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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-07 · Heft 40 (7.10.1910) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
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Die vielseitige, politische Vorbildung, die weitverzweigten internationalen Beziehungen mußten Dr. Nathan auch dazu führen, daß er die Judenfrage und die Beseitigung des jüdischen Elends in den östlichen Ländern und im Orient nicht vom Standpunkt der reinen Humanität aufsaßte, sondern in der Arbeit für das Judentum ein sozialpolitisches Problem erblickte, das mit den Mitteln der Philanthropie allein nicht zu lösen ist. Durch die Tätigkeit Dr. Nathans wurde die jüdische Arbeit, die bisher größtenteils als rein philanthropische betrachtet wurde, zu einer sozialen und politischen Arbeit im -weitesten Sinne. Nachdem Dr. Nathan bei allen Bestrebungen, die sich zur Wahrung und Verteidigung jüdischer Interessen geltend machten, wie beim Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe, dem er zur Zeit der Hochflut des Antisemitismus eine Reihe von Jahren in leitender Stellung angehörte, und in dessen Austrage er unter anderem die. Schriften „Die Juden . als Soldaten" und „Die Kriminalität der Juden in Deutschland" herausgab, hervorragenden Anteil nahm, trat mit der von ihm und seinen Freunden . vorgenommenen Gründung des Hilfsvereins der Deutschen Juden im Jahre 1901 für Dr. Nathan eine Epoche reichen Schaffens für das Judentum ein. Der Hilssvercin der Deutschen Juden, dessen stellvertretender Vorsitzender und Geschäftsführer Dr- Nathan ist, setzte in seiner Tätigkeit die Anschauungen, ' zu denen Dr. Nathan durch eine lange politische Schulung gekommen war, in die Praxis um und hat damit eine neue Nuance jüdisch-sozialen Wirkens geschaffen. Nach zwei Richtungen hin hc^ Herr Dr. Nathan innerhalb des Hilfsvereins der Deutschen Juden besonders erfolgreich arbeiten können. Nach seinen Vorschlägen hat der Hilfsverein im Orient ein Schulwerk ausgebaut, das voll dein Grundsatz äusgeht, unter Schonung der Eigenart und der Tradition der Massen im Orient, diesen einer Bildung zuzuführen, die sie in den Stand setzt, in ihrer orientalischen Heimat wirtschaftlich sich emporzuhelfen, und das in neun Jahren bereits einen bedeutenden Umfang angenommen hat. Ferner hat sich Dr. Nathan die Organisierung des Hilfswerks für die notleidenden Glaubensgenossen des Ostens angelegen sein lassen. Bekannt sind seine Reisen nach Rußland während der gefährlichsten Zeit der „Pogrome" und nach Rumänien anläßlich der Bauernrevolten. Zwei Höhepunkte seiner organisatorischen Arbeiten .seien nur erwähnt: Die Organisation des Hilfswerks für die Opfer der Pogrome, die er zusammen mit seinen englischen und russischen Freunden zuwege gebracht hat, und die Herbeiführung einer geregelten Auswanderersürsorge, deren Pläne Herr Dr. Nathan aus der Frankfurter Konferenz im Jahre 1904 entwickelte und die von den anderen Organisationen gutgeheißen wurden. Diese organisatorischen Maßnahmen für die Auswanderung sind seit jener Zeit vorbildlich geworden für jede Tätigkeit auf dem Gebiete der Emigration. Es .sei schließlich noch hervorgehoben, daß Dr. Nathan durch verschiedene Reisen nach dem Orient sich persönlich über die Entwicklungsmöglichkeiten und über die Bedürfnisse unserer Glaubensgenossen dort unterrichtet hat. Dr. j)äul Nathan. Oheimlchk Ksbbmer-Lrmkerm? (ISIS). ^^ie diesjährige Generalversammlung des rheinischen .Rabbiner« 'ZJ Verbandes war besucht von den Rabbinern Dr. David (Bochum), Grabowski (Barmen), Jakob (Dortmund), Jaulus (Aachen), Hanover (Köln), Kalischer (Bonn), Levi (Krefeld), Naumark (Duisburg), Norden (Elberfeld), Roseuthal (Köln), Samuel (Essen), Wiener (Tüsseldorf). Nach Begrüßung durch den Vorsitzenden Oberrabbiner Tr. Levi wurden Personalien erledigt; insbesondere wurde Kenntnis genommen von der Berufung des Dr. Baron nach Kolberg und von dem mit der Berufung in das Landrabbinat Wiesbaden begründeten Austritt des Dr. Kober. Aus dem Jahresbericht ist hervorzuheben die Rundfrage des . Zentralvereins deutscher Staatsbürger über die Ausgestaltung der Zentenar--Feier der Emanzipation der preußischen Juden (1912). Während die Mehrzahl der Antworten in der Richtung der Vorschläge sich bewegte, wurden auch ucue Anregungen erteilt, z. B. Begründung eines Unterstützuttgöfonvs für jüdische Philologen und Anwärter des höheren Postfachs; Ueberweisung von Mitteln zur Errichtung eines Lehrstuhls für jüdische Wissenschaft an den preußischen Staat. Große Förderung hat eine den Verband nahe berührende Angelegenheit gefunden, besonders durch die Bemühungen des Dr. Kalischer; es haben nämlich im Berichtsjahre die drei noch ausstehenden rheinischen Gemeinden Bonn, Duisburg und Essen den Beschluß gefaßt, die Pensions- und Reliktenve^ hältnisse ihrer Kultusbemten, insbesondere der Rabbiner, zu regeln. Da weitere Gegenstände in besondere Referate verwiesen sind, erfolgt sogleich die Neubildung des Vorstands, in welchem nunmehr die Herren Neumark als Vorsitzender, Levi als stellvertretender Vorsitzender und Samuel als Schriftführer fungieren. Wichtigster Punkt der Beratungen ist: Stellungnahme zu den Abänderungsvorschlägen des Zentralausschusses des Rabbiner- Verbandes in Deutschland zum Organisationsentwurf, Referent Dr. Jakob, Korreferent Dr. Levi. Der erstere gibt einen Ueberblick über die Entwicklung des rabbinischen Amtes und kommt zu dem Ergebnis, daß nur völlige Verkennung des historisch gewordenen, verbunden mit religiösem Jndifferentismus die vom Rabbiner handelnden Teile des Gesetzentwurfes erklärlich mache. Die Versammlung beschließt die Drucklegung des ausgezeichneten Referats. Der zweite Berichterstatter Dr. Levi begründet sodann seine persönliche Stellung zu den Fragen des Vetorechts, des fakultativen oder obligatorischen Religionsunterrichts, der Inspektion des letzteren, der Errichtung von Bezirksrabbinaten. Die Versammlung wünscht vor Eintritt in die Diskussion noch ein Referat über die von Dr. Frank angeregte Frage der Anstellung eines Wanderrabbiners entgegenzunehmen; es berichtet darüber Dr. Samuel. Aus der sich anschließenden Erörterung ergeben sich die folgenden

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