Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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als glänzender Fechter Hiebe austeilt und pariert, ohne daß man über die Wucht der gegnerischen Schlüge etwas erführt. Ferner ist die Schrift unvollständig, indem merkwürdigerweise die Entgegnung auf die entschiedenen und treffenden Ausführungen fehlt, die Goldschmidt-Offenbach in der Zeitschrift „Liberales Judentum" veröffentlichte. Obwohl nun so das Buch besonders durch den ersten Mangel stark an Wert verliert, ist es dennoch in einer Hinsicht sehr lehrreich. Es zeigt, wie fast alle Kritiker an demselben Punkte einsetzen und das verurteilen, was des Verfassers ureigenes Werk ist: seine Auffassung von dem Verhältnis zwischen Zionismus und jüdischer Religion. Josephs Grundfehler besteht darin, daß er den historischen Rahmen der jüdischen Religion, der ohne diese weder denkbar noch haltbar ist, ohne weiteres mit der modernen areligiösen zionistischen Bewegung identifiziert. Er hat die überraschende Entdeckung gemacht, daß der künstlich hervorgerusene jüdische Nationalismus unserer Tage seinen Stammbaum bis aus die Propheten zurücksühren kann, so daß mit anderen Worten der Verfasser der „konventionellen Lügen der Kulturmenschheit" derjenige wäre, der uns modernen Juden die Augen über die eigentlichen Absichten unserer Propheten zu öffnen vermöchte. In diesem stets vorhanden gewesenen Nationalismus erblickt Joseph den Quell der Religion und in der nationalen Wiedergeburt Israels sieht er die Bürgschaft für das neue Erwachen des religiösen Genius unserer Gemeinschaft. Einem früher gegebenen Versprechen gemäß will ich diese Frage, das Verhältnis zwischen Zionismus und Religion resp. Atheismus, in kurzer Zeit mit der ihr gebührenden Ausführlichkeit behandeln. Hier sei nur daraus hingewiesen, daß Joseph, der — wie ihm von anderer Seite in einer Kritik bescheinigt worden ist — jede logische Geschichtsauffassung aus den Kopf gestellt, der alle historischen Tatsachen gewaltsam und künstlich interpretiert hat, durch diese neue Publikation das Verdienst seiner ersten durchaus nicht abgeschwächt hat. Denn er hat es als erster offen gewagt, die verwundbare Stelle des Zionismus aller Welt auszuzeigen. Er als religiöser Mensch hat instinktiv empfunden, daß der Zionismus die herrschende religiöse Indifferenz sanktioniert, daß er den Atheismus fördert, daß er durch konsequente Unterstützung der ' intolerantesten Orthodoxie aus politischen Gründen die religiöse Heuchelei begünstigt! Aus diesen Bedenken heraus hat er die Verbindung zwischen Religion und Nationalismus knüpfen wollen, freilich ohne einen Erfolg anders erzielen zu können als indem er die jüdische Religion ihres wichtigsten Bestandteils, des Universalismus,beraubt. „Die jüdische Religion ist kein Üniversalismus, sondern gehört in die Klasse der Nationalreligionen!" Mit diesen treffenden Worten hat Goldschmidt das Ergebnis der ersten Arbeit gekennzeichnet. Und so hat sich Joseph durch das Aufrollen dieser Frage, ohne es zu wollen, ein unendliches Verdienst erworben. Denn das Thema „Religion" wird nicht mehr aus der Diskussion über den Zionismus verschwinden. Und daß in diesem Problem tatsächlich die empfindlichste Stelle des Zionismus wie der Ausführungen Josephs getroffen ist, erhellt deutlich daraus, daß er noch immer eine Antwort aus meine offene Frage schuldig ist Ich habe die offene Frage gestellt: Kann man ein guter Nationaljude und dabei ein guter Christ oder ein überzeügungstreuer Atheist sein? („Jüdische Rundschau", Jahrgang 1909, Seite 537). Joseph hat geschwiegen. Was will er auch darauf erwidern? Antwortet er mit „nein", so würde er erstens Tatsachen, die offen zutage liegen, einfach ' übersehen oder abstreiten müssen, zweitens aber für den intoleranten Satz der Aufhebung der Religionsfreiheit im Staate (im jüdischen wenigstens) glatt eintreten. Und das wird er sicherlich bleiben lassen, wenn er bedenkt, wie sehr wir Juden durch den unseligen Begriff der „Staatsreligion" gelitten haben. Antwortet er aber mit „ja", was politische Führer des Zionimus getan haben und tagtäglich praktisch betätigen, so hat er nicht nur seinem eigenen Buche das Todesurteil gesprochen, sondern auch zugegeben, daß der Sieg des Nationalismus die Vernichtung der Religion bedeutet, und er hat jedem denkenden Menschen die Augen über die Zukunft unserer Religion unter der Herrschaft des Zionismus gründlich geöffnet. Für ein „Judentum", das sich aus Christen, Mohammevanern, Buddhisten, Dissidenten — vielleicht auch einigen Israeliten — „jüdischer Nationalität" zusammensetzt, hat zum Glück die große Masse der klar denkenden Juden weder Verständnis noch Interesse! Da aber nun die Antwort nicht anders als bejahend lauten kann, hat Joseph durch das Ausrollen der religiösen Frage den ernsthaften Gegnern der nationalen Auffassung vom Judentum eine wirksame Waffe in die Hand gegeben, von der sie noch oft — bei aller Anerkennung der Verdienste des Zionismus um die Hebung des Selbstbewußstseins, bei aller Uebereinstimmung in den praktischen Arbeitsmethoden und praktischen Zielen — im Interesse der Sache werden Gebrauch machen müssen. Zu welchen bedauerlichen Konsequenzen der Standpunkt des Verfassers in bezug auf die Beurteilung der Religion führen muß, ist schon von der Kritik beleuchtet worden. Es sei an einem Beispiel auch dieserüeuen Veröffentlichung erwiesen. Um den nationalen Charakter des Messianismus (Charakter, nicht Ursprung!) zu retten, greift er zu einem recht gewagten Mittel. Wenn Joseph in seinen Ausführungen meint, daß ohne bte nationale Zukunstshoffnung die jüdische Religion sich in und nach dem babylonischen Exile weder im Volke hätte verbreiten, noch festigen, noch auch erhalten können, so ist das eine Anschauung, die man haben kann und auch nicht zu haben braucht. Joseph fühlt auch, daß es nicht genügt auf die „schlichteste unbefangene Prüfung der uns erhaltenen Dokumente" zu verweisen, denn aus ihnen kann man mit eben demselben — nach vieler Ansicht mit weit mehr — Recht etwas ganz anderes herauslesen. Da beruft er sich denn auf — das übereinstimmende Urteil der alttestameutlichen Wissenschaft! Diese Wissenschaft also, deren einziger Lebenszweck anscheinend darin besteht, das Judentum zu schmähen und zu verkleinern, seinen Gott als den finsteren, rachegierigen Nationalgott eines kleinen Beduinenstämmes zu kennzeichnen, diese Wissenschaft, die im Judentum einen be schränkt nationalen, von Weltunterdrückung und Weltbeherr. schung träumenden Hochmut zu finden trachtet, die demgemäß an der Darstellung seiner messianis.chen Hoffnung als einer möglichst engherzigen, chauvinistisch-nationalen ein sehr begreifliches Interesse hat, sie muß in diesem Punkte Joseph als Eideshelfer dienen! Sollte die Bundesgenossenschaft den Verfasser nicht etwas nachdenklich stimmen? Dem politischen Zionismus machte man früher nicht mit Unrecht den Vorwurf, daß seine begeistertsten Anhänger in den Reihen der Antisemiten säßen. Ich fürchte, daß auch auf dem Boden der Wissenschaft die Wahrheit nicht sonderlich rasch vorwärts schreiten wird, wenn die tendenziöse christliche Bibelwissenschaft, die das „engherzig-nationale" Judentum auf Kosten des „großzügigen, universalistischen" Christentums gewohnheitsmäßig herabsetzt, so unerwartete Hilfe von jüdischer Seite erfährt. Wer das vorliegende Buch, das im übrigen einen Fortschritt über die Gedanken der ersten Publikation hinaus kaum enthält, sorgsam liest wird gewiß den Eindruck haben — was auch in der Tat zutrifft — daß die Gegner Josephs es an sorgsamer, ernster und ausführlicher Kritik nicht haben fehlen