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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-07 · Heft 40 (7.10.1910) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
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^BZMMMMM!«^ffEsMDW8EtzRMMNW.W » ^".' ■* tt#«**** „Wo? Ich habe sie nicht gestohlen! Mit gutem Geld habe ich sie bezahlt." Riwh Jentes Augen sprühen Feuer und ihre Lippen beben. Chane Dobh will sich nun entfernen, aber da kommen zwei andere Marktweiber mit vollen Körben vorüber. „Guten Tag," ruft ihnen Chane Doby zu und kehrt Riwy Jente den Rücken. „Guten Tag," antworten die Marktfrauen. „Was sagt ihr zu ihren Birnen?" fragt Riwy Jente voll Zorn. Stolz blickt Chane Doby auf die Händlerinnen, die die Birnen nicht genug loben können. „Schöne Birnen," rufen sie. „Wie teuer hast Du sie bezahlt?" Riwy Jente nennt den Preis, während Chane Doby lächelnd die erstaunten Gesichter der Marktfrauen mustert. „So wohlfeil," rufen die Händlerinnen und können sich vor Ueberraschung nicht fassen. „Wo hast Du sie gekauft?" Drei Paar Augen sind erwartungsvoll auf Chane Doby gerichtet, aber sie fühlt, daß sie mit diesen Frauen von ihren Angelegenheiten nicht sprechen darf... Und doch — wie gern hätte sie alles, alles erzählt. Wie. ihr gleich beim Erwachen der Gedanke an den Gärtner gekommen war und wie zuvorkommend Swiderski sie behandelt hat. Sagte er doch, daß er nur ihr diesen billigen Preis gewähre. Die anderen werden viel mehr bezahlen müssen . .. Die zwei Händlerinnen werden ungeduldig und sehen Riwh Jente fragend an. „Sie macht ein Geheimnis daraus," sagte diese und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. „Ein Geheimnis," protestiert Chane Dobh. „O, nein! Es ist ganz und gar kein Geheimnis." „Also, dann gestehe es endlich. Wenn Du die Birnen nicht gestohlen hast, kannst Du es ja offen heraussagen ..." Chane Doby sagt sich, daß sie hier nichts mehr zu suchen hat. Sie will sortgehen, aber die Weiber stellen sich ihr in den Weg. „Seht nur, wie sie es nicht gestehen will," ruft Riwy Jente verdrossen. „Du hast wohl Angst, was?" „Warum sollte ich Angst haben? Ich habe wahrhaftig keine Angst," entgegnet Chane Doby und will sich entfernen- „Wie gut sie ist! In jener Welt soll ihr so gut sein," ruft Riwy Jente stichelnd. Am liebsten hätte sie Chane Doby einen Stoß versetzt, damit sie die Birnen verschütte. „Was Du mir wünschst, soll Dir allein begegnen," gibt Chane Dobh zurück. „Warum schimpfst Du? Bin ich Dir etwas schuldig? Habe ich bei Dir etwas genommen?" „Mehr würde Dir nicht fehlen," ruft Riwh Jente wutentbrannt. „Mit Dir würde ich schon fertig werden . . . Die Augen würde ich Dir auskratzen . . ." Und Riwy Jente beschließt, wenn Chane Doby ihr näher kommt, ihr doch den Stoß zu versetzen. Es entsteht ein Streit. Chane Doby sagt sich, daß sie gut getan hat, diesen Weibern keine Geschichten zu erzählen, und sie freut sich, daß es ihr gelungen ist, sie zu ärgern. Sie hat schon einigemal vor ihnen ausgespuckt und den Versuch gemacht davonzugehen, doch kehrte sie immer wieder zurück, um auf einen Fluch oder auf ein Schimpfwort zu antworten. Einige Müßiggänger bleiben stehen, und es bildet sich ein Kreis um die streitenden Frauen. Plötzlich schreit einer: „Ein Polizeimann!" Sofort kommen die Weiber zu sich und eilen nach verschiedenen Richtungen davon. „Heda, Jüdinnen!" schreit der Polizeimann und sucht die Weiber einzuholen. Er merkt gleich, daß Chane Doby mit den vollen Körben nicht so rasch laufen kann, und auf diese hat er es abgesehen. „O, Mütterchen, Mütterchen," seufzt Chane Doby angsterfüllt, als sie sich vom Polizisten verfolgt sieht. „O Gott! O Gott! O Gott!" Inzwischen fällt eine Birne zu Boden. Dieser folgt eine zweite und eine dritte und bald fällen viele zugleich. „Gott im Himmel! Herr der Welt!" stöhnt Chane Doby und fühlt, daß die Füße sie nicht mehr tragen können. Sie hätte sich so gern umgesehen, um zu erfahren, wohin die Birnen gekollert sind, aber von allen Seiten wird sie ermuntert weiterzulausen: „Schneller! Schneller! Schneller!" Die Juden wollen nicht, daß sie in die Hände des Polizisten fällt. Sie dürfen ihn nicht zurückhalten, und so stehen sie gespannt und warten, während sie unausgesetzt schreien: „Schneller! Schneller! Schneller!" Chane Dobh rennt in einen Hof und versteckt sich in einem Geschäft. Als der Polizeimann zum Tor kommt, ist sie verschwunden. Er bleibt stehen, wischt sich den Schweiß von der Stirn und blickt auf die Juden, die ihm gefolgt sind, mit bösen Blicken. Die Juden sind erfreut, daß ihm die Frau entschlüpft ist, doch hüten sie sich, ihn zu reizen. Sie sind schlau und verhalten sich ruhig. Doch er erkennt an ihren strahlenden Gesichtern, daß sie über ihn triumphieren. So treibt er sie mit Flüchen und Schlägen auseinander und beschließt, vor dem Tore stehen zu bleiben und zu warten. Einige Juden laufen in den Hof, um Chane Doby im Notfälle beizustehen. Chane Doby wagt in ihrem Versteck kaum zu atmen. Mit Schmerz denkt sie an die verlorenen Birnen. Das Obst ist ihr ganzes Vermögen ... Und sie war so glücklich gewesen. Vielleicht straft sie Gott dafür, daß sie den Händlerinnen nicht die volle Wahrheit erzählt hat? ... Und sie verflucht die Marktweiber, die an dem ganzen Unglück schuld sind. Von den Birnen, die Chane Doby auf ihrer Flucht verloren hat, wird ein Teil von den Fuhrwerken zerquetscht, die übrigen heben Lastträger auf. Verlegen lächelnd blicken sie umher, als schämten sie sich des Gedankens, der in ihnen aufsteigt. Eine Weile betasten sie die Birnen und überlegen, ob sie dieselben der Händlerin nicht zurückgeben sollten. Doch als einer in eine Birne hineinbeißt, folgen die anderen seinem Beispiele. „Es sind ausgezeichnete Birnen," ruft einer aus. Ein anderer hebt einige Birnen vom Boden auf, betrachtet sie von allen Seiten und steckt sie in die Tasche — für die Kinder. Dann geht er in den Hof, öffnet die Tür zum Geschäft, wo Chane Doby versteckt ist, steckt den Kopf hinein und sagt freundlich: „Bleibt noch drinnen Frau. Der Polizeimann steht noch vor dem Tor..." Literarische Mitteilungen. Frankfurter, Dr. S. Das altjüdische Erziehungs- und Unterrichtswesen im Lichte moderner Bestrebungen. Vortrag, gehalten in der 368. Vollversammlung der „Wiener Pädagogischen Gesellschaft" am 3. April 1909. 3. und 4. Auflage. Wien 1910. IV und 4t S. Nach dem Titel sollte man eigentlich erwarten, daß in der vorliegenden Schrift hauptsächlich solche Erziehungs-. und Unterrichtsgrundsätze erwähnt und behandelt werden, die in irgendeiner Beziehung zu modernen pädagogischen Fragen stehen. Das ist aber ■eto ß

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