Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Bäckerjnnge Meyer Pflaum wurde mit -Sensen erschlagen, weil er den preußischen Soldaten Semmeln gebracht Hatte, und.ein alter, blinder Jude erlitt aus gleiche Weise den Tod, weil er. für seinen Sohn um Schonung bat. Endlich wurde ein wehrloser Krüppel entsetzlich mißhandelt. Viele wurden eingesperrt. Ein Geistlicher schritt den Wütenden mit einem Kruzifix voran. Die Verhafteten, die man ohne Nahrung ließ, und die von den Polenführern durch Fußtritte, Säbelhiebe usw. mißhandelt wurden, wurden erst nach drei Tagen durch das einrückende preußische Militär befreit, i) Wie in Tremessen, so hausten die Polen auch in Miloslaw in grauenerregender Weise. Kaum waren sie in den Besitz der Stadt gelangt, da fielen sie über die Juden her, plünderten, raubten und mordeten. Die Tochter des Rabbiners, die sich der Schändung erwehren wollte, wurde getötet. 2) Am fürchterlichsten rasten die Polen in Wreschen, als sie gezwungen wurden, diese Stadt zu verlassen. Sie verübten an den Juden die ärgsten Greueltaten, brachen in die Synagoge ein und zerstörten sie teilweise, rissen die Thora-Rollen in Stücke und verübten daselbst Unfug. Den Schuster Abramczyk, der eben aus dem Gotteshause kam, schossen sie tot, gegen andere Juden verübten sie entsetzliche. Greueltaten?) So hätten in erster Reihe die Juden für ihr mannhaftes, unentwegtes Eintreten' für die deutsche Sache gar schwer zu leiden. . Hätten sich die Juden als Feinde der Deutschen und somit als Bundesgenossen der Polen betätigt, sie hätten jedenfalls das namenlose Elend, das über einen Teil ihrer Glaubensbrüder hereinbrach, abwenden können. Aber sie ühlteN sich im innersten Herzen als Deutsche. Sie wollten Deutsche sein und bleiben, und obwohl vielfach vorangegangene Ereignisse sie längst zur Genüge belehrt hatten, daß sie von den auf sie gehetzten Polen das Schlimmste zu erwarten hatten, boten sie dennoch den kommenden Dingen kühn und kalt die Stirn, erhoben sich mannhaft und stellten sich ihren nichtjüdischen deutschen Brüdern mutig an die Seite. Sie erwiesen sich in jenen schweren Tagen wahrlich nicht als „Auchdeutsche"! Sie waren vollgültige Vertreter des wahren, echten Deutschtums. R5SS2S Dusgr?eichmte Sirnrn. Skizze von Tavid Pinski. Autorisierte Uebersetzung von Hermann Blumenthal. Chane Doby geht mit zwei vollen Körben Birnen über die Straße. Sie geht nach der linken Seite geneigt, denn der Korb in der rechten Hand ist groß und schwer. Mit derben Schritten bewegt sie sich vorwärts, von frohen Gedanken bewegt. Ein Lächeln spielt um ihre Lippen. — Sie ist zufrieden mit Gott, mit sich selbst, ja, mit der ganzen Welt, und die Sonne lacht so hell und warm, weil ihr — Chane Doby — so fröhlich zumute ist . . .; i) Wuttke a. a. O., S. 462. 2) Wuttke a. a. O., S. 378.?) Wuttke a. a. O., S. 470. Am liebsten hätte sie laut aufgelacht, und sie sieht sich nach allen Seiten um, ob keine Bekannte zu sehen ist, der sie von ihrem großen Glücke erzählen könnte. Und was für ein Glück! Wie kam ihr nur der Einfall, heute zu Swiderski, dem Gärtner, zu gehen? Sie. glaubt, daß sie durch einen Traum daraus gekommen war. Hatte sie doch in der letzten Nacht soviel geträumt. . . Doch nein! Ihr träumte ja nur, daß sie mit Beile, der Krämerin, wegen eines Pfundes Salz in Streit geraten war. Und Beile ist ja schon seit zwei Monaten tot. — „Ja, streiten, das konnte sie. Sie soll es mir nur verzeihen," denkt Chane Doby. — Und am Morgen, als sie kaum die Augen öffnete, kam ihr plötzlich der Gedanke, daß sie einmal zu Swiderski gehen könnte . . - Gestern war Chane Doby noch voll Sorgen, und sie hatte zu Gott gefleht: „O Gott, allmächtiger Vater, gib, daß ich etwas verdiene!" Sie hatte Gott aufgezählt, wieviel Geld sie braucht und wozu sie es braucht, und er hat eingesehen, daß sie im Rechte ist . . . „Ja, wenn Gott will, kann er helfen!" All das möchte sie den Händlerinnen erzählen. Sie sollen wissen, was sür einen barmherzigen Gott wir haben, und wie gut Chane Doby bei ihm angeschrieben steht... Neben dem Trottoir steht Riwy Jente. „Sie gönnt niemand einen Groschen Verdienst und mit ihr darf man nicht viele Worte machen," denkt Chane Doby, aber sie will ihr wenigstens das Obst zeigen. Erzählen wird sie ihr nichts. Und sie geht auf die Händlerin zu. Riwy Jente erkennt schon an Chane Dobys Gesicht, daß etwas Besonderes vorgegangen sein muß. „Was trägst Du Gutes?" fragt sie und sieht Chane Doby aufmerksam an. Diese steht stolz und vergnügt vor Riwy Jente, die Körbe in der Hand und lächelt, ohne zu antworten. Riwy Jente nimmt die Birnen in Augenschein, und Chane Doby fühlt sich jetzt als die glücklichste auf der Welt. „Feines Obst! Wo hast Du es gekauft?" fragt Riwy Jente. „Feines Obst," wiederholt Chane Doby verdrossen — nur Riwy Jente kann sich so schmucklos ausdrückeu. „Zuckerbirnen sind es und sie zerfließen auf der Zunge," setzt sie stolz hinzu. „Wo hast Du sie gekauft?" fragt Riwy Jente noch einmal. Chane Doby merkt, daß der Neid aus ihr spricht, und sie antwortet lakonisch: „Ich hab> sie halt gekauft." Riwy Jente wird jetzt ernstlich böse und möchte Chane Doby beleidigen, aber sie hält sich zurück und fragt: „Wieviel hast Du gezahlt?" „O, eine Kleinigkeit," antwortet Chane Doby. „Vielleicht etwas teuer?" „Ha, Ha, Ha! Sie sind doppelt so viel wert, als ich gezahlt habe. Verlaß Dich darauf," antwortet Chane Doby. Riwy Jente nennt nun einen Preis, aber Chane Doby ruft lachend: „Die Hälfte davon. Ich soll so leben mit Dir, die Hälfte davon." „Das ist halb umsonst," stößt Riwy Jente hervor. „Da hast Du Recht," sagt Chane Doby. Ihr Gesicht strahlt vor Glück und Stolz, und sie will sich entfernen, aber Riwy Jentes Zorn reizt sie noch, ein wenig zu. bleiben und ihr von Gott und von ihrem Traum in der vergangenen Nacht zu erzählen. So plaudert sie denn eine Weile und blickt vergnügt auf die Händlerin. „Nun erzähb mir endlich, wo Du die Birnen gekauft hast," drängt Riwy Jente. MW