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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-30 · Heft 39 (30.9.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 30. September 1910 74. Jahrgang. Nr. 39 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags» Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen ffv Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung de, Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 4«/4S, zu richten. Verlag von Rndolf Moste, Berlin. Tcut der Erinnerung. — Die Woche. — Josef Kainz und iJlltJWl*.* das Judentum. — Der Doppelsinn des Lebens. Von Rabbiner Dr. Samuel-Essen. — Ist das alles? Von Goldmann-QpPeln. — Feuilleton: Reb Joffes. Erinnerungen aus einer untergehenden Kehillah. Von Gotthard Deutsch. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Allenstein, Posen, Hamburg, Schwerin i. M., Köln, Bingen, Straff-, bürg, Wien. — Von Nah und Fern. Tsg der Lrinnerung. eben ist Kampf. Das Leben des einzelnen, wie der Gemeinschaften und Völker. Keinem ist dieses vulgäre Philosophem schärfer durch die Geschichte eingeprägt als den Juden. In der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Die Morgenröte der neuen Zeit, die nur den Glaubensgenossen einzelner erleuchteter Länder den Tag der völligen Gleichstellung aller Staatsbürger ohneUnterschied des Glaubensbekenntnisses heraufgesührt hat, vermochte die Juden anderer Länder noch immer nicht von der Notwendigkeit des besonderen, nur aus der Zugehörigkeit zum Judentum resultierenden Kampfes zu befreien. In der sinnenden Rückschau am Tage der Jahreswende, dem „Tag der Erinnerung", muß daher der Blick über die Erinnerung und läuternde Einkehr in die eigenen persönlichen Handlungen und Geschehnisse zugleich hinüberschweifen auf unsere religiöse Gemeinschaft und deren Streben und Ergehen in der Zeitspanne des verflossenen Jahres. Ueber dem staatsbürgerlichen Leben der deutschen Juden lagerten in dem nun beendeten Jahre noch immer die dunkeln Schatten, die zu verscheuchen wir uns seit drei Jahrzehnten vergeblich'mühten. Der im letzten Jahre eingetretene Kanzlerwechsel wie das im Anschluß daran erfolgte Revierement in den preußischen und Reichsminifterien, darunter die für uns wichtigen Ministerien des Innern und des Reichsjustizamts haben in der Stellung der Regierung zu unseren staatsbürgerlichen Gleichstellungsforderungen keine Aenderung herbeigeführt. Das System prinzipieller Fernhaltung auch der bestqualifizierten Anwärter jüdischen Bekenntnisses von leitenden Stellungeft tni Staats- und Verwaltungsdienst, von den ordentlichen Professuren unserer Hochschulen, von den Direktions¬ und selbst Lehrstellen der staatlichen Unterrichtsanstalten blieb der ruhende Pol in der Flucht der Erscheinungen der neuen Personen. Der Geist und der Wortlaut der Verfassung, der uns als unser Recht zu fordern gebietet, was man den Deserteuren unseres Glaubens bereitwilligst gewährt, versagt seine sieghafte Kraft, wenn der Staatsbürger jüdischen Bekenntnisses nicht den geforderten Preis desGlaubensbekennisses zahlt. Gewiß ist dem neuen ReichskanzlerHerrn v. Bethmann Hollweg engherzige Judengegnerschaft ebenso fremd wie seinem Vorgänger, dem Fürsten Bülow. Aber die bisherige kurze Zeit seiner Amtsführung hat zu unserem schmerzlichen Bedauern auch keine Spuren finden lassen, die darauf hätten hindeuten können, daß' er unseren gerechten Forderungen freundlicher gegenüberstehe als. seine Vorgänger. Gewiß soll dankbar anerkannt sein, daß wenigstens in einem Falle, und zwar im Ressort des Reichs- Justizamts, die Ernennung eines hervorragenden jüdischen Juristen zum Landgerichtsdirektor zu verzeichnen ist, und wir nun in ganz Deutschland wenigstens zwei Landgerichtsdirektoren, in Hamburg und Straßburg, zu verzeichnen haben, die zu diesen Stellungen befördert wurden, ohne daß sie deshalb ihre Zugehörigkeit zu unserer Glaubensgemeinschaft aufzugeben brauchten. Dagegen brachte uns. die Ersetzung , des Herrn v. Einem durch den neuen Kriegsministers v. Heeringen einen offensichtlichen Rückschritt in unserem Rechtskampf um die Zulassung jüdischer Militäraspiranten zum Reserve-Offizierkorps. Am 10. Februar d. I. fiel die verletzende und kränkende Aeußerung des jetzigen Kriegsministers von dem Mangel der „achtunggebietenden Persönlichkeit" bei den meisten jüdischen Reserve-Aspiranten, erfolgte der betrübende Versuch, die tätsächlich vollkommene Ausschließung der Juden vom Reserve-Ofizierkorps zu beschönigen und zu „erklären". Die Hoffnungen, die man an die unter v. Einem ergangene Kabinettsorder knüpfte, daß aus das Glaubensbekenntnis bei der Wahl zum Reserve-Offizier unter keinen Umständen Rücksicht zu nehmen sei, haben sich nicht erfüllt. Im Gegensatz zum obersten Kriegsherrn, dem Kaiser, der eine ganze Anzahl achtunggebietender jüdischer Persönlichkeiten seines persönlichen Umganges würdigt, der noch erst in den letzten Tagen anläßlich der Einweihungsfeier der kaiserlichen Pfalz in Posen eine stattliche Anzahl unserer Glaubensgenossen jener Provinz zur kaiserlichen Tafel zuzog und sich mit ihnen unterhielt, halten sich die preußischen Offizierkorps nach wie vor „judenrein". Und schon mußten wir im letzten Jahre sehen, wie diese preußische Gedankenwelt und Argumentationsmethode „moralische Eroberungen" auch in Süddeutschland, bei den bayerischen Kollegen, machte. Einstweilen zwar ist das bayerische Heereskontingent noch immer das einzige in Deutschland, das auch hier und da einen jüdischen Reserve-Offizier, ja sogar einen aktiv en . jüdischen Militär in Offiziersrang ausweist. Aber das böse Wort, des Herrn v. Heeringen hat doch auch in Bayern schon ein verständnisvolles Echo im Parlament gefunden. Hierein Bayern war es auch, wo der Stellvertreter des Kultusministers v. Wehn er das ehrliche Bekenntnis ablegte: „Das Recht ist nur Theorie" und erläuternd hinzufügte „Auch die Juden haben ja das gleiche Recht, aber wir stellen

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