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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-07 · Heft 40 (7.10.1910) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 472 (sequence 4)
Language
German
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Besserung. Frieden ist unser Ziel und friedlich sind die Bahnen, die wir wandeln. Diejenigen Juden, die eine revolutionäre Weltanschäuung bekunden, tun es nicht ihres Judentums wegen, das sie meistens längst abgelegt haben, sondern sie sind auf diese Bahn durch traurige Verhältnisse gedrängt worden. Wie man überall die Revolution am besten durch Gerechtigkeit und Fortschritt bekämpft, so kann man auch die Juden des Ostens zu guten, friedlichen Bürgern machen, wenn man ihnen Menschen- und Bürgerrechte - gibt, und wenn man ihnen die sozialen Lebensbedingungen erleichtert und nicht künstlich erschwert. Wo man aber Haß sät, da kann man keine Liebe' ernten. Die ganze Lösung der sogenannten Judenfrage, über die sich so viele Leute den Kopf zerbrechen, besteht darin, daß man die Juden weder als Teufel noch als Engel, sondern als Menschen behandelt. 4» Aus Odessa wird der „N. I. K," berichtet: Das in puncto Judenfrage erfindungsreiche und kampfeslustig voranschreitende Odessa hat sich nunmehr auch aus dem Gebiete der vom Aufklärungsminister Schwarz anscheinend ganz ausgebeuteten Schulpolitik Lorbeeren geholt. Freilich mußte man, um dieses Gebiet von neuem patriotisch fruchtbar zu machen, diesmal zu den . Täuflingen Zuflucht nehmen. Und so hat denn vor kurzem der hohe Senat der Odessaer Universität dem Minister für Volksaufklärung die prinzipielle Frage unterbreitet, ob nicht Abiturienten jüdischer Abkunft, die zum griechisch-katholischen Glauben übergetreten sind, bei der Aufnahme in die Universität gewissen Einschränkungen zu unterwerfen wären. Der Herr Minister unterließ es nicht, diese Frage einem „eingehenden Studium" zu unterziehen, und gelangte zum Ergebnis, daß die Anwendung der Prozentnorm auf die hoffnungsvollen Neophyten der griechisch-katholischen Kirche angebracht sei. Demgemäß ging der Herr Minister daran, ein neues, spezielles ReglementsürdieseKategoriejüdisch-chriftlicherAbiturienten auszuarbeiten. Im wesentlichen gipfelt das neue Projekt darin, daß zum griechischkatholischen Glauben übergetretene jüdische Abiturienten diesbezüglich in zwei Kategorien zerfallen: in Personen, die vor Eintritt in die Mittelschule getauft wurden, und solche, die erst nach Absolvierung derselben das neue Relgionsbekenntnis annahmen. Die ersteren sollen ihren christlichen Kommilitonen ganz gleichgestellt werden, während für die letzteren die jüdische Prozentnorm zur Anwendung gelangen soll. Damit wird offenbar der Zweck verfolgt, einen Teil der jüdischen Jugend in Rußland zur Taufe in frühem Alter zu verleiten. Wie soll es nun mit denjenigen sein, die das Licht derneuen Lehre auf der Gymnasialschulbank erblickt haben — darüber herrscht vorläufig Unklarheit. Die Frage wird wohl Anlaß und Stoff für so manche Erläuterungen, Verordnungen und Zirkulare geben. Uns mag das Geschick der bildungsdürftigen Ueberläuser kalt lassen. Für die allgemeine Lage in Rußland 'ist aber dieses neue Produkt bureaukratischer Schöpfungskraft überaus charakteristisch. & Aus Cambridge kommt folgende interessante Nachricht: Zwei Bände der bisher unveröffentlichten „Dokumente jüdischer Sektierer" (Documents of Jewish Sectaries) werden in kurzem von dem Cambridge Üniversity Press in der Herausgabe des Herrn Dr. S. Sch echt er, Präsident des jüdisch theologischen Seminars in New Jork, veröffentlicht werden. Die Bände enthalten Nachbildungen der zwei Gruppen von Fragmenten, die in der Genizah in Kairo entdeckt wurden, von welchen die meisten jetzt in der Cambridge Universitäts- Bibliothek aufbewahrt und als die Taylor-Schechter-Kollektion bezeichnet wexden. Der erste Band enthält Fragmente aus dem Werke eines Sadduzäers und liefert einen wertvollen Beitrag zur Geschichte der ältesten jüdischen Sekten. An das Original schließt sich eine englische Uebersetzung an. Der zweite Band enthält Fragmente des „Buches der Gebote" von dem Begründer der Karäer-Sekte Anan, die vom Herausgeber mit Hinweisungey auf die Bibel versehen wurden. Dr. Kau! Kathen ist im Jahre 1857 in Berlin geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Berlin, und der Universitäten Berlin und Heidelberg promovierte er im Frühjahr des Jahres 1881 an der Universität Heidelberg zum Dr. phil. Neben Nationalökonomie, Staatsrecht und Geschichte waren besonders Archäologie, romanische Sprachen und deutsche Literatur Gegenstand seiner Studien. . In jüdischen Angelegenheiten trat er bereits'im Jahre 1882 hervor. In diesem Jahre wurde der .bekannte Tisza Eslar- Ritualmordprozeß in Ungarn verhandelt. Dr. Paul Nathan wies den verstorbenen Sanitätsrat Dr. Neumann darauf hin, daß nur durch eine Einwirkung auf die öffentliche Meinung Europas die gehässigen, lügenhaften, mittelalterlichen 'Anschuldigungen gegen die Juden entkräftet werden können. Auf Anregung des Sanitätsrat Dr. Neumann übernahm Dr. Nathan selbst die Mission und organisierte in Tisza Eslar die Berichterstattung über den Prozeß. Als im Jahre 1892 der konservative Abgeordnete Freiherr v. Wackerbarth im Landtag das Ritualmordmärchen in die Debatte warf, gab Herr Dr. Nathan seine Berichte über den Tisza Eslar-Prozeß mit einer längeren Einleitung heraus. 4. Bei den späteren für die deutsche Judenheit besonders aufregenden Ritualmordprozessen in Xanten und Könitz stellte Dr. Nathan zur Aufklärung des Sachverhalts und zur .Zerstreuung der haltlosen gegen die Juden gerichteten Verleumdungen seine Kräfte aufs neue in den Dienst der jüdi? schen Sache, Neben den jüdischen Angelegenheiten, denen sich Dr. Nathan bereits in jungen Jahren widmete, zog ihn seine Neigung frühzeitig zu politischer Betätigung. ' Als ganz junger Mensch verkehrte er bereits in den Kreisen, in. denen Lasker, Bamberger, Staufenberger und - Forkenbeck die führende Rolle spielten, und erwarb sich, die Freundschaft dieser angesehenen liberalen Politiker. Dem Standpunkt eines entschiedenen Liberalismus, den diese Männer damals vertraten, ist Dr. Nathan stets treu geblieben. Nur in der Behandlung der sozialen Frage hat sich eine nicht unwesentliche Wandlung vollzogen. Ju bezug auf das, was der Staat auf den verschiedensten Gebieten für die breiten Massen tun könne, ist innerhalb des Liberalismys eine Fortentwicklung eingetreten. Dr. Nathan schloß sich jener Richtung des Liberalismus an, die die Staats- Hilfe nicht ohne weiteres. perhorresziert und betätigt sich auf kommunalpolitischem Gebiete als Stadtverordneter von Berlin seit langen Jahren in diesem Sinne. Mit einigen Freunden begründete er in der Berliner Stydtverordneten-Bersammlung die sozialfortschrittliche Gruppe, die die oben geschilderte. Entwicklung des Liberalismus darstellt. . ■ ■. Die politisch-schriftstellerische Tätigkeit, der sich Dr. Nathan früh widmete, führte dazu, daß er im Jahre 1884 indie: Redaktion der „Nation" eintrat und in den 23 Jahren, die diese angesehene Zeitschrift bestand, war er einer ihrer Hauptmitarbeiter und mit feinem nunmehr verstorbenen Freunde Theodor Barth zusammen einer der Herausgeber dieses Blattes. . - v Auch an der Gründung der internationalen Zeitschrift „Kosmopolis" war Dr. Nathan in erheblicher Weise.beteiligt. Er schrieb in dieser Zeitschrift, die in drei Sprachen erschien, und die im Dienste des Kulturfortschritts einen Ausgleich der Interessen der rivalisierenden Nationen anstrebtedie politischen Berichte aus Deutschland. . .

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