Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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459 dieses neuesten Ausbruches russischer Barbarei in einer verstärkten Auswanderung der von so harten Schicksalschlägen Betroffenen bemerkbar, und stellen an die nie versiegende Hilfsbereitschaft des Vereins erhöhte Anforderungen. Das blühende Schulwesen des Hilfsvereins im Orient erfuhr eine bedeutende Erweiterung durch die Begründung des Polytechnikums' in Haifa. Auch die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israetite Uni verseile, die ihren Präsidenten infolge der Demission ihres bisherigen verdienten Leiters wechselte und durch die Wahl des Herrn Geh. Justizrats Timendorfer m Personalunion mit. dem Hilfsverein und der Großloge trat, stellte einen großen Teil ihrer Mittel in den Hilfsdienst für die unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland, deren Elend zu mildern sie von jeher bestrebt gewesen ist. Neben den lebendigen Kräften des breitflutenden jüdischen Lebens, die in diesen großen Organisationen wirken, entfaltete auch die überreiche Fülle der anderen Verbände und Vereinigungen ihre ersprießliche Tätigkeit im Dienste jüdischer Interessen. So vor allem die Bne Brith-Logen in allen edlen Werken der Nächstenliebe, der Wohltätigkeit und Förderung jüdisch-sozialer Aufgaben. Unter der moralischen Förderung der Großloge erfolgte der Zusammenschluß der jüdischen Jugendvereine zum „Verband jüdischer Jugendvereine im Deutschen Reiche", der heute bereits 55 Vereine umfaßt und trotz der kurzen Zeit seines Bestehens der jüdischen Jugendbewegung bereits eine Fülle von Anregungen und neuen Impulsen gegeben hat. Der „Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" hatte sich im verflossenen Jahre gleichfalls einer erfreulichen Entwicklung zu erfreuen. In den meisten der ihm angeschloffenen Vereine bekundete sich das Interesse für jüdisches Wissen und jüdische Geistesbildung in ungeschwächtem Maße. Der Rabbinerverband, der Verband jüdischer Lehrervereine wie ihre Abzweigungen nach parteireligiösen Differenzierungen haben im verflossenen Jahre gleichfalls im Interesse ihres Standes und damit vielfach zugleich im allgemeinen jüdischen Interesse ersprießliche Arbeit geleistet. Das wieder stärker erwachte Interesse für die heilige Sprache bekundete sich, wenn auch im kleineren Kreise, auf dem in diesem Jahre hier abgehaltenen Kongreß für hebräische Sprache und Kultur. Auch an den bedeutsamen Erscheinungen der geistigen Bewegungen auf andersreligiösem Gebiet, wie den bekannten Berliner Religionsgesprächen und dem Weltkongreß für freies Christentum und religiösen Fortschritt, ist die deutsche Judenheit nicht achtlos vorübergegangen. Die Erinnerung an die bedeutsamen und bemerkenswerten Ereignisse im innerjüdischen Leben ist mit dieser Aufzählung nicht erschöpft. Der Quell jüdischen Schaffens fließt in ununterbrochenem Flusse, und auch das verflossene Jahr war reich an nennenswerter Tat. Eine solche war die Eröffnung "der jüdischen Blindenanstalt in Steglitz, war die Einrichtung eines Arbeitsamtes für jüdische Akademiker, war die Inbetriebnahme ' des Lehrguts Steinhorst zur Ausbildung jüdischer Landwirte. In diesen Kreis der angenehmen und erhebenden Erinnerungen sind auch eine Anzahl freudiger Jubiläumsfeiern einzuzeichnen. Am 24. Mai beging man unter verehrungsvoller Anteilnahme fast der ganzen deutschen Judenheit den 100. Geburtstag Abraham Geigers; in zahlreichen Gemeinden wurden besondere Geiger-Feiern veranstaltet. Der Lehrerb ilöüngsänstalt brachte ihr 50jähriges Jubiläum niöht nur die rühmende Anerkennung ihres segensreichen Wirkens seitens der Judenheit, sondern auch diejenige der staatlichen Behörde, die 'sie durch die Ermächtigung der Abhaltung eigener Abgangsprüfungen und durch die Verleihung einer höheren Auszeichnung an ihren verdienstvollen Leiter, Rektor Holzmann, bekundete. Das gleiche, nämlich das 50 jährige Jubiläum, konnte auch die „Alliance Jsraelite Universelle" im verflossenen Jahre begehen. Nur durch die schwere Erkrankung, ihres ehrwürdigen Präsidenten, Narcisse Leven, mußte die offizielle Feier auf den Monat November d. I. verschoben werden. Auch im Leben des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes bedeutete das verflossene Jahr ein Jubiläumsjahr: das vierzigste Jahr seines Bestandes. Sein 25 jähriges Jubiläum feierte ferner der Kolonisationsverein für Palästina, „Esra", durch Herausgabe einer gediegenen Festschrift, die. eine wertvolle Uebersicht über das reiche Schaffen dieses ältesten deutschen Kolonisationsvereins gab, und die auch historischen und kulturhistorischen Wert beanspruchen darf. Die unvergängliche Erinnerung schließlich an den großen jüdischen Philanthropen Moses Montefiore bekundete sich bei.den Glaubensgenossen aller Länder in diesen jüngsten Tagen anläßlich der Wiederkehr seines 25 jährigen Todestages. Die dankbare jüdische Nachwelt vergißt seine Großen der Vergangenheit nicht! So entfaltet sich vor unseren Augen ein Bild des innerjüdischen Lebens, dessen helle, leuchtende Farben im wohltuenden Gegensatz zu den tiefen Schatten stehen, die über unserem . staatsbürgerlichen Leben auch im vergangenen Jahre lagerten. Den Kampf um unser Recht aber sind wir entschlossen, unbeirrt durch den bisherigen geringen Erfolg, weiter zu führen. An den Tag der Erinnerung knüpfen wir den Tag der Hoffnung! Das gilt auch für unsere Glaubensgenossen in jenen Ländern, zu deren Tradition noch immer die menschenunwürdige Behandlung und völlige Rechtlosigkeit ihrer jüdischen Bevölkerung zählt. In Rußland haben die jeder Menschlichkeit hohnsprechenden Ausweisungen zahlreicher jüdischer Familien aus Städten, in denen sie lange Jahre unbehelligt wohnten, die aber nicht zum Ansiedlungsrayon gehören, grenzenloses Elend über die schuldlosen Opfer der russischen Willkür gebracht. Man sprach nicht mit Unrecht von „unblutigen Pogromen", denn in ihren Wirkungen kamen die Ausweisungen den Pogromen gleich. In Rumänien hatte man die Absicht, durch das neue Jndustriegesetz, demzufolge 75 Prozent aller Löhne nur an „Vollblutrumänen" sollten gezahlt werden können, den zahlreichen in der Industrie beschäftigten jüdischen Arbeitern jede Existenzmöglichkeit zu entziehen. Glücklicherweise ist das Gesetz nicht zustandegekommen. Aber schon die Aussicht hatte die größte Beunruhigung unter den rumänischen Juden hervorgerusen. Die entsetzensvolle Geschichte der Gegenwart dieser jüdischen Massen in den Unkulturländern setzte aber nicht nur die Kräfte des „Hilfsvereins der Deutschen Juden", der „Alliance" wie der großen jüdischen Vereinigungen des Auslandes, besonders der Jka, in Bewegung, sondern führte auch zu der Begründung der „ Allgemeinen Jüdischen Kolonisationsgesellschast", der Ajko, die den halbwegs kapitalkräftigen russischen, rumänischen und wohl auch galizischen Juden günstige Existenzbedingungen im türkischen Reiche schaffen will. In Oesterreich ist dieser Tage erst ein gegen den Hausierhandel gerichtetes Verbot für Wien erlassen worden, das für eine ganze Anzahl unserer dortigen Glaubensgenossen den Verlust ihrer mühseligen kärglichen Existenz bedeutet. Dabei steht die Richtung, der zuliebe das Hausierverbot erlassen ist, der christlich-soziale Antisemitismus, nunmehr nach dem im Anfang des Jahres erfolgten Tode Luegers, wenn nicht alle Anzeichen