Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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N^dMyMMMRMWHNANWßW'MWkWMWUWNDDK IgÜlLLegg^ Leb Jollrk. Erinnerungen aus einer untergehenden Kehillah. Von Gotthard Deutsch. I. - ^eine Nikolsburger Freunde, falls ich deren noch nach 34jähriger Abwesenheit haben sollte, dürften an dem Untertitel Anstoß nehmen. Darum will ich vor allem die Erklärung abgeben, daß ich gern glaube, daß eine Stadt von 8000 Einwohnern immer eine jüdische Gemeinde haben wird, aber es wird damit gehen, wie es einmal ein Maggid (Prediger) in Prag dargestellt haben soll. Der Maggid, nach dem Usus seines Standes übertreibend, beklagte den Niedergang des religiösen Lebens in der alten jüdischen Metropole, die sicherlich damals unter ihren Mitgliedern hundert gelehrte Talmudisten zählte, deren zahlreiche Synagogen täglich dreimal Gottesdienst abhielten, und deren Dutzende von „Obenros" für die wohltätigen Bedürfnisse des Ghetto, sür Minjan in Trauerhäusern, für einen Gevatter bei armen Leuten, für frische Hühner bei plötzlichen Erkrankungen am Sabbat und dergleichen sorgten. Der Maggid begann: Unsere Weisen sagen : „Auf drei Dingen beruht die Welt: Auf Thora, auf Gottesdienst und auf Wohltätigkeit. Wie aber steht Prag, wokeine von diesen drei Bedingungen zutrifft? Das will ich Euch sagen. Nehmt z. B. ein „Reindl" (österreichisches Dialektwort sür Dreifuß, vermutlich von dem älteren deutschen „Rundel" aus dem Französischen „kvnäel"). Man bricht einen Fuß ab, es fällt; man bricht einen zweiten Fuß ab, es fällt wieder; man bricht alle drei Füße ab, dann steht es, aber „ka Reindl is es nix mehr". So steht Prag. „Stehen steht es, aber ka Kille is es nix mehr." Mit diesem Gedanken müssen sich meine lieber: Nikolsburger befreunden. Eine jüdische Gemeinde wird das Städtchen wohl noch immer haben, aber eine Metropole, wie es bis vor 6O Jahren war, wird sie nie mehr werden. Mit Rabbi Joseph Knöpfmacher, dem „Dajan Reb Joffes", der am 30. September 1909, dem ersten Sukkoth-Tage, im Älter von 94 Jahren die fast erblindeten AugeN zum ewigen Schlafe schloß, ist der letzte Zeuge der „geschwundenen Pracht" dahingegangen. Sein Heimgang ruft in uns das Pathos einer entschwundenen Kulturepoche wach. Auf der Weltausstellung in Chicago im Jahre 1893 sah man eine Bronzegruppe, die einen jungen Indianer darstellte, der verträumt mit dem Bogen in der Hand an einen soeben erlegten Büffel lehnt. Die Poesie des Indianers, der durch die endlosen Prärien streift und aus den nach Millionen zählenden Büffelherden mit nie fehlendem Pfeil seine Beute erlegt, ist dahin. Eisenbahnen, ackerbautreibende Ansiedler und Fabrikschlote haben Büffel und Indianer verscheucht; es war eine geschichtliche Notwendigkeit, aber wir können doch an diese tragische Notwendigkeit nicht ohne ein Gefühl des Bedauerns denken. So geht es mit der alten Kehilla. Nikolsburg ist ein besonders ergreifender Typus. Prag, Frankfurt, Altona und Fürth sind doch noch immer Großstädte mit bedeutenden jüdischen Gemeinden geblieben, aber Nikolsburg ist das Jchabod der jüdischen Geschichte Westeuropas. Um 1750 wollte noch Jonathan Eybeschütz den Rabbinatssitz von Metz mit dem von Nikolsburg vertauschen (Graetz: Geschichte Band X, S. 499, 3. Auflage und gegenüber orthodoxer Tendenzmacherei, welche Graetz der Fälschung be¬ Brand geriet für ünnötig erweck sein Haus schuldigte, ^Allgemeine Zeitung des Judentums'- 1904, S-. 31), und etwa 40 Jahre vörher vertauschte wirklich - Gabriel Eskeles das Rabbinat von Metz mit dem von Nikolsburg, wobei allerdings mehr Familienals Aväncementsrücksichten maßgebend waren. Der im Jahre 1765 verstorbene braunschweigische Hosjude Alexander David setzte für die ' Gelehrten Nikolsbürgs Neben denen von Halberstadt und Frankfurt a. M. ein Legat aus. Die letzte Blüte erlebte Nikolsburg unter der langen Ämtswirksamkeit Mordechai Benets, oder, wie er mit dem offiziellen Namen hieß, Marcus Benedikt, der nach fast vierzigjähriger Tätigkeit am 12. August 1829 in Karlsbad starb.. Der Rabbi Reb Mordche, wie ihn die Ehrfurcht des Ghetto noch zu meiner Zeit' nannte, war von der Verehrung der Zeitgenossen zum Wundertäter gestempelt worden. Noch zu meiner Zeit erzählte man; daß er ein Haus gesegnet habe, daß es nie vorn Feuer verzehrt werden solle. "ES gehörte einem Christen, dessen Vorfahr sich geweigert hatte, an seinem an der Grenze der Judengasse gelegenen Hause eine Erubstange anbringen zu lassen. Der Rabbi ließ ihn kommen und versprach ihm für seine Nachgiebigkeit den Feuersegen. Das Versprechen wirkte, und ich war selbst Zeuge, als an einem Freitag nachmittag ein ’ anstoßendes Gebäude in und der Besitzer des gesegneten Hauses es klärte, sein Vieh aus dem Stalle zu führen, durch den Segen des Rabbi geschützt sei. Es ist überflüssig, ' hinzuzufügen, daß das Haus von dem Brande verschont blieb, und der Nikolsburger Dajan, Reb Mosche Loeb Kohn (gestorben am 9. Mai 1890), berichtete zu ewigen: Gedächtnis diesen „Beweis des Geistes und der Kraft" im Hamaggid. Ein anderes Wunder, für das ich nur mündliche Tradition ' anführen kann, ist eine göttliche Strafe, die der Heilige über ein widerspenstiges Gemeindemitglied verhängte. In einem Prozesse zwischen zwei Nachbarn über einen Baugrund hatte der Rabbi zuungunsten des einen entschieden. Ueber das Folgende gingen die Berichte auseinander. Nach der einen Version hätte der unterlegene Teil an das bürgerliche Gericht appelliert, was wohl nach dem Schulchan Aruch eine schwere Sünde ist, die mit dem Pranger bestraft wird (OkoLeben Nisebpat, 28, 1), aber nach dem Hofdekret vom 25. August 1783 geltendes Recht war. Nach der anderen Version hätte der Unterlegene dem Rabbi vor der Synagoge aufgelauert und ihn vor allen Leuten gröblich beschimpft, unter. anderen: ' ihn einen „Hergeloffenen" genannt, was, da es ein unverdientes Mißgeschick war, nicht in Nikolsburg geboren worden zu sein, eine schwere Ehrenkränkung ist. Alle Gewährsmänner stimmen darin überein, daß der Rabbi dem Rebellen drohte, er werde das unrechtmäßig erbaute Haus nicht mit eigenen Augen schauen, und daß der Sünder tatsächlich erblindete, ehe das Haus fertig war. Viel besser bezeugt ist ein anderes Mirakel, bei dem Rabbi Mordechai allerdings nur assistierte. Am 14. Oktober 1784 wurde in der Altschul, der Kathedralsynagoge, ein Dämon aus einem jungenManne ausgetrieben. Der Arme war das Opfer eines frechen Hausfriedensbruches geworden Der Dämon hatte ursprünglich von einem anderen jungen Manne Besitz ergriffen und ihn zu einem Raubmorde, dessen Opfer übrigens auch ein Jude war, verleitet. Seither peinigte der Dämon den Mörder, bis er auf rätselhafte Weise starb. Nach dem Tode dieses Wirtes suchte der Parasit sich einen anderen Wirt aus, fuhr in den unschuldigen Jungen, und rühmte sich, wenn das unschuldige Opfer am meisten litt, in sehr barbarischem Hebräisch seiner Tat. Endlich schaffte das Rabbinätskollegiüm Rat und trieb den Dämon nach dem Mörgengottesdiettste in'der Ältschül aus.'Glücklicherweisehatte man darin