Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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offenen und versteckten Gegner sogar die dereinst an ihnen gerühmten Vorzüge der Kraft und des Ebenmaßes wieder zu hoher Entfaltung bringen; wozu dann freilich die Karikaturen der Witzblatter in immer schreienderem Gegensatz stehen .werden. i Der Jude von heute beteiligt sich mit Vorliebe an den modernen Turnieren zu Wasser und zu Lande, ist auf Spiel- und Sportplätzen anzutreffen, und kämpst um die Preise, als : wäre er es nie anders gewohnt gewesen. Wir lachen zwar über den neuen jüdischen Typ, der eben nur das Kostüm vom . Sportsmanne liebt, im übrigen aber etwas ganz anderes sucht, als Kraft und Gewandtheit. Aber wir begreifen, was die bessere jüdische Jugend zu Turnspiel und Waffenübung .treibt. Es ist der Durst nach Leben, Kraft und Gesundheit. Dir ahnen es Heu? alle: keinem verkümmerten oder verzwergten Geschlechte können dauernde Erfolge zuteil werden, oder kann sich Faustens' letzte Sehnsucht erfüllen: „Auf freiem Grund mit freiem Volke stehen". Wie die Frucht aus der Blüte, erwächst dem Juden aber der andere Sinn des Lebens aus dieser seiner natürlichen Sehnsucht. Er kann sich kein menschenwürdiges Dasein ohne sittliche Ziele denken. Gerade weil er das Leben hochschätzt, rs? es ihm ganz selbstverständlich, daß er ein solches Geschenk nicht ohne Gegenleistung hinnehmen darf. Tiefzügiger Genuß will verdient sein. Wir sind gewöhnlich von so lärmender Geschäftigkeit umringt, daß wir die Pulse der sittlichen Strömungen und Wallungen in der Menschheit nur leise spüren. Doch der ernstere Mensch läßt sich nie völlig betäuben; er weiß sich in die Stille zu retten und nach innen zu lauschen. Man darf sagen, daß die überwiegende Mehrzahl der Juden an den ' höheren Lebensfragen der Gegenwart intensiven Anteil nimmt. Mag es sich um Probleme der Gesellschaft handeln, wie Frauensrage, öffentliche Sittlichkeit; oder soziale, z. B. Arbeiterfürsorge, Bodenreform; oder um solche des Rechtslebens, als Jugendgerichtshöfe, Strafvollzug oder der Erziehung und des Unterrichts, und wie sie sonst alle heißen mögen; überall mindestens ein gespanntes Aufhorchen und verständnisvolles Interesse. Auch ein politisch gänzlich ungeschulter Jude gehört zu den Ausnahmen. Sei ihm die Zeit noch so knapp zugemessen, er sucht sich in Versammlungen, durch Vorträge oder Flugschriften über schwebende Fragen sein Urteil zu bilden. Man hat darauf hingewiesen, wieviel Arbeit Juden in Ehrenämtern leisten, wo es sich meist um praktische, soziale Aufgaben handelt und ebensoviel Intelligenz, wie Gemüt zu betätigen ist. Als Kinder einer der ältesten Kulturen wissen die Juden doch, wie langsam der Fortschritt vorangeht, und daß es immer meh<anbauwürdige Felder, als geeignete Arbeiter gibt.' Die Welt dünkt uns durchaus nicht alt, sondern neu, wie von gestern. Mit jedem Tage fast tauchen neue Aufgaben auf, deren Lösung man nur mit Schmerzen der Zukunft anheimgibt. „Vielleicht werden es unsere Kinder erleben!" ist ein in jüdischen Kreisen oft gehörtes Wort. Indem wir aber sittliche. Gegenwartsarbeit leisten, wo immer sie an uns herantritt, fürchten wir nicht etwa das Schicksal der Verurteilten im Tartarus. Keine tückische Hand schleudert den Felsblock wieder herab, den ein armer Sisyphus beinahe zum Gipfel emporgebracht hat. Wenn wir rückwärts schauen, erkennen wir eine deutliche Höhenlinie bis zu unserem Standpunkt; die wallenden Nebel vor uns lassen schimmerndes Neuland ahnen. Die Zuversicht, daß der Pfad emporführe, ruht für den Juden in seinen letzten Zielgedanken, in Gott. Dabei können wir uns nicht verhehlendaß auch viele Juden unnütz beiseite stehen, nicht eigentlich aus Trägheit, sondern weil sie nur allernächste Zwecke, am liebsten mit Beziehung auf ihre eigene Person anerkennen. Solche Menschen kennt jede Gemeinschaft; statistische Nachweise darüber verlangt kein Einsichtiger. Es gibt überall Menschen, deren heilige Schriften. Kladde und Hauptbuch heißen, und denen Kuponbogen und ähnliche Effekten die einzig wertvollen Dokumente der Kulturwelt dünken. Aber wir haben in unseren Kreisen ein feines Empfinden dafür; man neidet jenen vielleicht ihre äußeren Erfolge, innerlich aber werden sie mißachtet und abgelehnt. Empfindlicher entbehren wir die Mitarbeit jener, die an allen Fragen der Allgemeinheit regen Anteil nehmen, nur die jüdischen ängstlich meiden. Die einen halten sie für zu geringfügig gegenüber den großen allgemeinen, nationalen und sozialen Fragen; sie wollen der Religion gegenüber nur Menschen sein, also Bäume ohne Rinde. Andere aber geben offen zu, daß sie sich von der Aussichtslosigkeit jeder Jnnenünd Außenarbeit an Juden und Judentum überzeugt hätten und darum die Waffen streckten. Da diese „das Herz ihrer Brüder verzagt zu machen" bemüht sind, so sind sie uns besonders im Kampf ums Recht gar gefährlich. Um so lauter haben wir die Mahnung zu erheben: gedenke, auch als Jude zu leben. Deine berechtigte Eigenart zu behaupten. Dich in Deiner jüdischen Gedankenwelt heimisch zu machen. Je tiefer wir wurzeln, möchten wir mit David Kaufmann sagen, desto mächtiger werden wir bis in ferne Zeiten emporragen. Anderseits sind viele zu uns zurückgekehrt, die wir fast für verloren hielten. Sie bedürfen heute nicht mehr des Sporns; sie spornen andere. Sie haben Arbeitsfreudigkeit auch im Dienste des Judentums gewonnen und damit Glauben. Zum Leben gehört aber Glaube an das Leben. Es klingt wie ein Märchen, und ist doch schon hier und da zur staunenswerten Wirklichkeit geworden: Moderne Juden behaupten einer ganzen Welt zum Trotz: Es ist wieder eine Lust, Jude zu sein! An der Schwelle eines neuen Jahres wird uns feierlich zumute, etwa wie Arbeitern einer Fabrik, wenn die Glocke zur letzten Schicht ertönt. Leicht stellen wir Juden dann unsere materiellen Sorgen hinter die idealen zurück, sind wir doch so günstig gestellt, einen besonderen Jahresanfang für unser höheres, geistiges Leben zu besitzen! Seine ernste Feier ist wie dazu geschaffen, auf den Doppelsinn des Lebens hinzuweisen, in dem die Fülle unserer Aufgaben beschlossen liegt. Wir wollen dieser immer energischer und bewußter entgegenreisen und sie zu bemeistern suchen — durch Kampf zum-Sieg. , ffft das alles?' Unter den: selbstbewußten und etwas herausfordernden Titel: „Ist das alles?" gibt Dr. Joseph eine Zusammenstellung der Argumente, mit denen er die Kritiker seines Buches: „Das Judentum am Scheidewege" abzusertigen versucht. Leider hat der Verfasser es nicht über sich zu bringen vermocht, auch die bekämpften gegnerischen Meinungen in extenso zu veröffentlichen, was den Leser weit besser und objektiver informiert hätte; man sieht nur, wie Joseph Ist das alles? Eine Antwort an die Kritiker und Nicht kritiker meines Buches: Das Judentum am Scheidewege. Von Dr. Max. Joseph, Rabbiner in Stolp i. P. 1910. Verlag Jüdische Rundschau Berlin SW. 68. 95 Seiten. Preis 0.50 Mark. &