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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-30 · Heft 39 (30.9.1910) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 466 (sequence 10)
Language
German
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. -— 466. --- lassen. Um so peinlicher berührt darum des Verfassers Vorwurf, daß gerade die liberalen Kreise sich der Aussprache entziehen. Was verlangt denn Joseph eigentlich? Drei liberale Rabbiner haben neben den konservativen und orthodoxen den Anschauungen des Verfassers gegenüber die Meinungen vertreten, welche als die des Judentums angesehen werden müssen, denen überdies neunundneunzig Prozent der deutschen Judenheit huldigt. Bei aller Bedeutung, die das Werk des Verfassers besitzt, wird er zugeben, daß manche weit bedeutsamere literarische Erscheinung existiert, welche auch nicht annähernd die Beachtung gefunden hat, deren sich sein Buch „das Judentum am Scheidewege" erfreute. Was in aller Welt sollte gar das „offizielle" -Judentum, dessen Schweigen Joseph besonders tadelt, veranlassen, zu noch so interessanten Privatmeinungen über die jüdische Religion sich zu äußern? Sollte freilich der Zionismus die Lehren Josephs zu Programmpunkten erheben, sie öffentlich für Bestandteile national-jüdischer Weltanschauung erklären, so würde sich hierin die Sachlage ändern, und eine Stellungnahme wäre notwendig. Aber vorläufig sind sie rein private Anschauungen, die niemals die oben berührte Stellung einnehmen werden! Denn erste Voraussetzung wäre, daß im national-jüdischen Lager selber Einigkeit herrschte, und diese Ideen allgemeine Anerkennung fänden. Daß jedoch dies nicht der Fall ist, daß in zionistischen Kreisen nicht die allgemeine Begeisterung herrscht, die Joseph vielleicht erhofft hat, daß recht viele seiner Gesinungsgenossen genau so wie wir in dem Werke eine gewiß bedeutsame und interessante Erscheinung erblicken, ohne aber seinen Gedankengängen zuzustimmen, das will ich, falls der Herr Verfasser es nicht wissen sollte, noch zum Schluß verraten haben. Gold mann-Oppeln. ^eüiiiLego^ Hieb Jolftf. Erinnerungen aus einer untergehenden Kehillah. Von Gotthard Deutsch. II. . Als ich im Jahre 1868 die berühmte Kehilla zum erstenmal sah, war ihre Blütezeit schon dahin. Von ihren zehn oder mehr Synagogen waren nur fünf geblieben. Die Zeugen der großen Vergangenheit, als die jüdischen Handwerker noch ihre Zünfte bildeten, und diese ihre eigenen Synagogen besaßen, die „Schusterschul" und die „Kezowimschul" bestanden nicht mehr. Sie waren im Ghetto das Ghetto, in dem plebejichen „Gürtel", so genannt a non lueendo, gelegen, verfielen buchstäblich. Ein schwerer Winterschnee zerdrückte die Lehmhütten und schaffte im „Gärtet" Raum, den niemand mehr brauchte. Der letzte aktive Zeuge der klassischen Epoche, der Rosch Beth Din, Reb Jtzig Weinberger, der schon unter Mordechai Benet Mitglied des Rabbinatskollegiums gewesen war, hatte in demselben Jahre, am 19. Februar 1868, das Zeitliche gesegnet, und die Reb Gutman-Schul, wo er gepredigt hatte, war einem Kaufmann als Kohlenmagazin verkauft worden. Die Reb Gutman-Schul war der Sitz der orthodoxen Frondeure gewesen, denn auch Nikolsburg hatte seine Reform- Partei. Sie war allerdings nicht so radikal wie die Berliner Reformgemeinde, aber der Haken begann sich zu krümmen. Das Unglück fing mit der Emanzipation der Christen an, von denen einige kühne Umstürzler in das Ghetto zogen, und jetzt hat die jüdische Schule mehr christliche als jüdische Schüler, so daß der Bezirksschulrat der Gemeinde den Auftrag erteilte, in jedem Lehrzimmer ein Kruzifix anzubringen! Im Schatten des Betk-Hamidrased. Das Schulklopfen und Schulrufen würden zuerst unzeitgemäß, und die Reformer, geführt von dem „Bürgermeister der israelitischen Stadtgemeinde Nikolsburg", der zugleich Kultusvorsteher war, einem Manne von Bildung, schafften das Schulklopsen ganz ab, und für das Schulrufen wurde die Prosaische und häretische Einrichtung getroffen, daß der Schammes in die jüdischen Kaufläden ging und dort im Konversationstone den Beginn des Sabbats ankündigte. Nur noch am Sabbat abend kündigte er vor der Altschul sein melodisches „Zue Borchue“ an. Das war gewiß traurig genug, aber die Umstürzler gingen noch viel weiter. Sie führten in der Altschul einen Knabenchor ein, Knaben in Talare gekleidet, mit spitzen Samtmützen auf dem Kopfe, richtige „Galechlech“. Eine weitere Folge dieser Gottlosigkeit, welche nach der Lehre der Nabbinen weitere Gottlosigkeiten nach sich ziehen mußte, war, daß infolge der Verlängerung des Gottesdienstes durch den Chorgesang einige Pijutim wegfielen. So wurde man besonders während der Keduscha an Feiertagen um die erbauliche Belehrung betrogen, daß es im Himmel prismatisch geformte Nenntiere gibt, deren Füße 150 Meilen lang sind, und am Jom Kippur : verlor man sogar die so ganz jüdische Betrachtung von dein Messias, der um unserer Sünden willen gestorben ist; und all das, damit die kleinen „Galechlech“ Gelegenheit haben sollten, ihre Kunst zu zeigen. Am Schabuot-Feste ging die Aufzählung der 613 Gebote verloren, die zwar nach Heidenheims Zeugnis sehr fehlerhaft ist, aber da sie im Machsor gedruckt steht, inspiriert sein muß. An diesem Feste, als der Chor eine Keduscha aufführte, hörte ich den alten und aufrichtig frommen Ben Lipmann Glaser mit schmerzlichem Seufzer flüstern: „Die Chaloimes singen sie, aber was man sagen soll, sagen sie nit." Die Seele der Opposition war wie gesagt, Reb Jtzig. der nach dem Gottesdienste in seiner Synagoge, der Reb .Gutman- Schul, seiner Gemeinde klar auseinandersetzte, daß Moses, als er die Worte schrieb: „In ihren. Wegen sollt Ihr nicht wandeln" (Leviticus 20, 23), den in der Altschul eingeführten Chorgesang gemeint habe. Das war ein direkter Angriff auf den damaligen Rabbiner Dr. Mayer Feuchtwang, der die Neuerungen unter abweichender Interpretation derselben Schriststelle gutgeheißen hatte. Ein anderer Opponent war der zweite Dajan, der schon genannte Reb Mosche Loeb Kohn, der viel jünger, auch aggressiver als Reb Ztzig, ein paar Plebejer aufgestachelt hatte, vor dem Hause des Rabbiners „Kabbolas Schabbes" zu rufen und in der Belli Lamidrasch-Schul erklärte Mit dem gestrigen Tage, wo der Kabbolas-Schabbes-Rufverstummte, hat Nikolsburg ausgehört, eine „Kihille Kedoschah“ zu sein. Der arme Feuchtwang, ein stiller Stubengelehrter, verdiente die Opposition am wenigsten. Geboren in Pappenheim 1814, und ein Schüler von Wolf Hamburger und, wenn ich nicht irre, auch von Ettlinger, war er der Typus eines süddeutschen Orthodoxen, der allerdings in dieses etwas wilde Milieu ebensowenig paßte als seinerzeit Samson Hirsch. Er blieb ein Fremder, obwohl er fast 27 Jahre, vom 1. August 1861 bis zu seinem am 19. Januar 1888 erfolgten Tode, das Rabbinat bekleidete. ' Die Reformen blieben, obwohl die Radau-Elemente noch zu meiner Zeit mehrere Jahre nach dem Vorfälle behaupteten, der „Row ise. Schtorz fer de Loire, e Schtorz fer de Jireh". Sie waren aber eine kleine Minorität, während die Majorität den Rabbiner, obwohl ihr seine Art fremd' war, achtete. Uebrigens ging sonst alles seinen hergebrachten Weg, und als ich im Herbst 1868 während der „zehn Bußtage" zum

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