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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-07 · Heft 40 (7.10.1910) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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475 Alle diese Gründe haben dazu geführt, daß in den letzten Jahrzehnten sich Aerzte freudig in den Dienst des Judentums gestellt haben, um dieser hehren Pflicht sich zu unterziehen Denn sie sind mit allen Regeln der. Kunst vertraut, für sie bedeutet diese Operation nichts Absonderliches, und ihnen gegenüber Wird jedes Mißtrauen schwinden und jedes Bedenken, das noch eine ängstliche Mutter oder ein besorgter Vater wegen der Gesundheit ihres Kindes hegen könnte. Der Arzt ist der gewiesene Mohel; in seiner Hand wird die Milah für alle Zukunft ein Segen sein für Israel. Magdeburg. Dr. Julius Winter. Dir polnische Insurrektion des Jahres 1848 und die Juden in den Oolener Landen. Von I. Herzberg, erstem Lehrer der Synagogengemeinde zu Bromberg. egenüber den wider die Juden in Posen gerichteten feindlichen Bestrebungen sowie gegenüber der Verkennung der von ihnen geleisteten Förderung des Deutschtums ist es am Platze, einmal an der Hand der Geschichte darzütun, wie die Juden. Posens das Deutschtum, von jeher hochgehalten, und daß sie nichts weniger als „Auchdeutsche" sind.. Ganz besonders haben die Ereignisse des Jahres 1848 dies gezeigt. Die politische Bewegung/ die in jenen Märztagen . allerorten einsetzte, gewann für die Posener Lande eine ganz besondere Bedeutung. Während es in den übrigen Landesteilen lediglich darauf ankam, auf eine Äenderung des Regierungssystems und gleichzeitig auf eine Belebung und Kräftigung des Volksbewußtseins hinzuarbeiten, gingen die Polen in der Provinz Posen, auf die allgemein herrschende Stimmung der Nation bauend, darauf aus, ihre politische. Selbständigkeit zu erlangen und gleichzeitig . die ehemals polnischen Landesteile vom preußischen Staatskörper. loszureißen. V; / Um dieses Ziel zu erreichen, waren die polnischen Empöre bei der Wahl und Anwendung ihrer Mittel keineswegs wählerisch. Zunächst strebte man eine Verbrüderung der verschiedenen Nationalitäten an, und man gewann es sogar über sich, selbst an die Juden, die man als einen nicht gering zu achtenden Faktor ansah, ein Manifest zu richten, in welchem man sie „Brüder Israeliten" nannte?) Als aber die Lockungen nicht verfingen, da ging man offener vor, und bald scheute man selbst vor Mord und Raub, Schändung und Plünderung nicht zurück. Alle Bande der Ordnung begannen sich zu lösen, und die Behörde sah tatenlos zu, wie 500000 Deutsche und 80000 Juden von den Polen terrorisiert wurden. Ja, die Negierung war so nachsichtig, daß sie den Aufständischen eine „nationale Reorganisation" zugestand. Das Deutschtum drohte zu unterliegen, und das Polentum triumphierte. Nun rafften sich die tief erbitterten Deutschen auf und schritten zur Selbsthilfe. Sie traten in den Kampf gegen das Polentum, und da waren es die Juden, welche sich in hervorragender Weise an dem Kampfe beteiligten. In Posen wurde ein Ausschuß gebildet, dem die Juden Dr. Hantke, praktischer Arzt, und Kaufmann Kaatz angehörten. Man strebte danach, auf friedlichem Wege eine Ordnung der Dinge herbeizuführen. Die Polen sträubten sich *) Wuttke. Städtebuch des Landes Posen, S. 240. — Meyer, Geschichte des Landes Posen, S. 417. — Siehe auch: Brandt, Märztage 1848 in Posen. („Deutsche Rundschau" 1875.) — Voigts-Rhetz, . Aktenmäßige Darstellung der polnischen Insurrektion im Jahre 1848. aber gegen jegliche Annäherung, sie strebten nach der Alleinherrschaft. Ueberall gerierten sie sich als die Herren im Lande, maßten sich behördliche Anordnungen an und warfen die preußischen Hoheitszeichen in den Schmutz. Nun loderte allerorten die Wut der Deutschen auf, die in den Juden gar eifrige und begeisterte Bundesgenoffen fanden. In Posen wurde ein neues Komitee eingesetzt, dem wiederum Juden angehörten, unter anderen der Bankier Mamroth und der Kaufmann Jaffee. Mit flammenden Worten protestierte man gegen die den Polen unter Mieros-- lawski in Aussicht gestellte Reorganisation, durch welche die Deutschen Gefahr liefen, von ihrem deutschen Vaterlande losgetreNnt und unter polnische Herrschaft gebracht zu werden. Und wie in der Hauptstadt, so entwickelte sich auch in den anderen Städten Posens ein lebhafter Kamps um das Deutschtum. Ueberall standen die Juden in diesem Kampfe mit den Nichtjuden Schulter an Schulter. Sie eilten voll Begeisterung und Kampsesmut in die Reihen der zur Verteidigung von Haus und Hof begründeten „Bürgerwehren" und waren in den damals ins Leben gerufenen „Vereinen zur Wahrung deutscher Interessen in der Provinz Posen" ganz hervorragend tätig. Es Muß besonders betont werden, daß sich in diesem heißen Kampfe gegen verbohrten Chauvinismus nirgends und zu keiner Zeit irgendwelcher Unterschied zwischen Jude und Nichtjude kundtat. Alle, alle fühlten und betätigten sich lediglich als Deutsche. Ja, an manchen Orten waren es gerade die Juden, welche in erster Reihe dem Terrorismus des Polentums mit Macht und Energie entgegentraten. So halten die Polen die Stadt Grätz in ihrer Gewalt; ja, sie zwangen alle waffenfähigen Männer, sich ihnen anzuschließen. Die Stadtbehörde war machtlos. Der Bürgermeister floh.. In dieser Not stellte sich ein angesehener jüdischer Bürger, Dr. Mosse, an die Spitze. Die Stadt wurde verbarrikadiert. Da erschienen preußische Soldaten und befreiten die Stadt. Wie jubelten ihnen besonders die Juden als ihren Befreiern entgegen! Sie brachten ihnen an Speise und Trank das letzte, das sie besaßet) In, Krotoschin mußten die Juden den Landrat, der in Verkennung der obwaltenden Verhältnisse es mit den Polen hielt, an seine Pflicht als deutscher Verwaltungsbeamter aufs nachdrücklichste mahnen. Hoch zu Roß ritt dieser Landrat durch die Stadt, die Verbrüderung der Deutschen und Polen verkündend. Hierauf veranstaltete er auf dem Markt eine Volksversammlung, in der er eine Rede hielt des Inhalts, daß eine neue Zeit angebrochen sei. Des zum Zeichen ließ er vom Rathaus den preußischen Adler abnehmen und den polnischen aufstellen. Die Stadtbehörde war ratlos, und schon hatten polnische Edelleute die Leitung der Stadt in die Hand genommen, da erhoben sich die erbitterten Juden, die über solches Verhalten eines deutschen Beamten tief empört waren, und schritten mit Energie ein. Zunächst entfernten sie den polnischen Adler. Dann begab sich ein angesehener Mann aus ihrer Mitte, L. Benas mit Namen, auf das Rathaus und fragte den dort anwesenden Landrat Bauer, was all die von ihm getroffenen Maßnahmen zu bedeuten haben, zu welchem Zwecke die polnischen Edelleute auf dem Rathause anwesend seien, da doch die Stadt ihren eigenen Rat habe. Bauer erwiderte, ob er denn nicht wiffe, was in der Welt vorgegangen sei. Benas bedeutete ihm jedoch mit Nachdruck, er habe als Landrat auf dem Rathause nichts zu suchen. Bauer sah sich i) Wuttke a. a. O., S. 324. Heppner-Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und jüdischen Gemeinden in den Posenschen Landen. 1909, Bd. 1, S. 427.

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