt und gefördert sind. Wie Humboldt selbst in seinem Wirken und Leben den Urvölkern seine tiefe eindringende Aufmerksamkeit zuwendete, wie er, vielleicht tiefer als irgendein anderer den Zauber und die Gewalt des Altertums in sich spürte, wie er die Schönheit suchte und liebte, wie er, ein Meister der deutschen Sprache, die großen Leistungen seiner Zeitgenossen zu. würdigen wagte, wie er, die verkörperte Humanität, edle Duldung nicht nur in Worten pries — so ist im allgemeinen die Universität Berlin eine Pflegestätte echter Wissenschaft und eine Hüterin der Freiheit gewesen und geblieben. In den Zeiten der schlimmsten Reaktion hat Schleiermacher ungebeugt, heimlichen Spähern trotzend und offenen Feinden, das Panier der Freiheit hochgehatten. In den Tagen der Revolution, da die Hochgebietenden von blasser Furcht angekränkelt, erzitterten, bewahrte Friedrich v. Raumer die Kühnheit des mutigen Mannes, und in den Jahren der Frömmelei und der immer mächtiger aufblüheuden neuen Reaktion gab sich August Boeckh und seine Genossen nie zu Schergen der Geistesunterdrückung her. - Die Universität Berlin hat immer gewußt, deutsch zu sein. Wie in den Jahren der Befreiungskriege alte Professoren wie Fichte den Landwehrsäbel umschnallten und die Hörsäle leer standen, weil die Studenten massenhaft zu den Waffen liefen, so hat die patriotische Begeisterung der Jahre 1866 und 1870 nicht nur in der Hochschule ein Echo gefunden, sondern von den Lehrkanzeln erscholl der mächtige Ruf, der weit hinaus über die Mauern des ehrwürdigen Gebäudes vielstimmigen Nachklang fand, einen Nachklang, der "es nicht bei Worten bewenden ließ, sondern zu- Taten erweckte. Freiheit und Baterlandsliebe sind gewiß nicht die alleinigen Zierden einer höheren Lehranstalt. Eine deutsche Hochschule soll eine universitas literarum, eine allgemeine Stätte der Wissenschaft sein. Eine allgemeine Stätte. Das bedeutet, daß sie sich nicht auf wenige Fachgebiete beschränken darf. Der alte Zopf der vier Fakultäten ist zwar in Berlin nicht abgeschnitten worden: Theologie, Jurisprudenz, Medizin, Philosophie sind die Namen geblieben, nach denen auch die Berliner Hochschule sich teilt. Aber die philosophische Fakultät begreift in sich unendlich viele Wissenschaftsgebiete; die Sprachlehre (Philologie), die Geschichte,^ die eigentliche Philosophie, die Staatswissenschaft, das ungeheure Gebiet der Naturwissenschaften. Jedes dieser Gebiete bildet fast eine Fakultät für sich. Die Philologie mit ihrer Pflege der orientalischen Sprachen im weitesten Sinne, ferner affyrisch, ägyptisch, indogermanisch, lateinisch, griechisch, die slawischen, die neueren Sprachen (französisch, englisch, italienisch), die deutsche Sprache und Literatur von ihren Uranfängen bis aus die neueste Zeit. Berlin darf für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, jeder dieser Einzeldisziplinen ein breites Feld gegönnt, zu haben; früher, als in gar manchen anderen Hochschulen ist hier auch die neue und neueste Literatur zu Worte gekommen. Ohne der stets wechselnden Mode zu huldigen, wurde den großen Geistern der neuen und neuesten Zeit ebenso ein Platz eingeräumt, wie in der Naturwissenschaft und in der Heilkunde den bahnbrechenden neuen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.