Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 40 Berlin, 7. Oktober 1910 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preir: durch den Buch« Handel oder die Post (in Berlin und vor« orten durch unsere verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags - Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen f*, Redaktion und Expedition sind an dir Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung de» Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 4K/4Z, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tltrlt^llt ®er Dersöhnungstag. — Die Woche. — Dr. Paul Nathan. LßLtlJUtL. __ Rheinische Rabbiner-Konferenz (1910). — Der Arzt als Mvhel. Von Dr. Julius Winter. — Die polnische Insurrektion des Jahres 1848 und die Juden in den Posener Landen. Von I. Herzberg- Bromberg. — Feuilleton: Ausgezeichnete Birnen. Skizze von David Pinski. Autorisierte Uebersetzung von Hermann Blnmenthal. — Literarische Mitteilungen. Der Gemelndcbote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Köpenick, Thorn, Bromberg, Posen, Varel, Kreuznach, Paris. — Von Nah und Fern. Der Verlühmmgstag. Von Rabbiner Dr. Berger, Krotoschin. ersöhnungstag! Ein Wort, das uns die Herzen der Menschen und die Pforten des Himmels erschließt, ein Wort, das eine Fülle von Segnungen und Seligkeit enthält. Am Versöhnungstag versöhnen wir uns mit unserem Gott, mit unseren Neßenmenschen und mit uns selber. In dieser dreifachen Versöhnung liegt die hohe Bedeutung dieses von Gott eingesetzten Tages. Versöhnung mit unserem Gott! Wie in der blühenden Gottesnatur lebendige Kräfte schlummern, die der Gelegenheit harren, um zur vollen Entwicklung zu gelangen, so auch im Herzen des Menschen, der die Krone der Schöpfung, ein Ebenbild Gottes ist. In der Fülle unserer Berufspflichten, im Jagen und Haschen nach Gewinn, im Streben nach Wissen und Erkenntnis, auf dem Markte des Lebens, wo sich oft blutige Kämpfe um eines Knochens willen abspielen, verschwindet allmählich das Bewußtsein unseres innigen Zusammenhanges mit Gott. Da ist unser Blick auf die Erde gerichtet, auf die vergänglichen Güter des Weltalls, und wir verlernen es, Auge und Herz gen Himmel zu erheben. Nun kommt der Versöhnungstag als Sendbote des Herrn mit der beglückenden Botschaft: „An diesem Tage wird er Euch sühnen, Euch reinigen von all Euren Sünden, ohne Fehl werdet ihr vor Eurem Gott erscheinen." Sofort erwacht in uns, was göttlich und unsterblich ist. Der Funken, welcher unter dem Schutt des Alltagslebens kaum noch glimmt, wird plötzlich zur hellauflodernden Flamme. Der Körper mit seinen tausend und abertausend Anforderungen tritt in den Hintergrund, und jubelnd möchte sich emporschwingen die Seele zu ihrer erhofften Größe. Da gehen wir alle, Männer und Frauen, Kinder und Greise, ins Gotteshaus, schütten aus unsere Seele vor dem Ewigen, mildern unsere Schuld durch Reue und Buße, und es zieht ein die Versöhnung mit unserem Gotte, dieser Strahl aus Himmels Höhen) in unsere Häuser und Herzen. Versöhnung mit unse r e n Neben men schen! ■ Soll der Frieden, den Israel am Versöhnungstag mit seinem Gotte schließt, von Dauer sein, soll die Vergebung, welche wir von unserem Schöpfer erflehen, vollkommen sein, müssen wir aus unserem Herzen auch die Sünden gegen Menschenliebe bannen, Neid, Haß und Rachsucht erfolgreich bekämpfen. Welche Fülle von Opferwilligkeit, Selbstverleugnung und Heldenmut äußert sich in jenem alten jüdischen Brauchwonach wir bereits am Rüsttage des Jomkippur bie% von uns beleidigten und gekränkten Brüder und Schwestern aufsuchen, um ihre Verzeihung zu erlangen. Nicht schöner und würdiger können wir das Versöhnungsfest feiern, als wenn wir, hingerissen vom bestrickenden Zauber und erfüllt vom heiligen Schauer dieses in seiner Art einzig dastehenden Tages, zu unserem Mitmenschen sprechen: Verzeih', o Freund, mein rasches Wort! Es ist meiner wildentfesselnden Leidenschaft entsprungen. Vergib meine böse Tat! Zorn und Mißgunst waren meine Ratgeber. Lösch' aus von der Tafel Deines Herzens die jüngste Tat, da ich Dich in meiner Verblendung verkannt, beleidigt, geschädigt und verwünscht habe. Nicht kannst Du im Hinblick auf jene Stunden, die uns vorher so innig verbunden haben, Zorn, Haß und Rache bewahren. Nicht darfst Du zurückstehen, wo sich Gottes Güte, Milde und Barmherzigkeit in so herrlicher Weise äußern. Einst wurde ein Weiser in Israel befragt: Wie kommt es, daß eine Greisenkrone Dein Haupt schmückt, was hat Deinem gottgesegneten Leben Dauer verliehen?" Er antwortete: „Weil mit dem Schwinden des Tages auch jeder Haß und Groll von meinem Lager und aus meinem Herzen geschwunden ist."' Diese goldenen Worte legen Zeugnis ab von einem heiligen Leben, in dem jeder Tag gleichsam zum Versöhnungstage geworden ist. Allerdings können wir uns nicht täglich zu dieser erhabenen Höhe menschlicher Selbstverleugnung, Weisheit und Vollkommenheit emporschwingen. Aber einmal im Jahre, wenn die Gnadensonne des Versöhnungstages auf-' und untergeht, wenn Millionen Lippen und Herzen nicht bloß für sich und ihre Glanbensgenoffen, sondern für alle Menschen ohne Rücksicht auf Stand und Religion beten, können wir durch den Sieg über uns selbst wahres Heldentum zeigen und ein Denkmal errichten auf dem Schlachtfeld der Leidenschaften, ein Denkmal der Liebe und des Friedens. Versöhnung mit uns selber! Einmal im Jahre, am Jomkippur, betrat der Hohepriester das.Allerheiligste/ Auch wir müssen wenigstens einmal im Jahre eindringen in den Liefen Schacht unserer Gedankenünd Gefühlswelt, müssen die Regungen unseres Herzens und'