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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-30 · Heft 39 (30.9.1910) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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zu einer neuen Fraktion zusammenschließen. Ihr Programm entspricht auch ganz dem Charakter ihrer Mitglieder: sie möchten und möchten nicht. Sie sind judenfreundlich, aber... Der Judenpunkt des Programms lautet: „In der Iudensrage betrachten wir nach jeder Richtung, nicht nur in der Theorie, sondern auch praktisch, alle diejenigen Inden als Polen, die nicht nur mit ihren Worten, sondern auch mit ihren Taten Polen sind. Wir müssen entschieden alle separatistischen Strömungen bekämpfen. Wir müssen uns im vitalsten nationalen Interesse, welches in der Anzahl polnischer Mandate im Osten des Landes sowie in der Notwendigkeit. der Loslösung der Juden vom Sozialismus und von dem uns feindlichen Zionismus zum Ausdruck-kommt, bemühen, die jüdischen Volksmassen für unsere nationale Politik zu gewinnen — und zwar durch eine ernste Berücksichtigung des jüdischen Massenelends bei unserer volkswirtschaftlichen Arbeit und durch Unterlassung alles dessen, was als eine Zurücksetzung der Juden angesehen werden könnte." Zu diesem gewundenen Programm bemerkt ganz richtig die „Volkswehr" : „Der Verfasser dieses Programmpunktes meint es vielleicht gut, aber er scheint die letzten Jahre verschlafen zu haben. Auf diesen Leim gehen heute keine jüdischen Gimpel mehr." * Ueber die Aussichten der Gesetzesvorlage wegen Aufhebung des Ansiedlungsrahons weiß der Petersburger Korrespondent der „Neuen Israelitischen Korrespondenz" folgendes zu berichten: Der jüdische Duma-Abgeordnete Friedmann hat sich einem Zeitungsvertreter gegenüber über das voraussichtliche Schicksal des Gefetzesprojekts wegen Abschaffung des jüdischen Ansiedlungsrahons geäußert. Danach dürfte diese Vorlage im November d. I. in der Duma zu Beratung gelangen. Die Duma werde dieselbe zunächst weder annehrnen noch ablehnen, sondern sie einer Kommission überweisen. Seitens, der jüdischen Duma-Mitglieder werde die Forderung gestellt werden, das Projekt der Kommission wegen Unantastbarkeit der Person zu überweisen, weil diese allgemeine Frage mit dem jüdischen Wohnrecht eng verknüpft ist. Die Zusammensetzung der genannten Kommission biete auch den Juden günstigere Aussichten. Herr Friedmann glaube jedoch nicht, daß dir Duma in diesem Sinne beschließen werde. Wahrscheinlich werde sie das Gesetzesprojekt einer speziellen Kommission überweisen, in welche dann die Kadetten auch die beiden jüdischen Duma-Abgeordneten wählen würden. Die Arbeiten der Kommission werden voraussichtlich lange Zeit, vielleicht einige Jahre dauern, da sie das gesamte in den russischen Negierungsarchiven befindliche Material bezüglich der Judenfrage zu prüfen haben werde. Außerdem würden auch die - jüdischen Duma-Abgeordneten der Duma-Kommission mehrere Dokumente betreffs der Judenfrage in Rußland und im Auslande unterbreiten. Derselben Korrespondenz entnehmen wir auch folgende Mitteilung: Bekanntlich hat die russische Konstitution vom 17. Oktober 1905 unter anderem auch die Preßfreiheit proklamiert. Zur Bändigung der übermütigen Journalisten hatte aber die Behörde ein prächtiges Mittel in den sogenannten „Ausnahmebestimmungen", die der Behörde die Befugnis einräumen, Preßvergehen nach Ermessen mit größerer Geld- und Freiheitsstrafe zu. ahnden. Von diesem Rechte wußten die Hüter der öffentlichen Ordnung Gebrauch zu machen, ohne daß die Beschwerden der betroffenen „Delinquenten" vom Minister respektive vom regierenden Senat jemals berücksichtigt worden wären. Dieser Tage hat nun die Zentralregierung kundgegeben, daß sie gewillt sei, die „Preßfreiheit" gegen Uebergriffe der Behöroe energisch in Schutz zu nehmen. Vor kurzem hatte nämlich der Gouverneur von Bessarabien den Redakteur des von Kruschewan traurigen Andenkens gegründeten und in seinem Geiste weitergeleiteten Hetzblattes „Drug" wegen einer besonders starken Leistung mit einer Geldstrafe von 500 Rubeln belegt. Nun hat der Minister des Innern diese Verfügung aufgehoben - und den Gouverneur zur Verantwortung gezogen. Der „Drug" wird nun seine Hetzarbeit unter dem hohen Schutze Stolypins ruhig fortsetzen können. foftf lallt? untr das Judentum. 3n tiefer Betrübnis blickte die deutsche Kulturwelt soeben auf die Bahre eines allzufrüh abberufenen Künstlers. In aufrichtiger Trauer beklagte sie nur sich selbst und den eigenen schweren Verlust, nicht den Darsteller, dem es vergönnt war, den Gipfel des Ruhmes zu erreichen und im vollen Glorienschein zu scheiden, noch ehe der Fuß den ersten Schritt zum Abstieg machte. Noch nie. zuvor hat irgendein Künstler zu dieser Höhe sich emporgerungen, noch, nie ist die Kunst eines-Darstellers so sehr zum allgemeinen .Nationalbesitz geworden, und nie zuvor war die Teilnahme an einem Künstlerkrankenbett, an einer Totenbahre so groß und allgemein. Nur als Angehörige der deutschen Kulturgemeinde, nur als Mitschaffende, Mitbesitzeude, Mitgenießende am deutschen Geistesschatz nehmen wir Juden Anteil an . dem betrübenden Veriust. Dennoch ist gerade in diesem Falle die Frage nach den ganz besonderen Beziehungen des Entschlafenen zum Judentum gestattet und berechtigt. Denn diese Beziehungen waren gar mannigfach, gar vielgestaltig und tiefgreifend. Man gewahrt auf den ersten Blick nur die äußeren, die oberflächlichen, die : freilich darum doch nicht etwa zufällige waren. Von seinem ersten Schritt in die Oeffentlichkeit an umgab sich Kainz, der einer katholischen Familie in Wien entstammte, gern mit jüdischen Freunden. In Leipzig schon, wo er die ersten unsicheren Schritte aus die weltbedeutenden Bretter wagte, fand er bei jüdischen Theater-Freunden vorahnendes Verständnis und rege Förderung. In München behagte er sich in einen: Kreise jüdischer Schriftsteller und Künstler, mit denen innige Freundschaft ihn bis ans Lebensende verband. In Berlin bildeten einige unserer vornehmsten jüdischen Gelehrten, Prediger, Schriftsteller seinen ständigen Umgang. Seine erste Frau, die originell-geistvolle Sara Hutzler, war eine Jüdin. Mehrere Jahre nach ihrem Heimgang führte Kainz wieder eine Jüdin, eine jugendliche Bühnenkünstlerin, Margarete geb. Natanson, zum Altar. Kainz war der beste Erzähler jüdischer Anekdoten, und was ihn zum, ganz unvergleichlichen Vorleser der Geschichten von „Onkel Jonas" machte, das war nicht nur seine allgemeine unvergleichliche Vortragskunst, nein, das innige Verständnis für jüdisches Wesen vor allem führte ihn zu jenen Geschichten und zu dem heiteren Behagen, mit dem er sie im Freundeskreise so gern vorlas. Aber das, sind, wie gesagt, eben nur die äußeren Beziehungen zum Judentum. Die inneren entstammten zunächst der verständnisvollen Liebe, die Kainz für die Bibel hegte. Neuerdings haben viele Künstler den Schatz an Poesie erkannt, den die Bibel in sich birgt, die Kraft und Fülle ihrer Epen, den hohen Schwung. Irene Triesch hat so oft die Hörerscharen hingerissen durch ihren schlichtinnigen, reichbeseelten Vortrag aus der Bibel, auch Marie Holgers, Salzer haben mit dem Vortrag von Bibelabschnitten ihre höchsten Wirkungen erreicht. Der erste unter den modernen Künstlern, der sich air der Bibel auch rein rhetorisch begeistert, der durch die Bibel begeistert, hingerissen hat, zunächst den kleinen Freundeskreis, dem er seiner Kunst edelste Blüten widmete, war Kainz. Wenn er an dramatisches Schaffen dachte, dann schwebten ihm biblische Helden vor, und einen „Saul" hat er uns ja hinterlassen, dessen Sprache, wie. man .hört, getragen ist von biblischem Schwung. Auf einen: besonderen, kleinen Gebiet seiner reichen Darstellungskunst ist Kainz zum Verteidiger einer vielverkänr:ten, vielverspotteten Eigenart geworden, die als jüdische eben nur im Norden gilt. In Italien, im ganzen Süden ist die Körperbeweglichkeit, die Beredsamkeit der Mienen, der

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