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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-07 · Heft 40 (7.10.1910) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 476 (sequence 8)
Language
German
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'^"MMDMWHMMMMfMWHWW^WIDMWMWW:iWUWWUAAHMZWMWNDNHWWDMKWNM' genötigt, das: Feld zu räumen. Die polnischen Edelleute aber ließen sich noch nicht einschüchtern, sondern tagten in einem anderen Lokale weiter. Als dies ruchbar wurde, erschienen jüdische Burschen, jagten sie auseinander und trieben sie aus .der Stadt. . Ein polnischer Reiter, der in die Stadt sprengte, wurde vom Pferde gerissen. Dann riefen die Juden: „Wir wollen kein Polentum, wir sind Preußen!"^ Ebenso waren in Pinne die Juden die ersten, welche für die Erhaltung des Deutschtums eintraten. Auf Betreiben des damaligen Rabbiners Caro protestierte . die Stadt gegen die Reorganisation und forderte Aufnahme in den Deutschen Bund und Einverleibung in den Kreis Birnbaum?) . Die Juden in Hohensalza zeigten auch in diesen Tagen, wie einst in den Befreiungskriegen, daß sie unentwegt zum Deutschtum hielten. Sie händigten der Regierung das der Gemeinde gehörige Gold und Silber im Gesamtwerte von 350 Talern ein, wofür sie vier Obligationen erhielten?) Die Juden in Czarnikäu waren von solch hoher Begeisterung für die deutsche Sache erfüllt, daß alle waffenfähigen Männer sich in den Landsturm einreihen Ließen?) In Samotschin entsandte man den jüdischen Kaufmann Seligsohn als Vertreter in die Versammlung, die in Schneidemuhl behufs Protesterhebung gegen die polnisch-nationale Reorganisation abgehalten wurde?) Die Aufreizungen der polnischen Revolutionäre, an deren Spitze ein „polnisches Nationalkomitee" stand, hatten jedoch nicht den erwarteten Erfolg. Trotz der Vergewaltigungen, deren sie sich mit Hilfe der Sensenmänner den Deutschen gegenüber schuldig machten, waren sie ihrem Ziele noch sehr fern geblieben. Es fehlte ihnen die Stütze des eigentlichen Volkes. Die Jnsurgentenscharen setzten sich -hauptsächlich aus den Edelleuten und den von diesen abhängigen Elementen der Bevölkerung zusammen. Es waren dies zumeist .Bediente, Köche, Jäger Knechte und Tagelöhner sowie diejenigen Stadtbewohner, die nichts'ziz verlieren oder nach den ihnen seitens der Führer gemachten Versprechungen vieles zu gewinnen halten. Wie gär fern der Kern des polnischen Volkes dem demagogischen Treiben seiner Edlen stand und zu dem preußischen Regime das vollste Vertrauen wie auch gegen die Juden keinerlei Abneigung im Herzen hegte, erhellt aus der Tatsache, daß, als es bekannt geworden war, eine polnische Reorganisation solle erfolgen, Bauern aus dem Dorfe Schellejewo zu dem Juden Rüben Wollmann in Borek kamen und ihm die Bitte vortrugen, er möge sie nach Berlin begleiten und da sie der deutschen Sprache nicht mächtig seien, für sie an den König das Ersuchen richten, sie ja nicht dem polnisch zu organisierenden Landteile zuzuschlagen, da sie nicht P ölen sondern Preußen sein wollten?) Als nun die Anführer sahen, daß die bisher angewandten physischen Reizmittel bei den unteren Schichten der polnischen Bevölkerung nur zum Teil fruchteten, sie aber auf der Bahn der Gewalt verharren und größere Volksmassen angesichts de^ immer mehr gegen sie sich entwickelnden preußischen Militärmacht gewinnen wollten, versicherten sie sich der Geistlichkeit, um mit deren Hilfe aus das religiöse Gefühl einzuwirken. Die ■) Wuttke a. a. O., S. 348. Heppner-Herzberg a. a. £)., S. 239. 2) Wuttke o. a. O., S. 390. Heppner-Herzberg et. a. O., S. 240. 3) Lewin: Geschichte der Juden in Hohensalza, S. 89. 4) Wuttke a. a. O., S. 460, Anm. 5) Wuttke a. a. O., S. 430. 6) Wuttke a. a. O., S. 274, Änm. polnische Bevölkerung wurde fanatisiert. Aus< dem Nationalkampf wurde nun ein Religionskampf?) Jetzt ging man gegen die Deutschen als Feinde der Kirche los. Der religiöse Patriotismus wandte sich aber nicht so sehr gegen die deutschen Christen, sondern vornehmlich gegen die Juden. Unter, dem Sturmsignal der Kirchenglocken wurden zuerst die Juden gemordet, beraubt und vergewaltigt. Geistliche stellten sich an die Spitze der Empörer, hetzten die fanatisierten Horden stets zuerst auf die Juden. In dem bei Znin belegenen Dorfe Murtschin stürmten die Wüteriche unter Anführung des Geistlichen das Haus eines Juden, dem es jedoch gelang, der Todesgefahr zu entrinnen. In Duschnik wurden Juden gezwungen, vor einem Heiligenbilde niederzuknien und das Vaterunser zu beten. In Buk wurde die Synagoge, die erst kurze Zeit vorher erbaut worden war, zerstört. Die Häuser der Juden daselbst wurden ausgeplündert, und was nicht geraubt ward, wurde zerschlagen. Türen und Fenster wurden überall eingeschlagen. Die verschiedenartigsten Gegenstände lagen zerstört in. den Straßen. Die Juden mußten sich vor den wütenden Insurgenten verstecken und wagten sich erst am nächsten Tage, als preußisches Militär zur Hilfe herbeieilte, aus ihren Verstecken hervor. Aus Furcht, die verlassenen Wohnstätten seien von den Insurgenten noch besetzt, wagten sie es nicht, sie sofort wieder aufzusuchen. Als am folgenden Tage die toten und verstümmelten Soldaten aus der Stadt gebracht wurden, folgten die Juden dem Zuge unter Jammern und Wehklagen; ein jeglicher trug seine letzten Habseligkeiten in einem Bündel auf dem Rücken mit sich fort. Nach' kurzer Zeit konnten die Ausgewanderten unter dem Schutze des preußischen Militärs wieder zurückkehren. ' Eine große Zahl Juden büßte bei diesen Metzeleien ihr Leben ein? Ein schwacher Greis wurde von einem Schlosser Lipinsti meuchlings ermordet. Der Mörder. wurde von dem Sohne des Ermordeten festgenommen und den Behörden ausgeliefert?) . . ' - Nicht minder entsetzlich wüteten die Insurgenten in Znin wo man 14 Häuser ausplünderte und einen Juden ermordete?) Auch in Strelno hatten die Juden schwer zu leiden, ihre. Wohnhäuser wurden vollständig ausgeplündert.* 2 3 4 5) Durch die Nachsicht der Behörde wurde in Tremessen ein furchtbares Gemetzel hervorgerufen.. Die. Polen hielten die Stadt besetzt, und es waren bereits preußische Soldaten erschienen, die den Ort von den Insurgenten säubern wollten, da befahl ein Eilbote des Generals Willisen, der eine außerordentliche Milde gegenüber den Polen walten ließ, halt. Kaum hatten sich die Soldaten zurückgezogen, da wandte sich die Wut der Polen gegen die wehrlosen Einwohner, und nun spielten sich grauenhafte Szenen ab. Der Kaufmann Hirsch Strelitz,^) ein 60jähriger, gelähmter Greis, erlag unter den furchtbarsten Mißhandlungen von seiten der Polen. Der jüdische Kaufmann Kutnowski wurde erschossen, und sein Bruder wurde gezwungen neben der Leiche mit den Insurgenten Brüderschaft zu trinken. 0 Siehe auch: H. W. Die neueste polnische Insurrektion im Großherzogtum Posen, 1848. S. 19. . 2) Heppner-Herzberg a. a. O. S. 354. — Siehe auch: Lewin Aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde Pinne, S. 12. — Wuttke a. a. O., S. 288. 3) Wuttke a. a. O., S. 443. 4) Wuttke a. a. O.. S. 459. . 5) Ein trauriges Verhängnis waltete auch über dem Sohne des Ermordeten, Elias Strelitz, einem 70jährigen. Greise. Auch dieser wurde im Jahre 1887 am 10. Juli in Tremessen auf geheimnisvolle Weise ermordet. Das Geheimnis, das diesen Mord umschwebt, ist bis heute noch nicht gelüftet.

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