Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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471 deshalb können wir vorläufig nicht annehmen, daß das konservative Blatt recht habe, wenn es schreibt, die konservative Partei in ihrer großen Mehrheit habe sich davon überzeugt, daß sich der fragliche Passus des Programms nicht mehr rechtfertigen lasse. Die Meinung der Partei oder ihrer Mehrheit zu erkunden, war schlechterdings unmöglich. Die konservative Presse aber führt nach wie vor den Kampf gegen den vielfach zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben; und sie wird ihn weiter führen müssen, wenn sie unser Volksleben rein und gesund erhalten will. Selbstverständlich wird sie sich vor dem hüten müssen, was man Radau-Antisemitismus nennt. Diese Abart des Antisemitismus, die dem jüdischen Einflüsse nicht geschadet, sondern eher genützt hat, ist aber so gut wie völlig überwunden." Dagegen wendet sich die „Kreuzzeitung". Sie erklärt, in dem Tivoli-Programm werde der jüdische Einfluß ganz allgemein als zersetzend bezeichnet, und das habe sich durch die Erfahrung der inzwischen verflossenen 18 Jahre als zu weitgehend herausgestellt. In dieser Zeit sei vielmehr der zersetzende Einfluß der Sozialdemokratie und ihrer Nichtorganisierten Gesinnungsgenossen der gefährlichere und tiefgreifendere geworden. Zwar habe die Sozialdemokratie viele Juden als Vorkämpfer, aber auch sehr viele Juden zu scharfen Gegnern, und anderseits wirkten als Vorarbeiter der Sozialdemokratie ganze Scharen germanischer Männer und Frauen. Der „Simplicissimus" z. B. sei nicht jüdisch. Daran anschließend schreibt das Blatt: „Daß solche von Nichtjuden geschriebenen Zeitungen und Zeitschriften. die jede Autorität vernichten, tatsächlich zur Lieblingslektüre vieler gebildeter und führender Kreise des Volkes geworden sind, beweist aufs schlagendste, daß die konservative Partei diese Gegner nicht geringer einschätzen darf, als die von Haß und Rachsucht gegen alle christlichen und nationalen Autoritäten erfüllten Oppositionsjuden. Tatsächlich haben diese nicht mehr oder nicht mehr allein die Führung im Kampfe gegen das, was wir verteidigen. Anderseits hat sich im Judentum, das in sich ebenso gespalten und zerrissen ist wie das Deutschtum, doch so viel positiv Gutes und Anerkennenswertes entwickelt, daß die Behauptung, der jüdische Einfluß auf unser Volksleben sei zersetzend, sich nicht ohne Einschränkung aufrechterhalten läßt. Staatstreue, Gesinnung, geschäftliche Solidität, religiöser Ernst, positive Leistungen in Wissenschaft und Kunst lassen sich den Juden so allgemein nicht absprechen. Das sollte unser Programm auch nicht tun, zumal der positiv-christliche Charakter der Partei in demselben Artikel 1 des Programms scharf und wiederholt ausgesprochen wird, und der gegen den jüdischen Einfluß gerichtete Passus also leicht als eine politische Verurteilung der jüdischen Religion ausgesäßt werden kann, auch so aufgefaßt worden ist. Das sind Worte, die man in einem Blatt, wie die „Kreuzzeitung", gewiß mit Genugtuung liest. Allein viel versprechen dürfen wir uns davon nicht. Zunächst muß sich zeigen, ob die konservative Partei darauf eingehen wird, ihr Programm in diesem Punkte zu revidieren. Aber auch dann hätten wir direkte Taten im Sinne einer wirklichen Anerkennung unserer vollen Gleichberechtigung schwerlich zu erwarten. Denn die „Kreuzzeitung" selbst kommt zum Schlüsse doch wieder mit dem Bekenntnis, daß sich der Kampf ihrer Partei wie gegen allen undeutschen und widerchristlichen Einfluß, so auch gegen die Ansprüche des Judentums, auf eine führende und autoritative Betätigung in Politik, Heer und Verwaltung, für die es nicht geeignet erscheine, richte. Die „Gerechtigkeit", die sie unS Juden gegenüber walten lasten will, ist also nur sehr eingeschränkter Natur, eine Art Gnadengeschenk, und das lehnen wir dankend mit dem bekannten Worte ab: Wir wünschen weder den Honig, noch den Stich. £ Man schreibt uns: Wenn man ein klassisches Beispiel dafür haben will, wie man ein friedliches Volkselement, das sich nach Arbeit und Liebe sehnt, durch eine falsche Politik zu einer revolutionären machen kann, so braucht man nur die Juden und ihre Geschichte zu studieren. Sie waren von Natur dazu bestimmt, die Fahne der Friedenskultur zu tragen und die Völker zu versöhnen. Haß und Verfolgung aber itrieben sie oft in die Reihen der Verzweifelten. Es ist kein Zuall, daß die ersten Führer des europäischen Sozialismus vom jüdischen Blute sind. Sie haben ja in ihrer eigenen Gemeinschaft gespürt, wie weh die Ungerechtigkeit tut, und in ihrem Streben nach Hilfe für die leidende Menschheit verirrten sie sich in die Bahnen des Sozialismus. Schließlich ist der Sozialismus ja nur eine falsche Konsequenz der freiheitlichen Ideen unserer Propheten. Wenn man aber heute die Juden als die-alleinigen Träger der Revolutionsidee bezeichnet, so zeigt sich schon in dieser Generalisierung, wie oberflächlich man dieses Problem ansaßt. Es ist ein Unsinn, alles auf das Blut zurückzuführeu. Jeder Mensch ist ein Produkt der sozialen Verhältnisse, und Erziehung, Milieu und die wirtschaftliche und politische Lage haben ihn meistens zu dem gemacht, was er ist. Es ist unglaublich, wie die klügsten Köpfe auf Abwege geraten, sobald sie über Juden und Judentum urteilen. Ein so feiner Psychologe wie Viktor Hehn sieht in der kalten, starren Logik, in dem nüchternen, juristischen Formalismus den Typus des Juden, während andere Gelehrte in jedem Juden eine leidenschaftliche, fanatische Natur suchen. Beides ist wahr und unwahr zugleich. Es gibt eben solche und auch solche Juden, wie es auch verschiedene Naturen in anderen Gemeinschaften gibt. Wer sich für psychologische Probleme interessiert, konnte wiederum auf dem sozialistischen Parteitag in Magdeburg Beobachtungen anstellen. Auf der Seite der schärfsten revolutionären Richtung sahen wir die hysterische Amazone Rosa Luxemburg — eine Jüdin. Und auf der Seite der Revisionisten sahen wir einen der tüchtigsten Köpfe der Partei, den Reichstagsabgeordneten Dr. Frank — einen Juden. Wer stellt nun den jüdischen Typus im Sozialismus dar? Der kluge, feine Politiker Frank oder die fanatische Luxemburg? Beide nicht, fürbeideNaturen wird maneineBegründung inihrerAnlage, in ihrer Erziehung und ihrem Milieu und nicht ihrem Blute finden. Dr. Frank, das Kind eines badischen Dorfes, der wohl nie Haß und Verfolgung genossen hah ist nicht durch das Gefühl, sondern durch den Intellekt zum Sozialismus gelangt, und er vergißt daher die Wirklichkeit nicht und wandelt die Wege der Vernunft. Rosa Luxemburg, die russische Jüdin, die Tochter eines jüdischen Proletariers, die in ihrer Jugend nichts weiter als blutige Verfolgung und unerhörte Rechtsverletzung gesehen und erfahren hat, ist durch die Ereignisse in die Revolution hineingepeitscht worden, und ihr Sozialismus kann daher nicht anders als stürmisch und leidenschaftlich sein. Ich kenne die Lebensgeschichte von Stadthagen und Eduard Bernstein nicht, aber ich bin sicher, daß auch hier die scharfen Gegensätze aus dem Temperament, Erziehung und Lebensbedingungen resultieren. Es gibt eben gar keine Partei und keine Richtung, in der sich keine Juden befinden, und überall betätigen sie sich, ihrer inneren Natur entsprechend und nicht den Gesetzen der jüdischen Religion öder der jüdischen Rasse gehorchend. Selbst in den antisemitischen Richtungen findet man Juden — allerdings herzlich schlechte. Man braucht nur an Maximilian Harden und Richard Nordhausen zu denken, denen die antisemitischen Witze stets eine willkommene Würze sind. Ich erinnere noch besonders an Robert Jaffe, den ehemaligen eifrigen Zionisten, der heute die blutigsten antisemitischen Artikel für die agrarischen Blätter schreibt und einer der geschätztesten Mitarbeiter des „Hammer" ist. Die ganzen Behauptungen von der jüdischen Rasse sind eben leere Phrasen, an die die Antisemiten selber nicht glauben. Denn sobald ein Jude so charakterlos ist, gegen Judenheit und Judentum zu sprechen oder zu schreiben, wird er von den Antisemiten mit offenen Armen empfangen uNd als tapferer Mitkämpfer begrüßt. Nein, wir Juden sind unserer ganzen Naturanlage nach kein Revolutionäres Element. Wir erwarten von einer gesunden Entwicklung und nicht von einer gewaltsamen Umwälzung das Heil der Menschheit und unser Heil. Wir beten an unseren hohen Feiertagen für . den Frieden und das Glück aller Völker, und wir waren stets Freunde aller Friedenskultur. Wir erwarten von dem kulturellen und moralischen Fortschritt auch in der Behandlung der Juden eine