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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-30 · Heft 39 (30.9.1910) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 460 (sequence 4)
Language
German
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t*ugen> vor. einem; nahen Zusammenbruch. Wie anders ist demgegenüber doch die Situation unserer Glaubensgenossen in den Kulturländern des Westens und in Italien. So Lies und ernst auch die Trauer der englif chen jüdischen Bevölkerung über'den Heimgang des judenfreundlichen Königs Eduard gewesen ist, keine bange Frage nach der Möglichkeit einer etwaigen Verschlechterung ihrer staatsbürgerlichen Stellung mischte sich in die Trauer. Im englischen Kabinett sitzen jüdische Minister, und keinem Engländer fällt es ein, darin etwas Besonderes zu sehen, etwas nicht Selbstverständliches. Und wie in England erfreuen sich unsere Glaubensgenossen der vollen tatsächlichen Gleichberechtigung in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, in Italien, wo zurzeit der Jude Luzzatti Ministerpräsident ist. In allen diesen Ländern können auch am „Tage der Erinnerung" Akte staatsbürgerlicher Zurücksetzung keinen Schmerz und kein Bedauern auslösen. Sie sind undenkbar. Hoffen wir, daß die Zeit nicht fern ist, in der auch wir deutschen Juden unser volles Recht als Staatsbürger erlangen werden, und möge das neue Jahr die Verwirklichung dieser Hoffnung bringen! Dir Moche. Berlin, 27. September. emnächst erscheint ein umfangreiches Quellenwerk in zwei Bänden über das kirchliche und politische Wirken des verstorbenen Hofpredigers Stöcker aus der Feder seines Parteifreundes Dietrich v. Oertzen, dem die Witwe die Sichtung des schriftlichen Nachlasses übertragen hat. Die „Deutsche Welt" ist durch den Verlag in den Stand gesetzt, den Inhalt einiger interessanter Abschnitte, die die Geschichte des unfreiwilligen Rücktritts Stöckers vom Hofpredigeramt behandeln, schon jetzt kurz zu skizzieren. Die Publikation erhält ihren besonderen Wert dadurch, daß die in dieser Angelegenheit ergangenen Erlasse des alten Kaisers wie der offizielle Briefwechsel des Präsidenten des Evangelischen Oberkirchenrats, Hermes, hier zum erstenmal im authentischen Wortlaut veröffentlicht werden. Die Kundgebungen des Kaisers lassen — was man ja auch bisher schon wußte — keinen Zweifel darüber, daß die gefährlichen Wirkungen der politischen Demagogie seines Hofpredigers von dem Monarchen von Anbeginn an klar erkannt worden sind. Der alte Kaiser schätzte seinen Hofprediger sehr, ehe dieser seinen Kampf gegen das Judentnm aufnahm. Noch im Januar 1880 sprach er ihm schriftlich seinen lebhaften Dank für eine im Abgeordnetenhause gehaltene Rede aus. Dann aber, als Stöcker im Juni 1880 gelegentlich Bleichröder in seine Reden hineingezogen hatte, erging auf Veranlassung Bismarcks unter dem 29. Dezember 1880 ein „Allerhöchstes Handschreiben" an den Hosprediger: „Ueber Ihre Tätigkeit als Leiter des von Ihnen gegründeten christlich-sozialen Arbeitervereins habe Ich, mit Bezug auf Ihre Vorstellung vom 23. September d. I., aus Anlaß einer Immediateingabe des Geheimen Kommerzienrats von Bleichröder, Bericht von dem Reichskanzler und dem Minister der geistlichen Angelegenheiten erfordert und die Ueberzeugung gewonnen, daß, wenn Sie auch bei Ihren sozialen Bestrebungen von guter Absicht geleitet werden, so doch Ihre bisherige Tätigkeit von Ausschreitungen nach Form und Matz 'nicht frei geblieben ist. Ich kann insbesondere Ihnen meine Mißbilligung darüber nicht vorenthalten, daß Sie durch Hinweisung auf einzelne große Vermögen, wie in der Rede vom 11. Juni b. Igeschehen, und aus die Unzulänglichkeit der von Meiner Regierung zugunsten der Arbeiter beabsichtigten Schritte, denen Sie, insbesondere I in der am 14. Oktober d. I. in, der Versammlung des Zentralvereins für Sozialreform gehaltenen Rede,, weitergehende Ziele gegenüber-! stellen, Begehrlichkeiten, zu deren Befriedigung auch Sie kein Mittel kennen, mehr erregt. als beruhigt haben.. Ich erwarte, daß Sie fortan überall, wo sie öffentlich auftreten, auch außerhalb Ihres geistlichen Amtes die dem letzteren besonders obliegende Pflege des Friedens unter allen Klassen Meiner Untertanen unbeirrt im Auge behalten werden. Wilhelm." Diese Allerhöchste Verwarnung veranlaßt Stöcker anfangs zu einiger Zurückhaltung; sein Fanatismus brach aber bald wieder durch, als er drei Jahre später in London in öffent* licher Versammlung sich in hämischer Weise über die Zuständein Deutschland äußerte. Der Präsident des Evangelischen Oberkirchenrats,. Hermes, mußte ihm infolgedessen unterm 29. November 1883 folgende offizielle Eröffnung machen: „Euer Hochwürden bin ich verpflichtet, von folgendem heute an mich, ergangenen Allerhöchsten Erlasse Kenntnis zu geben:. Ich beauftrage Sie, dem Hofprediger Stöcker, dessen Bericht vom 22. d. M. über seine Reise nach London mir Vorgelegen hat, zu eröffnen, es habe Mein ernstes Mißfallen erregt, daß er, ohne von Mir den erforderlichen Urlaub eingeholt zu haben, sich nach London begeben, sowie daß er mit Hintansetzung seiner Stellung als Hofprediger dort im Auslande, neben Luthervorträgen und -predigten sozialpolitische Fragen öffentlich verIHnidelt und damit den vorgekommenen kompromittierenden Auftritten sich und sein Amt aüsgesetzt hat. Demselben ist zugleich zu eröffnen, daß Ich überhaupt bei seinem außeramtlichen Auftreten vielfach den Takt vermisse, welcher zur Wahrung der Würde seines Amtes und Berufs als Dom- und Hofprediger unumgänglich geboten ist. Ich erwarte, daß er fortan diese Rücksichten pflichtmäßlg mit sorgfältigster Strenge beobachtet.. Indem ich mich dieses Allerhöchsten Befehls hiermit entledige, wünsche ich nichts lebhafter, als daß es Ihnen gelingt, alles zu vermeiden, was zu weiterem Allerhöchsten Mißfallen Anlaß geben könnte. Der Präsident des Evangelischen Oberkirchenrats. Hermes." , Auch diese Ermahnung blieb fruchtlos, und so sah sich denn Hermes unterm 27. Juli 1885 genötigt, dem renitenten Hofprediger im Aufträge des Monarchen seine Demission nahezulegen. Das Schriftstück hat folgenden Wortlaut: „Berlin, den 27. Juli 1885. Sehr geehrter Herr Kollege! Zu meinem Schmerz bin ich jetzt genötigt, Ihnen mitzuteilen, daß der Kaiser seine Partei gegen Sie genommen hat und mich ermächtigt, Ihnen zu sagen, daß er Ihre Demission als Hof- und Domprediger wünscht und erwartet. Schon gleich nach den unglücklichen Verhandlungen kontra Bäcker kam die Aufforderung, mit ' Bezug auf Ihr Amt als Hof- und Tomprediger über die Sache zu berichten. Ich schob die Sache auf den disfiplinarischen Weg, wodurch sich deren Verzug bis zur Rechtskraft des Erkenntnisses ergab. Inzwischen ließ Herr v. Wilmowski mir mitteilen, daß nach der Ansicht des Kaisers wie der Kaiserin Sie nicht länger Hosprediger bleiben könnten. Ich reagierte darauf nicht, weil kein Allerhöchster Auftrag zu dieser Mitteilung ausgesprochen war. Endlich bekam ich offiziell neben der Allerhöchsten Bewilligung meines SömmernrlaubS ein Kabinettsschreiben, worin die Erwartung Sr. Majestät ausgedrückt wird, daß die Stöckersche Angelegenheit durch, die Beurlaubung keine Verzögerung erleide, da diese Angelegenheit der Beschleunigung bedürfe, falls nicht Stöcker vorher sein Amt als Hofprediger niederlege. Inzwischen bekam ich vom Kollegen.Kögel aus Gastein einen Brief— ich teile ihn nach seinem Wunsche mit der Bitte um Rückgabe mit — der wesentlich die Situation gleichartig schildert ... . .. ' Hermes." Einige Tage darauf schrieb der ehemalige Minister des Innern v. Puttkamer an Stöcker:

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