Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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U. Jahrgang. Nr. 39 Berlin, 30, September 191« Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums" korrrlponden?en und Mgchrichtrm Deutschland. — Berlin, 27. September. Im November dieses Jahres finden die Neuwahlen zur Repräsentantenversammlung der hiesigen jüdischen Gemeinde statt. Von den 2t Mitgliedern des Kollegiums scheiden 13 aus, die sämtlich liberal sind, von den verbleibenden 7 ist nur ein einziger liberal. In den letzten sechs Jahren war die Mehrheit der Repräsentanten liberal. Der Ausschwung, den die Gemeinde in dieser Zeit genommen hat. ist zum großen Teil der Tätigkeit der liberalen Repräsentanten zuzuschreiben. Die liberale Mehrheit hat bewiesen, daß sie religiösen Fortschritt und ein liebevolles Eingehen auf die historische Entwicklung zu vereinigen weiß, daß sie allen Richtungen gerecht wird. Der „Liberale Verein sür die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" hat erst kürzlich in seinen an sämtliche Gemeindemitglieder versandten Mitteilungen die Forderungen des Liberalismus klar dargelegt und mit Recht darauf hingewiesen, daß nur eine liberale Mehrheit in der Repräsentantenversammlung den Frieden in der Gemeinde gewährleistet. Da die überwiegende Mehrheit unserer Gemeindemitglieder liberal ist, so ist wohl anzunehmen, daß es einer kräftigen Agitation des „Liberalen Vereins" gelingen wird, in dem bevorstehenden Wahlkampf den Sieg zu erringen — zum Segen der Gemeinde. Die erste größere Wählerversammlung veranstaltet der genannte Verein am Montag dem 10. Oktober abends 8V2 Uhr rm großen Saale der Gesellschaft der Freunde, Potsd amer Straße 9. Die Referate für*diesen Abend haben, wie wir hören, die Repräsentanten Professor Dr. S. Blaschke und Direktor Dr. Georg Minden übernommen. Bei der Wichtigkeit der bevorstehenden Repräsentantenwahlen ist eine rege Beteiligung liberaler Wähler an den Versammlungen des „Liberalen Vereins" dringend zu empfehlen. B. T. Berlin, 27. September. Ihren 80. Geburtstag feierte gestern die in weiten Kreisen bekannte Philanthropin Frau Johanna Levy in ihrem Heim Winklerstraße 4 in Grunewald. Die Jubilarin wirkt als Vorstands- oder Ehrendame in zahlreichen Wohltätigkeitsvereinen und' empfing gestern den ganzen Tag über Deputationen dieser Vereine. So gratulierten der Berliner Verein für Ferienkolonien, das Mädchenhaus Pankow, der Verband brandenburgischer Heilstätten, die jüdischen Altersversorgungsanstalten, das jüdische Mädchen- und Altenheim und andere mehr. Duftende Blumenspenden und zahllose Briefe und Telegramme brachten die Verehrung zum Ausdruck, die Frau Levy, die sich großer körperlicher und geistiger Frische erfreut, weit über Berlin hinaus genießt. — Berlin, 27.September. Die Fürsorge für die jüdischen WaZderarmen steht zurzeit infolge der Begründung der ^Deutschen Zentralstelle", die bekanntlich am 1. Oktober ihre Tätigkeit aufnehmen wird, im Vordergrund des öffentlichen Interesses. Darum darf auch ein Institut besondere Beachtung beanspruchen, das bereits in außerordentlichem Maße die reformatorische Aufgabe unterstützt, die sich die neue Organisation stellt, nämlich die arbeitsfähigen Elemente vom Wanderbettel abzubringen, indem es sie an Arbeit gewöhnt und für einen selbständigen Broterwerb vorbereitet. . Die Jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee besteht nun ungefähr neun Jahre und hat bis heute etwa 4500 armen jüdischen Männern, die bisher Almosen suchend das Land durchstreiften, Obdach, Nahrung, Arbeit, und Gelegenheit zu Ersparnissen aus. Ueberverdienft gewährt. Zurzeit beträgt die Frequenz 75 Mann. Wie es nicht anders sein kann, treffen die Schützlinge meistens in reduzierter Kleidung ein. Da im Lause eines Jahres mehr als 700 Personen durch die Arbeiterkolonie hindurchpassieren, so besitzt diese nicht die Mittel, den Ankömmlingen passende Kleidung zu verschaffen. Es ergeht darum beim Herannahen der heiligen Festtage, die zugleich die Vorboten der kühlen Jahreszeit sind, an alle Wohltäter die herzliche und dringende Bitte, gebrauchte Kleidungsstücke nach Weißensee, Wörther Straße 20, zu senden, oder durch eine Postkarte bzw. telephonischen Anruf. Amt Weißensee, 192, die Abholung zu veranlassen. P. Allenstein, 23. September.' Der Verband der Synagogen- Gemeinden Ostpreußens hielt am 11. September, eine außerordentliche Mitgliederversammlung im hiesigen Orte ab. Gegenstand der Tagung waren: 1. Die Regelung der Wanderarmenfürsorge in den ostpreußischen Gemeinden. Antrag auf Gründung eines Provinzialvereins gegen die Wanderbettelei. — 2. Endgültige Beschlußfassung über die zu beantragenden Abänderungen an dem Entwurf eines neuen Jugendgesetzes. — Zu den Verhandlungen über die Neuregelung der Wanderarmenfürsorge war vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund auf Wunsch des Verbandes Generalsekretär Dr. Neumann-Berlin erschienen. Das Referat über diesen Gegenstand hielt Rechtsanwalt Hirsch-Königsberg. Nach längerer Debatte wurde folgender Antrag des Ausschusses einstimmig angenommen: Die Versammlung beschließt: 1. Die Provinzialkasse Ostpreußen sür Wanderarmenfürsorge wird auf Grundlage der vom Deutsch- Israelitischen Gemeindebund entworfenen Normalsatzungen gegründet. 2. Die Einzelgemeinden werden aufgefordert, soweit es noch nicht geschehen ist, sofort. Ortskassen für jüdische Wanderarmenfürsorge zu errichten. Es wird von jeder Gemeinde erwartet, daß sie bis zum 1. Januar 1911 der Provinzialkasse oder dem Verbandsvorsitzenden ihren Beitritt zur Provinzialkasse anmeldet und die Höhe ihres Beitrages angibt. 3. Eine Kommission von zwölf Mitgliedern soll an den Normalsatzungen die ihr für Ostpreußen notwendig erscheinenden Aenderungen vornehmen, den ersten Ausschuß der Provinzkasse wählen und die Satzungen der Provinzialkasse endgültig festsetzen. Ueber die beschlossene Satzung ist der nächsten Mitgliederversammlung des Verbandes Mitteilung zu machen. Zu dem Entwurf des neuen Judengesetzes waren sechs Referenten über je einen Teil des Gesetzes bestimmt. Es referierten: vr. meä. Rosenkranz-Tilsit über die allgemeinen Bestimmungen betreffs der einzelnen Synagogengemeinden; — Stadtrat O. Eichelbaum-Jnsterburg über die Steuer- Verhältnisse; — Amtsgerichtsrat Blumenfeld-Jnsterburg über die Verhältnisse der Rabbiner; — Waisenhausinspektor Peritz-Königsberg über die Verhältnisse der jüdischen Schulen und der jüdischen Lehrer und Kultusbeamten; — Justizrat Holz-Königsberg über die Bestimmungen betreffs der Provinzial- und Landesgemeinde; — Sanitätsrat Dr. Kamnitzer-Allenstein über die Schlußbestimmungen. Es wurden unter anderem folgende Beschlüsse gefaßt: 1. An der Stelle des Vorstandes der Provinzialgemeinde soll bei Streitigkeiten zwischen Vorstand und Repräsentanz und in ähnlichen Fällen (8 18, 29g, 34*, 86z) ein durch freie Wahl der Provinzialversammlung gebildetes Schiedsgericht gesetzt werden. 2. Als Maßstab für die Steuerumlagen in den Gemeinden soll nur die Staats- Einkommensteuer zugelassen werden. 3. Bei Beschlüssen der Gemeindevertretung auf Aenderung des Kultus oder Ritus soll dem Rabbiner ein suspendierendes Einspruchsrecht zustehen mit der Wirkung, daß der beanstandete Beschluß der Gemeindevertretung erst dann in Geltung treten kann, wenn er nach erfolgter Ergänzungs- Wahl zur Gemeindevertretung von dieser mit dreiviertel Majorität aufs neue gefaßt wird. 4. Wo kein Rabbiner vorhanden und eine Gemeinde auch einem Rabbinate nicht angeschlossen ist. soll zu den Beratungen über Angelegenheiten des öffentlichen Gottesdienstes und über Einrichtungen zu sonstigen religiösen Handlungen, in sinngemäßer Anwendung des § 28, Ziffer 1> 2 der Kantor bzw. der Lehrer der Gemeinde hinzugezogen werden; 5. die Anstellung, Besoldung und Versorgung der Rabbiner und der Religionslehrer möglichst nach Maßangabe der bezüglichen Bestimmungen für die evangelischen Geistlichen, bzw. für die Volksschullehrer geregelt werden; 6. die Anstellungeines Religionslehrers als Gemeindebeamter darf von der Provinzialgemeinde nur versagt werden, wenn die Synagogengemeinde