Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- Seite 474 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Beschlüsse, die dem Zentralausschuß deS R. V. i. D. bzw. (Nr. 4) dem geschäftsführenden Ausschuß des Provinzialverbandes rheinischer Synagogen-Gemeinden unterbreitet werden sollen: 1. Antrag Dr. Iaulus: Aenderungen des Kultus und des Ritus können nur auf Vorschlag einer besonderen, aus zwei Vorstehern, zwei, Gemeindevertretern und dem Rabbiner zusammengesetzten Kultuskommission, in der der Rabbiner den Vorsitz führt, durch Gemeindebeschluß vorgenommen werden. Dieser selbst, an dem der Rabbiner mit Sitz und Stimme in den beiden Kollegien teilzunehmen hat, kann nur durch dreiviertel Majorität gefaßt werden. 2. Antrag Dr. Jakob: Die rheinische Rabbiner-Konferenz vermißt in dem Entwurf die Würdigung der Gemeinde, das ist der Gesamtheit der Gemeindemitglieder. als eines maßgebenden Faktors für die Gestaltung ihres eigenen religiösen Lebens in Kultus und Ritus. Die Konferenz hält Bestimmungen für nötig, welche in bestimmten, namhaft zu machenden Fällen einen Appell an die Gemeindeversammlung für zulässig, wenn nicht gar erforderlich erklären, und derselben eine ent. scheidende Stimme verleihen. 3. Antrag Dr. David:, Die Bestimmung, daß Rabbinern in Gemeinden mit abnehmender Steuerkraft die feste Anstellung vorenthalten werden kann, ist als ungerecht zu beseitigen, da gerade hier die Provinzialgemeinde finanziell einzugreifen hätte. 4. Die Versammlung verkennt nicht, daß dem Notstand kleinerer rheinischer Gemeinden durch Anstellung eines oder mehrerer Wanderrabbiner abgeholfen werden könnte; hält qber die : planmäßige Ausgestaltung von Bezirksrabbinaten für. wirkungsvoller. Ueber die Kommunalbesteuerung der Rabbiner ^referiert sodann Dr. Iaulus. Redner hält dafür, daß die verbesserte gesetzt liche Stellung des Rabbiners in Preußen einen erneuten Antrag auf Befreiung von den drückenden Kommunallasten aussichtsreich mache. Die Versammlung gibt dem Referenten unter dessen Zustimmung das Mandat, die nötigen Schritte einzuleiten. — Es folgt ein Referat von Dr. Wiener (Düsseldorf) über „Religiösen Rationalismus". Die Vorzeit hatte die Sicherheit, die Wahrheit in der Offen« barung zu besitzen. Die wissenschaftliche Theologie begrenzte diese schon, indem sie sie in ein System, brachte. Der mittelalterliche Geist suchte nur Probleme, deren Lösung in der Bibel vorhanden sein mußte. Immerhin kannte man schon so wichtige Fragen, wie die nach der Einheit Gottes und der Unerschaffenheit. der Welt, und beantwortete sie seit Saadia in rationeller Weise. Im Christentum blieb dagegen der Glaubensinhalt in Widerspruch mit der Vernunft; der Glaube ist nur durch die Gnade gewirkt (Tertullian). Das christliche Mysterium ist absolutes Geheimnis' (Calvin). Von hier aus ist kein Weg zu Lessing. Im Judentum dagegen^ hat es stets einen Hang zum Rationalismus gegeben. Schon die Erforschung der Gründe der Gebote (ta'ame.lmmir^vot) bezeugt dies. Auch der islamitische Kalam blieb in beschränkten Anschauungen stecken (Ewigkeit des Koran, Fatalismus usw.), erst die Mutaziliten entzogen sich diesen. Bei den Juden wurden auch die Normen und. Vorschriften als vernünftig erkannt; Gott selbst ist der Vernunft unterworfen, er ist die höchste Vernunft. Ebenso können ' die ethischen^.Normen als autonom und souverän anerkannt werden, weil Gott selbst heilig ist. Der moderne Liberalismus ist ein Erbe des Rationalismus; der Unterschied ist nur ein erkenntnis. theoretischer, nicht ein materieller. Die Scholastik hat unbewußt auch rationalisiert, der heutige Subjektivismus strebt nach Verinnerlichung. Das sogenannte Positive an der Religion, speziell Dogmen, lassen sich niemals rationalisieren; Gefühle, Anschauungen und Ideen läutern sich unaufhörlich im Lichte der Vernunft. — Den Schluß der Tagung bildete eine Anregung von Dr. Norden (Elberfeld) zur Gründung von Fürsorgekommissionen in den Gemeinden im Anschluß an einen dahin zielenden Vortrag von Frau Grünebaum (Barmen), den der Referent in extengo mitteilte. Die Konferenz verspricht den wohlbekannten Bestrebungen der Vereine „Weibliche Fürsorge" Sympathie und Förderung. Nach den üblichen Danksagungen wird die Sitzung geschlossen. Btt Dr?t als Mnhe!. ährend wir in letzter Zeit einen frischen Luftzug durch das alt ehrwürdige Gebäude des Judentums wehen fühlten, der vieles alte Gerümpel hinwegfegt und dem Ganzen einen modernen und doch tief religiösen Anstrich verleiht, machen wir die Beobachtungdaß eine Institution fest dasteht wie eine alte,- tausendjährige Eiche, der die Zeit nichts anhaben kann: die Sitte der Beschneidung. Welchen hervorragenden Segen diese älteste Einrichtung des Stammes der Juden zu allen Zeiten gestiftet hat, find wir erst heute in der Lage, besonders zu würdigen, wo wir als Aerzte das Material statistisch und kritisch beurteilen können. Und da finden wir, daß die unangenehmsten Geschlechtskrankheiten, die wie eine unheimliche Qual am Marke von Tausenden und Abertausenden zehren, bei den Beschnittenen bedeutend schwieriger Gelegenheit Haben, festen Fuß zu fassen, als bei den Unbeschnittenen, was in den durch die Beschneidung hervorgerufenen anatomischen Veränderungen seine Erklärung findet. Auch ist dementsprechend der Prozentsatz der Geisteskrankheiten, soweit sie als Folge der Syphilis in Erscheinung treten, bei den Juden bedeutend geringer als anderswo. Um nun aber diese hervorragende Institution durch Mißerfolge nicht in Mißkredit kommen zu lassen und den Indifferenten und Zweifelndenalle Gründe und Einwendungen zu Nehmen, halte ich es für dringend notwendig, daß, wie es schon in vielen Fällen geschieht, der Arzt als Mohel fungiert. Es handelt sich bei dieser Operation um eine Vornahme, die zunächst eine gewiffe Geschicklichkeit erfordert. Nun gab es ja bis jetzt mit wenigen Ausnahmen nur Laien, die neben ihren sonstigen Geschäften auch diesem Berufe sich widmeten und ihn Wähl auch in vielen Fällen zur Befriedigung erfüllt haben. Indes muß man sich überlegen, daß der Laie, der seinen Geschäften, meist Handelsgeschäften, nachging, die Vorschriften der Miläh wohl genau kannte, aber doch für die bei' solcher Gelegenheit notwendige Vorbereitung sowohl der Instrumente als auch seines eigenen Körpers und für die sonstigen Kautelen, die bei einer Operation unumgänglich sind, keine genügende Vorbildung hatte. Zwar sind die meisten Operationen gut vonstatten gegangen — indes, man hat doch viele Beweise dafür, daß verschiedentlich nicht nur Fehloperationen zustande gekommen sind, daß falsche Schnittführungen zu unangenehmen Verletzungen Veranlassung gegeben haben, sondern daß auch schwere Blutungen eintraten, die unter Umständen sogar den Tod des Kindes herbeigeführt haben. Bisweilen konnte das größte Nebel noch durch schnelles Hinzuziehen des Arztes verhindert werden, der die Umstechung der blutenden Gefäße vornahm; aber kostbare Minuten und Stünden vergingen oft, und wenn bei sogenannten Blutern, bei denen im Blute die blutgerinnende Substanz fehlt, nicht sofort Umstechung der Nahtfläche und andere Manipulationen vorgenommen werden, kann das größte Unglück passieren. Außer mit unsauberen Instrumenten wurde vielfach mit unsauberen Händen operiert, so daß auch Blutvergiftungen gar nicht zu den Seltenheiten gehörten, und schließlich wurden durch die Mezizah, die unter allen Umständen zu verwerfen ist, wie Dr. Alexander-Breslau vor kurzem einwandfrei nachgewiesen hat, Syphilis, auch Tuberkulose von dem Mohel auf das Kind übertragen. Und wenn auch . nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Mißerfolgen zu verzeichnen war, so veranlaßten sie doch manche ihre Kinder zum Teil nicht mehr beschneiden zu lassen, zum Teil gingen sie nur mit Zagen an diesen Akt heran.