Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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„Glowitz, den 31. Juli 1885. Sehr verehrter Herr Hofprediger! Das Schwierige Ihrer Lage wurzelt offenbar nicht in dem prinzipiellen Kernpunkte der Stellung, in welche Sie durch Ihr politisches Auftreten und die beiden Prozesse geraten sind. Der Kaiser ist sicherlich nicht sowohl deshalb in unbehaglicher Stimmung ob der letzten Ereignisse, weil es sich um Ihre Person an und für sich handelt, als vielmehr deshalb, weil er — ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt — in der Vorstellung lebt und darin von außen her bestärkt wird, daß der agitatorisch auftretende Hofprediger Seine Allerhöchste Person in eine Art von Solidarität hineinzieht, von der Se. Majestät nun einmal nichts wissen wollen. Aus diesem Grunde glaube ich auch, offen gestanden, nicht recht an die Möglichkeit einer Umstimmung des Kaisers, ich meine einer grundsätzlichen, zU Ihren Gunsten ..." Allen diesen Warnungen, die durch freundliches Zureden erprobter Freunde unterstützt wurden, setzte Stöcker ein schroffes Nein entgegen. Er setzte damals, wie aus Briefen an seine Gattin hervorgeht, große Hoffnungen auf die Fürsprache des Prinzen Wilhelm und seiner Gemahlin bei dem alten Kaiser. Der Prinz hatte an den Kaiser geschrieben, und Stöcker äußert sich infolgedessen in einem Briefe an seine Gattin, datiert vom 10. August 1885, frohen Mutes: „Der Brief des Prinzen Wilhelm muß doch einen Eindruck gemacht haben. ...; ." Später sieht sich allerdings Waldersee veranlaßt, ihn von dieser Illusion gründlich zu kurieren. Gleichwohl scheint es Tatsache zu sein, daß zur Zeit des Stöcker-Bäcker-Prozesses Prinz Wilhelm und seine Gemahlin für Stöcker ein gutes Wort einzulegen suchten. Am 20. Juli 1885 schreibt Stöcker nämlich an seine Gattin: „Er habe aus einwandfreier Potsdamer Quelle erfahren, Prinz Wilhelm sei zornig über das gerichtliche Urteil; die Prinzessin habe gesagt, wenn sie nicht fürchte, daß ein Brief bekannt werden könnte, würde sie am liebsten an Stöcker schreiben." Die Freundschaft der nachmaligen Kaiserin hat sich Stöcker später, wie erinnerlich, durch allzu plumpe Vertraulichkeit verscherzt, da er sie in der Öffentlichkeit in dreister Weise als seine bliebe Freundin" apostrophierte, gerade so, wie der alte Kaiser — nach dem doch gewiß unantastbaren Zeugnis Puttkamers — sich unangenehm berührt fühlte durch den ungenierten Versuch seines Hofpredigers, ihn für seine politischen Zwecke als Bundesgenossen zu reklamieren. Die Kontroverse wurde schließlich beendet durch ein Schreiben des Oberkirchenratspräsidenten an Stöcker (das Datum gibt Oertzen nicht an)' „Nach Prüfung des Sachverhalts eröffnen wir nunmehr Euer Hochwürden, daß diese beiden Erkenntnisse (im Bäcker-Prozeß), abgesehen von einzelnen Schlußfolgerungen, die Tatsache außer Zweifel stellen, daß Sie die bei der Vielseitigkeit Ihrer öffentlichen Tätigkeit besonders notwendige Vorsicht in Ihren Aeußerungen nicht immer beobachtet und in öffentlichen Versammlungen in bezug aus Ihre politischen Gegner sich heftiger und ehrverletzender Ausdrücke bedient haben. Wir haben hierin zwar einen genügenden Anlaß nicht finden können, disziplinarisch gegen Sie einzuschreiten, müssen aber um so mehr die Erwartung aussprechen, daß Sie aus dem Ergebnis jener Prozeßverhandlungen eine Mahnung zur Vorsicht und Maßhaltung selbst entnehmen und, um derartigen Kollisionen für die Zukunst zu entgehen, Ihre soziale und politische Tätigkeit nach Art und Umfang in einer den Anforderungen Ihrer Amtsstellung entsprechenden Weise einschränken werden. Hermes." Stöcker hat sich, wie der weitere Verlauf seiner Tätigkeit gezeigt hat, diesen Ermahnungen und Warnungen gegenüber absolut unzugänglich erwiesen, und so wardenn die Katastrophe, die;-freilich erst einige Jahre nachher unter dem Enkel Kaiser Wilhelm I. eintrat, unvermeidlich. Die spätere politische Entwicklung des Prinzen Wilhelm war für Stöcker vielleicht die schmerzlichste Enttäuschung seines an positiven Erfolgen nicht gerade überreichen Lebens. In einem dieser Tage vor der Strafkammer in Dessau verhandelten Prozeß, in welchem der der Beleidigung des Oberbürgermeisters Dr.Ebeling angeklagte Landtagsabgeordnete, Rechtsanwalt und Notar Dr. Cohn, kostenlos sreigesprochen wurde, ergab sich die betrübende Tatsache, daß man in der Geburtsstadt Moses Mendelsohns, wo mau diesem jüdischen Freunde Lessings ein Denkmal setzte und man' der jüdischen Wohltäterin der Stadt, der verstorbenen Baronin Cohn-Oppenheim das Ehrenbürgerrecht verliehen hat, einen ausgesprochenen Antisemiten zum Oberbürgermeister hat. Diesem Stadthaupt der anhaltischen Residenz Dessau war von Dr. Cohn neben anderen die Stadtverordneten beleidigenden Ausdrücken auch zum Vorwurf' gemacht worden, daß er in Beziehung auf Dr. Cohn das Wort „Judenlümmel" gebraucht und sich über die verstorbene Baronin Cohn-Oppenheim sehr beleidigend ausgelassen habe. Die Angelegenheit hatte bereits einmal das Schöffengericht beschäftigt, das Dr. Cohn gleichfalls freisprach, weil diesem der Beweis der Wahrheit glückte und ihm auch der § 193 (Wahrnehmung berechtigter Interessen) zugebilligt worden war. Auch in der Berufungsinstanz vor der Strafkammer gelangte der Gerichtshof zu dem gleich freisprechenden Urteil. Nun hatte Dr. Cohn jetzt weitere schwere Beschuldigungen gegen den judenfeindlichen Oberbürgermeister vorgebracht und unter Beweis gestellt, woraufhin nach Mitteilung der Tagespreffe jetzt ein Disziplinarverfahren gegen den Oberbürgermeister eingeleitet worden sein soll. Die Strafkammer hatte die Beweisanträge abgelehnt, und Dr. Cohn ohne weitere Beweiserhebung freigesprochen» Diese Vorgänge in Dessau sind wahrlich bezeichnend dafür, wohin wir gelangt sind! Ein doch zweifellos gebildeter Mann, wie der Oberbürgermeister Dr. Ebeling, verschmäht es nicht, einen hochachtbaren Bürger des Landes, dem das Vertrauen seiner Mitbürger ein Landtagsmandat und Stadtverordnetenmandat übertragen hat, dessen blanker Ehrenschild und gemeinnütziges Wirken notorisch ist, einen „Judenlümmel" zu nennen und sich damit auf das Niveau eines ganz gewöhnlichen Antisemiten zu stellen. Er ist allerdings mit seinem antisemitischen Erguß diesmal an den Unrechten gekommen. Landtagsabgeordneter Dr. Cohn ist nicht der Mann, der sich solche antisemitischen Anwürfe gefallen lassen wird. Sollte es dem Dessauer Herrn Oberbürgermeister zudem noch nachgewiesenwerden, daß'er sich in der Tat der schwer beleidigenden Ausdrücke über die Ehrenbürgerin Baronin Cohn-Oppenheim bedient hat, so wäre das wahrlich ein starkes Stück. Man weiß, daß die verblichene Philanthropin den größten Teil ihres Millionenvermögens der Stadt und gemeinnützigen städtischen Institutionen vermacht hat, und die städtischen Körperschaften ihr die höchste Ehre, die die Stadt zu vergeben hat, das Ehrenbürgerrecht, veriehen haben. Aber was schert einen richtigen Antisemiten all das, wenn es sich um Personen jüdischen Glaubens handelt? - Aus Wien wir uns geschrieben: Im Polenklub soll jetzt, nachdem die Gegensätze scharf aneinanderstoßen, eine neue Partei entstehen. Die blutarnien Demokraten Krakauer Couleur, die halben Allpolen, die. wohl Karriere machen, aber im Interesse des teueren Mandates nicht den Statthalter vor. den Kopf stoßen möchten, und schließlich die viex Hausjuden, die unstet und stüchtig zwischen den Parteien herumpendeln, wollen sich