Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4ö8 sie ebensowenig an, wie dies im übrigen Deutschland geschieht." Das mag eine häßliche Wahrheit sein, aber eine Wahrheit ist es, und ihr Refrain bildet den Schluß aller Erinnerungen, die an der Jahreswende in uns aufsteigen, wenn wir an das staatsbürgerliche Schicksal der deutschen Juden im letzten Jahre denken: „Das Recht, unser Recht ist nur Theorie!" Die Hemmungen und Widerstände, die der Sehnsucht, unsere besten Kräfte in gleicher Weise, wie die Mitbürger nichtjüdischen Glaubens, in den Dienst des Vaterlandes und. der Allgemeinheit zu stellen, von dieser Seite' entgegentraten, und die grade den Besten und Feinfühlendsten unter uns immer von neuem eine Quelle schmerzhafter seelischer Qualen waren, bilden aber nicht die einzigen Farben im Erinnerungsbilde des letzten Jahres. Auch das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben zeitigte manche Blüte der Unduldsamkeit, Zurücksetzung und Schädigung, die eines Kulturstaates direkt unwürdig ist. Der politisch organisierte Antisemitismus freilich hat zweifellos keine sonderlichen Lorbeeren Pflücken können. Im Gegenteil, er erlitt, wie der Ausgang der Reichstagsersatzwahlen des letzten Jahres gezeigt hat. Schlappe um Schlappe. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche dagegen machte sich auch im eben verflossenen Jahre noch an allen Ecken und Enden bemerkbar. In Neustettin und Koburg mußten widerfahren, daß selbst in den jungen Seelen der Heranwachsenden Jugend das konfessionelle Moment unter Billigung der Schulleitung als Motiv der Absonderung sanktioniert wurde, Schülerverbindungen zu Sportzwecken bestanden und bestehen, die nach ihren Statuten ihre jüdischen Mitschüler von der Mitgliedschaft ausschließen. In das gleiche Kapitel, wenn auch von wesentlich größerer prinzipiellen Bedeutung und schon das wirtschaftliche und staatsbürgerliche Gebiet streifend, fallen die Vorgänge im Kreiskrankenhaus Britz und Lübeck, wo man jüdische Medizinalpraktikanten zurückwies, weil die Berufskollegen christlichen Bekenntnisses jeden gesellschaftlichen Verkehr mit ihnen ablehnten. Zn Dresden konnte ein Landgerichtsdirektor die jüdische Bevölkerung als „suspekt des Wuchers" in einem Urteil bezeichnen, und im Wahlkreis Eisenach ein Postdirektor als Sammelstelle für den antisemitischen Wahlfonds fungieren. Und im großen allgemeinen Wirtschaftsleben wird die Zahl derjenigen, die jüdische Angestellte, nicht beschäftigen, leider immer größer. Ein Blick in die Inseratenteile der großen Annoncenblätter und Fachzeitschriften lehrt es uns täglich aufs neue, daß auch im Geschäftsleben nicht mehr Können, Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit allein, sondern auch die Glaubenszugehörigkeit zum ausschlaggebenden Faktor für eine Anstellung erhoben wird. In den Posenschen Landen und der ganzen Ostmark, wo sich her Zerreibungsprozeß der jüdischen Bevölkerung auch im letzten Jahre unaufhaltsam fortsetzte, harren unsere Glaubensgenossen noch immer vergeblich aus die gleiche Förderung ihrer unhaltbaren wirt- . schastlichen Position, wie sie den anderen deutschen Bevölkerungsschichten zuteil wird. Man sieht mit verschränkten Armen zu, wie diesen für das Deutschtum wertvollen Elementen die Quellen und Wurzeln ihrer wahrlich schweren Existenz entzogen werden und zeiht sie dann noch des Mangels an „Bodenständigkeit". Welch ein anderes Bild, wenn der rückschauende Blick auf die Regungen und Manifestationen des innerjüdischen Lebens in der Spanne des eben verflossenen Jahres gelenkt wird. Da darf Stolz und Freude unser Herz erfüllen trotz des lebhaften Widerstreits der religiösen Richtungen und. der schärferen Parteigruppierungen, die ein Charakteristikum der Entwicklung des letzten Jahres sind. Die liberale Richtung hat die Existenzberechtigung der konservativen und orthodoxen Richtung niemals bestritten, niemals das Dogma der „Souveränität ihres Judentums" aufgestellt. Sie will aber Raum und Platz halten für jene große Majorität der deutschen Juden, die an das Dogma der Souveränität des orthodoxen und konservativen Judentums nicht glaubt und doch den Willen zum Judentum und ein gutjüdisches Herz im Busen trägt. Betrachtet man — nicht von der Zinne der Partei, sondern vom allgemeinjüdischen Gesichtspunkt — die Organisierungsfortschritte der einzelnen Richtungen, die im letzten Jahre zu verzeichnen sind, so wird man in allen diesen Organisierungsbestrebungen nur den erfreulichen Niederschlag lebhaften jüdisch-religiösen Interesses erblicken dürfen. Das letzte und obersteZiel des loyalen Wettstreites kann nur sein, demJudentum zu dienen und der jüdischen Gemeinschaft alle ihre Kräfte zu erhalten. Daß der „Liberalen Vereinigung" in diesem Sinne eine Hauptaufgabe zufällt, um deren Lösung sie redlich bemüht ist, sollte auch von denen anerkannt werden, die, statt ihre Begründung verständnisvoll zu würdigen, das eigene Partei-Interesse voranstellen und es dem Interesse des Gesamtjudentums überordnen. Aber die rührige Arbeit der religiösen Partei-Organisationen ist nicht das einzige Zeichen des lebhafteren Pulsschlages jüdischen Lebens gewesen. Unsere großen Schutz- und Trutzorganisationen, die wir uns, durch die Not der Zeit dazu gezwungen, geschaffen haben, der „Verband der deutschen Juden" und der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" haben eine segensreiche und umfassende Tätigkeit auch im verflossenen Jahre entfaltet. Der Verbandstag in Breslau brachte uns eine eindrucksvolle Demonstration zugunsten der bedrängten Glaubensgenossen in der Ostmark und eine glänzende Apologetik des Judentums, die in ihrem freien Bekenntniswert durch den bekannten peinlichen Zwischenfall nicht herabgemindert werden kann. Der Zentralverein, der neben einer Fülle wichtiger Abwehr-Kleinarbeit, gemeinsam mit dem Verband der deutschen Juden unermüdlich, gegen die Zurücksetzung der Staatsbürger jüdischen Glaubens beim Militär seine Kräfte einsetzte, hat sich durch die von ihm im Blüthner-Saal zu Berlin veranstaltete imposante Kundgebung gegen die Judentaufen ein besonderes Verdienst erworben. Der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund", dessen zahlreiche sozialjüdische Institutionen in der erfreulichsten Entwicklung auch im verflossenen Jahre begriffen waren, hat die Zahl der ihm angeschlossenen Gemeinden weiter vermehrt und ein bedeutsames Sozialwerk, das die deutscheJudenheit seit fast vierzig Jahren beschäftigt, zu einem ersten, hoffentlich glücklichen Abschluß in der Begründung der „Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmensürsorge" gebracht. Die Nutzbarmachung der Bestimmungen des neuen preußischen Volksschulgesetzes für das jüdische Religionsschulwesen und dessen Förderung im allgemeinen bildete, ebenso wie das fortgesetzte Bestreben, eine staatliche Gesamtorganisation des jüdischen Gemeindewesens in Preußen zu. schaffen, einen weiteren Teil der segensreichen Arbeit des Gemeindebundes, der anregend und befruchtend aus das blühende Und rege Gemeindeleben in allen Gauen Unseres Vaterlandes einwirkte. Der von den wärmsten Sympathien aller Glaubensgenossen getragene „Hilfsverein der Deutschen Juden", dessen Mtgliederzahl jetzt die 20 000 längst überschritten Hat, war auch im verflossenen Jahr eine Quelle des Segens für zahllose unserer unglücklichen Glaubensbrüder in den Unkulturländern. Die mitleidslosen, rigorosen Ausweisungen russischer Juden aus einer ganzen Anzahl von Städten außerhalb des Ansiedlungs-- rayons stellten an die humanitäre Arbeit des Hilfsvereins sehr erhebliche Ansprüche. Noch jetzt machen sich die Folgen