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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-30 · Heft 39 (30.9.1910) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 468 (sequence 12)
Language
German
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MMM IHR dMMWWWKW'WW 468 I Gegen Abend wurde das Leid Ramidrasob lebendig. Da kamen die armen Teufel, einfache Arbeiter, meist Lastträger, um zu beten, die Psalmen zu rezitieren oder gleich Jtzigel ein jüdisch-deutsches Erbauungsbuch zu lesen. Dann kämen auch halb Gebildeteum den Talmudvortrag der „Lebas-Obe^vra" zu hören, und endlich die allerdings sehr zusammengeschrümpfte Zahl der Mitglieder dieser Chewra, welcher Reb Mosche Loeb präsidierte. Nach seinem Tode traten einige Romantiker zusammendarunter der Schuldirektor Dr. Moritz Eisler, um die Tradition Nikolsburgs zu wahren, und Reb Jossef sagte „Lebiur". Das muß auch schon eine Weile ausgehört haben, denn Dr. Eisler ist nach seiner Pensionierung von Nikolsburg weggezogen und vor fast acht Jahren gestorben; Reb Jossel war seit mehreren Jahren fast blind, und nach meinen Zeitgenossen vor Jahren zu urteilen, muß es kaum noch einen Talmudisten einheimischer Provenienz geben. 8ie tran8it! Als mein Vater im Jahre 1834 als Bachur nach Nikolsburg kam, war das Lew Haraidrasch noch Tag und Nacht gefüllt, obwohl die Blütezeit des Talmudstudiums dahin war. Als ich ihm im Jahre 1868 folgte, das Talmudstudium nicht mehr wie er als Beruf, sondern nur in den Freistunden, die der Gymnasialunterricht ließ, betreibend, war das alte Nikolsburg bloß ein Schatten seiner selbst, und wenn meine Enkel im Jahre 1936 kommen sollten, wird das jüdische Geistesleben von Nikolsburg eine historische Erinnerung sein, wie das von Narbonne und Trotzes. Sagt den Rabbanan Kaddisch! Der „l'ausves Jonteff" ist nun erst tot! Literarische Mitteilungen. Jägerhaussagen und andere Novellen von Max Mell. Berlin, Verlag von Gebrüder Paetel 1910. Der Band, der nach einer der Geschichten, die darin Vorkommen, seinen Titel führt, enthält ganz eigentümliche Novellen, die man alt nennen müßte, weil sie in einer ziemlich archaistischen Manier geschrieben sind und die doch neu genannt zu werden verdienen, weil sie die moderne Manier beweisen, Geschichten in der Mitte abzubrechen, Ausschnitte aus dem wirklichen Leben oder aus dem Reiche der Phantasie zu geben, ohne einen richtigen Abschluß herbeizuführen. Ein ziemlich deutliches Beispiel dieser Darstellungsweise ist das erste Stück „Geschichte eines jüdischen Sklaven", das uns das besondere Recht gibt,'von dem Buche an dieser Stelle zu sprechen. Die Erfindung dieser im griechischen Altertum spielenden Geschichte ist nicht ohne Originalität. Ein Jude, Aristoxenos, der schwere Schicksale erfahren hatte, als Sklave verkauft und als solcher schlecht behandelt worden war, erfährt, daß die Stadt Stagira zu Ehren des von dort stammenden Aristoteles wieder erbaut werden soll, und daß die Nachkommen der aus dieser Stadt vertriebenen und als Sklaven verkauften Bewohner das Recht erhalten sollen, dorthin zurüäzukehren und frei zu sein. Um die Freiheit zu genießen, entschließt sich auch der Jude, obgleich er gar nicht aus Stagira stammt, dorthin zu ziehen und dieselben Ansprüche zu erheben, wie die übrigen Ansiedler. Er arbeitet mit den anderen, kann sich aber kein Eigentum gewinnen. Er erkrankt, wird von einem Mädchen gepflegt, verliebt sich in sie und heiratet sie, nachdem die Folgen dieses Verkehrs sichtbar geworden. Sein' Schwiegervater, ein Handwerker, läßt den jungen Gatten zwar bei sich arbeiten und wohnen, gönnt ihm aber kein gutes Wort. Bei der Geburt des Kindes, das den stagiritischen Kindern vollkommen unähnlich ist, wie auch Aristoxenos durch seine dicken Lippen sich von den dünnen seiner neuen Heimatsgenossen scheidet, kommt es zu einer wilden Szene zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn, und Aristoxenos entflieht. Ist die Tendenz der Geschichte etwa die, zu zeigen, daß schon bei den alten. Griechen der Jude durch sein Aussehen als Fremder galt und wegen seiner äußeren Erscheinung mit Verachtung behandelt wurde? Oder soll sie beweisen, daß jeder, der sich einer betrügerischen Handlung schuldig macht — als Typus eines solchen wird ein Jude gewählt— der Strafe für sein unrecht.es Tun verfällt? Die Absicht wird nicht ganz klar gemacht, aber die Geschichte, ist fesselnd, da'sie ein interessantes Problem in eigenartiger Weise aufrollt. L. G. Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! ine langjährige Erfahrung aus dem Gebiete des Künstlerelends zwingt mir endlich die Feder in die Hand, um meine Stimme gegen eine Fortdauer dieser unhaltbaren Zustände zu erheben. Fortgesetzt wiederholt sich in meinem Atelier dasselbe Bild: ein schmächtiger und blasser junger Mann verlangt mit nüchterner Stimme Gehör. Er zieht ein Skizzenbuch aus der Tasche oder präsentiert eine Rolle mit Zeichnungen, die fast ausnahmslos nur einsehr mäßiges Talent verraten. Er aber erklärt, man habe ihm in seinem Heimatsort in Rußland, Polen oder Galizien dringend geraten, er solle nach Berlin gehen und sich zum „Künstler" ausbilden. In Berlin würde er Stipendien in Hülle und Fülle bekommen, und in kurzer Zeit würde er ein berühmter Künstler sein und seinen „inneren Gefühlen", „den Vorstellungen seiner Phantasie" auf der Leinwand oder in Skulpturen Ausdruck verleihen können. Gewöhnlich schwebt diesen jungen Leuten dabei der Name Antokolskis vor. Mit aufrichtigem Bedauern und wirklichem Schmerze muß ich dann diesen jungen Leuten jedesmal eröffnen, daß sie sich bitter getäuscht haben. Wie andere deutsche Kunstzentren, so ist auch Berlin mit hungernden Künstlern überfüllt, denen es absolut nicht gelingen will, sich das tägliche Brot zn verdienen. Die wenigen Stipendien, die zu haben sind, sind gewöhnlich längst vergeben,- und so stehen diese armen, bedauernswerten Jünglinge einem verzweiflungsvollen Nichts gegenüber. Ein praktisches Handwerk, mit dem sie sich ernähren könnten. Dekorationsmalerei, Lithographie oder ähnliches haben sie nicht erlernt. Sie gehen wochenang hier herum, finden keine Arbeit und keine Unterstützung und müssen sich endlich weinend entschließen, nach einem anderen Orte weiter zu wandern, wo es ihnen wahrscheinlich noch schlechter ergehen wird. Diese jungen Leute trifft keine Schuld, sie find nur das Opfer derer, die in einem unbegreiflichen Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl sie veranlassen, den Künstlerberuf zu ergreifen. Ich spreche es hier mit deutlichen Worten offen aus, daß ich es geradezu für ein Verbrechen halte. Jünglinge zu dieser Laufbahn zu veranlassen, ohne daß das zusagende Zeugnis eines Fachmanns vorliegb In der langjährigen Praxis, die ich in diesen Angelegenheiten habe, sind mir vielleicht drei Fälle vorgekommen, die wirklich zum Künstlertum aüserwählt mnd berufen waren, und auch diesen hochbegabten Menschen ist es schwer genug geworden, sich durchzuringen. Ich warne darum alle diejenigen, die Einfluß auf diese jungen Menschen haben, aufs dringendste davor, sie leichtfertig mit Hoffnungen zu erfüllen. Solche jungen Leute mögen doch lieber in ihrer Heimat ein kunstgewerbliches Fach erlernen, das sie befähigt, auf eigenen Füßen zn stehen. 'Sie können sich dann nebenbei noch' immer mit der sogenannten „höheren Kunst" beschäftigen und sind jedenfalls dann nie verloren. Sollte aber jemand durchaus nicht davon abzubringen sein, so sende man, ehe man ihn zu einer Reise nach Deutschland veranlaßt, seine Arbeiten an irgendeinen bekannten Künstler zur Begutachtung. Ich bitte die Redaktionen aller jüdischen Zeitungen in den verschiedenen Ländern aufs dringendste, diese, meine gut gemeinten Worte, die mir das Mitleid mit so vielen Unglücklichen diktiert hat, abzudrucken, und ich hoffe, daß sie dazu beitragen werden, das Elend im Künstlerproletariat zu vermindern. Hermann Stpuck. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Deraytwortlich für di^lNedaktion: Max Bauchwitz in Berlin

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