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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-07 · Heft 40 (7.10.1910) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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Aeistes einer strengen Prüfung rurterziehen, müssen uns nicht bloß mit Gott und unseren N /Unmenschen, sondern auch mit uns selber versöhnen. Das menschliche Her; mit seinen schrankenlosen Leidenschaften, mit seinen b mmelanstrebenden Hoffnungen und Wünschen, mit seinen flüchtigen Eindrücken und stürmischen Aeußerungen ist uns oft ein Rätsel. Der fromme und menschenfreundliche Erdenpilger klagt, weil ihm der gebührende Gotteslohn vorenthalten wird, weil er den Leidenskelch bis zur .Neige leeren muß, während der Uebeltäter die Freuden des'Daseins genießt. Der Arme, welcher gebeugt unter der Last des Lebens einherschreitet, jammert wegen ungerechter Arbeits- und Vermögenseinteilung und beneidet die mit Glücksgütern gesegneten- Der Hochstehende will immer höher steigen und murrt, weil er die höchste Stufe auf der Lebensleiter nichts erklimmen kann. Selbst die Helden des Geistes sind unzufrieden, weil sie die Schranken nicht entfernen, die Schwierigkeiten nicht bewältigen können, die ihren Geistesflug hemmen. Mit einem Worte, eine große Kluft trennt unsere Gedankenwelt von der Sinnenwelt, und unsere Wünsche und Hoffnungen eilen voraus und können den Schneckenweg der Wirklichkeit nicht einhalten. Der Versöhnungstag macht uns aufmerksam auf den trüben Quell der Selbstsucht und des falschen Ehrgeizes, aus dem unsere fast uferlosen Wünsche und Hoffnungen gespeist werden. Wer sein Auge vom Lebenslos des einzelnen nicht abwenden kann, wer im Wohlergehen der Einzelperson das Ziel unseres Daseins erblickt, der wird stets unzufrieden sein, weil da die Frucht unseres Fleißes nicht immer der rastlosen Arbeit entspricht, der reichen Aussaat oft eine Mißernte folgt. Ganz anders, wenn wir den Fortschritt Israels, den Entwicklungsgang der Menschheit verfolgen. Da führte zumeist die Finsternis, der Kummer, die Trauer und Knechtschaft im Werdegang der Einzelperson zum hellstrahlenden Licht, zur Freude, zur festlichen Stimmung und zur Freiheit im Leben der Gesamtheit. Und gerade der Versöhnungstag ist es, der uns das betende Israel in seiner Gesamtheit zeigt. Am Jomkippur versiegt der Quell, aus dem die Einzelpersonen ihr Haderwasser schöpfen. Da ziehen ein Bruderliebe, Frieden und Gottvertrauen in die Häuser und Herzen der Gesamtheit. Am Versöhnungstage sprengen wir die Ketten des uns knechtenden irdischen Stoffes, alle Sonderwünsche werden zurückgestellt und nur ein Wort ringt sich empor aus dem gleichsam alpbedrückten Herzen Israels: „Verzeiht in Deiner Huld und Gnade die Sünde dieses Volkes!" Öb reich oder arm, hoch oder niedrig, gelehrt oder unwissend, Herr oder Knecht, sie alle haben nur einen Wunsch, vereinigen sich zu einem Gebet und harren der Gnadenbotschast Gottes. Darum bemerken unsere Weisen zu H. L. 1,5: Schwarz ist Israel während des ganzen Jahres, doch schön und herrlich am Versöhnungstage. - Ja, schön ist der Versöhnungstag, denn einmal im Jahrerückt er uns aus hoffnungs- und ahnungsvoller Ferne immer näher die herrlichsten Ideale und erhabensten Gedanken. Herrlich ist der Versöhnungstag, denn er zeigt uns die Menschen als Krone der Schöpfung, frei von den Schlacken der Leidenschaft und Selbstsucht, eine Gesamtheit, der nach dem Midrasch-Wort selbst Satan nichts anhaben kann. Schön ist der Versöhnungstag, denn er macht uns aufmerksam auf die Segnungen eines starken und zielbewußten Willens, versöhnt uns mit unserem Gotte, mit unseren Neben-, Menschen und mit uns selber. Herrlich ist der Versöhnungstag, denn von ihm gilt des gottbegnadeten Sehers Wort: .„Wie lieblich sind auf des Lebens Höhe die Tritte des Heilboten! Frieden kündet er, Hilfe bringet er und spricht zu Zion, Dein Gott regiert." Die Woche. Berlin, 3. Oktober. ei der „Kreuzzeitung" fängt es an zu dämmern. Sie weiß jetzt, wie aus ihrer letzten Wochenübersicht hervorgeht, „daß auch im Judentum konservative Kräfte lebendig und wirksam sind." Sie ist sogar auf empirischem Wege zu dieser Erkenntnis gelangt. „Die erfreuliche Tätigkeit zahlreicher jüdischer Männer im Praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst" hat es ihr offenbart. Da ist es eigentlich seltsam, daß es so lange täglicher Beobachtung bedurfte, um die „Kreuzzeitung" aus ihrem mittelalterlichen Schlaf zu erwecken. Folgerichtig müßte sie jetzt mit dem Eifer eines Konvertiten dafür eintreten, daß Juden an den Universitäten, höheren Schulen usw. angestellt werden. Daß das konservative Blatt wirklich einen solchen Eifer entfalten wird, ist uns trotzdem zweifelhaft; aber sie kann uns diese Sorge nehmen, den Verdacht, wenn man will, daß ihre Bekehrung keine 'ganz aufrichtige und gründliche ist, beseitigen, indem sie dahin wirkt, daß den „zahlreichen jüdischen Männern, deren Tätigkeit im praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst sie täglich erfreut," Gerechtigkeit zuteil werde. Das konservative Blatt ist zu der weiteren Erkenntnis gelangt, daß sich „destruktive Tendenzen auch bei rassenreinen Deutschen entwickelt haben." Wir möchten nicht nachrechnen, wie oft in diesen Blättern das gesagt worden ist. Wir bilden uns auf diese Belehrung nichts ein. Jeder halbwegs vernünftige Mensch konnte das wissen. Aber die „Kreuzzeitung" hat geschlafen den tiefen Schlaf, den nicht nur der Gerechte genießt. Jetzt dämmert es endlich bei ihr. Nun, es ist niemals zu spät zu einer Besserung und Aenderung der Gesinnung, wenn diese einmal als eine irrige erkannt ist. Die Bemerkung der „Kreuzzeitung" über die veränderte Stellung der Konservativen zum Antisemitismus, daß sich der antisemitische Passus des Tivoli-Programms nicht mehr rechtfertigen lasse, hat, wie nicht anders zu erwarten war, bei den rechtsstehenden Blättern, insbesondere dem „Reichsboten" und der .„Deutschen Tageszeitung", Mißbilligung und heftigen Widerspruch gefunden. Der „Reichsbote" erklärt: „Dieser Passus ist, wie jeder Blick in unser Volksleben beweist, heute fast noch mehr gerechtfertigt wie damals, und die konservative Partei würde der Mehrheit der Konservativen im Lande hart vor den Kopf stoßen und sie an der Partei irremachen, wenn sie diesen-Passus ihres Programms streichen würde." Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt: „Daß der jüdische Einfluß auf unser Volksleben vielfach zersetzend wirkt, und daß er sich vordrängt, kann doch nicht bestritten werden. Ter Kampf gegen diesen Einfluß wird als eine Notwendigkeit nicht nur in den rechtsstehenden Kreisen und Gruppen empfunden, sondern auch bis weit in die Mittelparteien hinein. Selbstverständlich soll dieser Kampf nur mit geistigen und mit gesetzlichen Waffen geführt werden. Wer den jüdischen Einfluß bekämpft, der bekämpft durchaus nicht den einzelnen Juden die jüdische Bevölkerung oder gar die israelitische Religion. Wenn jemand der Meinung ist, daß sich der erwähnte Punkt des konservativen Programms „praktisch nicht mehr rechtfertigen lasse", so muß er entweder glauben, daß der jüdische Einfluß nicht mehr wirksam und deshalb der Kampf dagegen nicht mehr nötig sei, oder er muß wähnen, daß der Kamps praktisch aussichtslos sei. Beides ist doch tatsächlich nicht der Fall.

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