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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-30 · Heft 39 (30.9.1910) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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463 'MW Hände, aller Glieder, keineswegs Merkmal jüdischen Wesens, sondern allgemein. Wieviel Anekdoten, Karikaturen, Witzworte verspotten die angeblich „jüdische Unart" mit den Händen zu sprechen. Große Künstler haben von je erkannt, daß ein Affekt nicht nur durch das hervorgestoßene Wort, sondern oft weit wirksamer,, eindrucksvoller durch Blick, Miene, Geste auszudrücken ist. Diese Beredsamkeit der Hände haben neuerdings besonders zwei Künstler aufs höchste entwickelt: die Düse und Kainz. Wie der eherne, oft so erschütternde Klang seiner warmbeseelten unendlich ausdrucksvollen Stimme in unserer Erinnerung fortlebt, so bleibt uns die Beredsamkeit seiner Arme, seiner Hände in Erinnerung, die seine Rede unausgesetzt charakteristisch begleitet, verstärkt, verdeutlicht, kommentiert haben. Freilich kann man wie mit den Sprachwerkzengen auch mit der Gestikulation, „mit den Händen", unschön reden. Lautwie Gebärdensprache wird der Kulturmensch zu veredeln streben; aber der allgemeine Spott über die Gebärdensprache, über das Reden mit den Händen ist doch wohl so etwas wie der Spott der Tauben über die Hörenden. Am Politischen Leben, an irgend einem Parteigetriebe hat Josef Kainz nie Anteil genommen. Er lebte in der Himmelswelt unserer Dichter und würdigte den Werkeltagsinteressen keiner tieferen Beachtung. Als aber in dem Beginn der achtziger Jahre der rohe Tumult der jungen antisemitischen Bewegung auch sein Ohr und Empfinden verletzte, da fühlte sich Kainz davon besonders stark abgestoßen und umso enger schloß er sich den jüdischen Freunden an, die, wie Gustav Karpeles, wie Prediger Dr. M. Levin, damals mit tapferer, aber auch wehleidiger Liebe an ihrem Judentum hingen. So haben denn die Juden im Grunde neben der allgemeinen Anteilnahme an dem unersetzlichen Verlust, den unsere deutsche Bühne erleidet, noch ein besonderes Recht und besonderen Anlaß, das Andenken an Kainz liebevoll zu hegen. J. L. Der Doppelsinn des Lebens. Von Rabbiner Dr. Samuel-Essen. ittelalterliche und ihnen folgend neuere Maler können sich nicht genug darin tun, Totengerippe und blühendes Leben in nnheimlicher Nachbarschaft zu zeigen. -Mit gewissen Predigern um die Wette rufen sie: gedenke, zu sterben! Nicht so der Jude. Auch an der Jahreswende richtet er seinen Blick nach oben und bittet: gedenke unser zum Leben; und nach innen, und mahnt sich selbst: gedenke, recht zu leben! In dem kurzen Zuruf liegt ein doppelter Sinn. Leben, . atmen im rosigen Licht, von der Welt Fülle kosten, immer inniger genießen, was uns an Gütern der Welt erreichbar ist, das ist natürliches Leben, Leben im ersten ursprünglichen Sinn. Es ist die Grundbedingung zu allem anderen, der Boden, den auch der flüchtigste Tanz nicht entbehren kann, die Schale, ohne die der Inhalt kläglich zu Boden rinnt. Und wir sollten es nicht lieben? Das könnte nur Lüge oder Selbstbetrug behaupten wollen. Man sagt dem Juden sogar nach, daß er es mit allen Fasern seines Herzens liebe und sich daran klammere wie mit den Saugarmen eines Polypen, und für seine Verlängerung und Ausschöpfung keine Opfer scheue. Da man ihm gern alles zum Bösen auslegt, so findet man diesen Willen zum Leben niedrig und gemein, und himmelt von den Seligkeiten des Sterbens. Als ob der Jude nicht auch zu sterben verstünde! Die Zahl seiner Märtyrer ist unerreicht, ist Legion. Ja, er hat sich dem Tode beinahe angepaßt, er versteht es, unter Lausend Todesängsten zu leben! Das Leben gilt auch ihm als der Güter höchstes nicht; aber als ein hohes Gut allerdings. Er schämt sich nicht, das zu bekennen, und seine Gebete sind ganz auf diesen Ton gestimmt. Dabei wurde es ihm schon so oft verkümmert und vergiftet, daß ihn längst ein taedium vitae hätte befallen, und er gegen sich hätte wüten mögen, wie die Helden von Masada. Begreiflicher wäre es jedenfalls gewesen, als wenn schwachmütige Dekadenten sich angeblich nach dem Tode sehnen und die Welt für den Untergang reif erklären. In dem von mittelalterlicher Dumpfheit nicht freien, dennoch ergreifenden Gebete Un’sane tokef werden die mannigfachen Arten des Sterbens aufgeführt, die dem einen Tode vorangehen; der Selbstmord ist nicht darunter. Der Jude dürstet nach Leben auch in der Schicksalsstunde des Jahres. Ob es die ausdringliche, materialistische Laienpredigt oder die nüchtern dozierende Naturforschung zuwege gebracht hat, gleichviel, der Mensch lernte wieder das leibliche Leben und seine Bedingungen unbefangen würdigen; der so oft verlästerte Körper ward wieder zum wunderbaren Organ der Seele. Selbst die freiesten, naturalistisch gesinnten Geister suchen ja für ihre Theorien Verknüpfung mit den moralischen Instinkten, ja mit den ethischen Hochzielen der Menschennatur; die Pflege von Kraft und Schönheit wird ihnen zu einer Art Religion. Der Jude hat einst in einer sinnenseindlichen Umgebung den Stab Aeskulatzs und die Schale Hygiäas gehütet; heute darf er seine Liebe zum Leben desto freimütiger bekennen. Ein bekanntes Wort behauptet: Nicht die Juden haben das Judentum bewahrt, sondern dieses jene. Das ist richtig, sofern man die gemeinschaftbildende Kraft seiner Ideen und die strengen, auf Volksgesündheit abzielenden Vorschriften und Einrichtungen im Auge hat. Aber zugunsten der Juden selbst darf doch angeführt werden, daß sie sich nicht fortgeworsen, sondern sich behauptet haben mit beispielloser Lebensenergie. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so werden sie darin sortfahren; ja zum Aerger ihrer Josef Aainz.

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