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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-30 · Heft 39 (30.9.1910) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 467 (sequence 11)
Language
German
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7 —— 467 — erstenmal die Stadt sah, kamen Männer und Frauen, an' einem Wochentage scharenweise aus der Synagoge. Die Malkontenten hatten ja überdies noch reichliche Auswahl, denn außer der Altschul gab es noch vier andere Synagogen, die ganz stattliche Neuschul, an der Reb Jossef Knöpfmacher „Schulrebbe" war, die mit dein Leid Hamidrasch verbundene „Besemedresch - Schul", an der Reb Mosche Loeb für Ausrechterhaltung der alten Traditionen sorgte und noch „jüdisch" predigte, wobei er allerdings in unbewachten Momenten in Deutsch-Jüdisch überging. Ich will davon ein Spezimen geben: „Meine Frainde! Die Loire zeigt uns den Unterschied zwischen den jüdischen Genuß, was nur berechnet ist, das Bedürfnis zu befriedigen, und den nichtjiddischen, was genießt, um zu genießen. Eliezer ist doch nor gewesen der Knecht von Awrohom, und doch sagt er: Loß mech lecken, wos teitsch? Loß mech lecken? Wenn der Mensch Dorscht Hot, müß er trinken. ' Aber der Zaddik will nor esten, wie Schloime Hamelech sagt, um sein Bedürfnis zu befriedigen. Esew aber kommt: *0 Stopp mech, sieter (füttere) mich!" Ich kann es nicht leugnen, daß er der populärste Redner in Nikolsburg war, populärer als Feuchtwang, der entschieden größere rednerische Begabung besaß als Knöpfmacher, ein ganz korrektes Deutsch sprach, das allerdings in Stil und Vortragsweise das Gekünstelte des Autodidakten zeigte. Außer diesen beiden gab es noch eine Chasidim-Schul, die der Kabbalist Schmelke Horwitz, der Bruder des Frankfurter Rabbiners Pinechas Horwitz. der den Rabbinatssitz 1772 bis 1778 innehatte, gestiftet hatte. Als Kabbalist wollte er die Synagoge nicht besuchen. Die Synagoge besaß Stiftungen, dazu bestimmt, um ein erwähltes Minjan durch Stipendien zu erhalten. Zu meiner Zeit waren es nur zum Teile Talmudisten, zum anderen Teile arme Leute, und in der Zwischenzeit ist sie natürlich eingegangen. Dann gab es noch eine andere Synagoge in einem „entlegenen Stadtviertel" des Ghettos, von wo man fast fünf Minuten zu dem Beth Hamidrasch zu gehen hatte; es war die „Reb Nochem Gloser- Schul", wahrscheinlich nach ihrem Stifter so genannt. Als ich Nikolsburg vor 15 Jahren zum letztenmal sah, waren nur noch die Alt- und die Neuschul in Verwendung. Die letztere wird wohl jetzt nach dem Tode ihres „Schulrebbe" geschlossen sein. Und wer weiß, wie es mit dem Beth Hamidrasch aussieht? Es war ja vor 40 Jahren nur der Schatten seiner ehemaligen Größe. Zwei Beamte, Reb Schapse und Reb Joseff Loebele, brachten noch den größten Teil des Tages im Studium dort zu. Reb Schapse war ein Hausierer gewesen, der sich rechtschaffen ernährt hatte, bis ihn Schwerhörigkeit zwang, sich zurückzuziehen. Er war schon um drei Uhr morgens im Beth Hamidrasch und blieb dort, die Pausen abgerechnet, welche Gebet, Mahlzeiten und Mittagsruhe beanspruchten, bis spät abends. Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch, zum Teil durch seine Natur, zum Teil infolge seiner Schwerhörigkeit, und das Ghetto-Urteil lautete: „Sein Loire .ausgenummen, is er e Veheme." Ich sehe in diesem Urteil die Ghetto-Einseitigkeit, die jede verschlossene Natur verurteilt. Ich erinnere mich zweier kleiner Vorfälle, die . eher das Gegenteil beweisen. Einmal wartete man an einem düsteren Sabbatnachmittage, an welchem die Sterne nicht sichtbar werden konnten, auf den Ausgang des Sabbats — sich nach dem Luach zu richten, wäre in Nikolsburg Reform gewesen. Reb Schapse, der vorbeten sollte, wurde gedrängt, zu beginnen, aber er war noch nicht vom Ende des Sabbats überzeugt. „Wartet noch ein bißchen," sagteer, „die Zeit wird kommen, wenn Ihr froh sein werdet, daß man gewartet hat." Das war eine Anspielung auf die rabbinische Lehre, daß die Sünder im Gihiimom am Sabbat von ihren Qualen befreit sind, und daß man deshalb am Ausgange des Sabbats das Gebet verlängert, um ihnen eine kleine Galgenfrist zu geben. Von dem anderen Vorfälle will ich später sprechen. Reb Jossef Löbele galt als ein tüchtiger Talmudist, und man erzählte sich, daß er Kubbale verstände. Es gab im Leih Hamidrasch ein Kabbala-Stübchen. Mir waren die dortigen Werke nicht zugänglich, und auf meine Frage, was Kabbala sei, gab Reb Jossef Löbele nur die ausweichende Antwort: „Das ist eine große Wissenschaft." Außer diesen beiden Beamten gab es noch gelegentliche Besucher. Ein interessanter Typus war Reb Gawriele Böhm, ein Pietist und ein Typus der Kehilla-Degeneration. Ein direkter Nachkomme Jair Chajim Bacharachs und des „hohen Rabbi Löw", war nichts Hohes an ihm. Ein kleines Männchen, lebte er vom Vorbeten bei Minjan und ähnlichen kleinen Jobs, .und seine schwerste Kränkung war es, daß ihm kein Kaddisch vergönnt sei. Hatte er doch, um sein Seelenheil zu versichern, als 55 jähriger junger Mann eine erst 45 jährige Jungfrau geheiratet! Dafür ist ihm eine andere Unsterblichkeitserktärung widerfahren. David Kaufmann hat seine aristokratische Abstammung sichergestellt („Monatsschrift" 1899, Band 43, Seite 41), und die „Jewish Encyclopedia“ hat bei dem Artikel „Nikolsburg" sein Bild mit dem von Reb Jossef Knöpfmacher verewigt. Reb Gawriele kam ins Beth Hamidrasch, so oft ihn sein Weg vorbeiführte, denn es ist eine Sünde, am Leih Hamidrasch vorbeizugehen. Reb Schapse saß, leise murmelnd, über dem Talmud, und Gawriele neckte ihn, weil er mit dem Licht so spare, und zündete eine andere Kerze an. Dann begann er „meschugge ltzigel" aufzuziehen. „Meschugge Itzigel“ gehörte zum Inventar des Beth Hamidrasch. Eine Kehilla, und erst recht ein Beth Hamidrasch, können ohne einen Idioten nicht bestehen. Jtzigel, ein Vetter von Reb Mosche Loeb und ein Enkel des Chronisten Abraham Trebitsch, war ein Kneippianer vor Kneipp. An den kältesten Wintertagen konnte er sich eine Viertelstunde lang unter die Pumpe stellen und das eiskalte Wasser auf sich pumpen, und ebenso genoß er es innerlich in unglaublichen Quantitäten. Im Beth Hamidrasch hatte er immer einen mächtigen Topf mit Wasser stehen, den er mehreremal des Tages füllte. Ich will gleich hier meine Schuld gestehen, daß ich eines Abends wie unabsichtlich den unter einer Bank stehenden Topf umstieß, so daß wie zu Zauberlehrlingszeiten das Naß in Strömen über die Dielen floß, und sich ebenso Ströme von Flüchen über den unschuldigen Jtzigel ergossen, „den meschüggenen Hünd", der „6 Mabbel“ (Sündflut) über das Beth Hamidrasch gebracht habe. -Reb Gawriele faßte Jtzigel an seiner schwächsten Seite, dem Lotteriespiele, und verhieß ihm sicheren Gewinn, wenn er zu einer bestimmten Stunde an einer entlegenen Stelle den Neumond begrüßen würde. Ob es Jtzigel getan hat, weiß ich nicht, aber Reb Gawriele verließ das Beth Hamidrasch im Bewußtsein, seine Pflicht getan zu haben; Reb Schapse blies die Kerze ans und sagte lächelnd:, „Zu diesem Studium hätte eine Kerze wahrlich genügt." Jtzigel hatte übrigens noch eine Leidenschaft außer dem kalten Wasser und der Lotterie; er sagte leidenschaftlich gern Kaddisch. Wenn ich ihn fragte, erwiderte er, er . sei von einem Abwesenden dazu bestellt worden; Reb Schapse sagte schmunzelnd: „Er will weisen, wie schön er Kaddisch sagen kann."

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