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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-23 · Heft 38 (23.9.1910) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
Seite 453 (sequence 9)
Language
German
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daß das, waS man über jüdische Dinge schreibt, und sei es an einem noch so leicht zugänglichen Orte, jüdischen Autoren unbekannt oder von ihnen unbeachtet bleibt. Ich habe in der Biographie meines Vaters, „Nachgelassene Schriften", Bd. 5, S. 164 bis 166, den Brief Abraham Geigers an Lilienthal mitgeteilt, in dem der erstere den ihm durch letzteren übermittelten Ruf nach Riga oder Petersburg mit ausführlicher Motivierung ablehnte; in keiner der genannten Abhandlungen ist von diesen Beziehungen, die eine weite Perspektive andeuten, irgendetwas erwähnt. Leider reicht mein Material nicht aus, die Sache weiter zu verfolgen; der Brief Lilienthals, in dem gewiß manches einzelne Bedeutsame gestanden haben muß, hat sich nicht erhalten; aber den Ernst seiner auf die Reform gerichteten Bestrebungen und die Entschiedenheit, mit der die russische Regierung zu Werke gehen wollte, wird aus dieser Tatsache, Geiger nach Rußland zu berufen, ersichtlich. Der zweite 1910 erschienene Band schließt sich dem ersten würdig an. Bei derartigen Werken kommt es leicht vor, daß die Fortsetzung enttäuscht; in unserem Falle kann man nur sagen, daß die anmutige Art, in der die Verfasierin zu erzählen weiß, ebenso fesselt wie die Dinge, von denen sie berichtet. Auch der zweite Band entspricht seinem Doppeltitel vollkommen; er gibt eine treue Erzählung der Lebensereignisse der Berichterstatterin und ihrer Angehörigen und vermischt diese Auseinandersetzungen mit Darlegungen des russischjüdischen Lebens. Der vorliegende Band — jedenfalls der Schlußband des Werkes — liefert die Schilderung von den Mädchenjahren der Verfasserin bis zum Jahre 1892. Er behandelt die letzten Jahre ihres Mädchenlebens und die vielen Jahrzehnte ihrer Ehe. Ihr Gatte, der nach der in Rußland üblichen Sitte durch einen frommen Schadchen ihr verschafft wurde, war zunächst kein allgemein gebildeter, sondern nur im Jüdischen unterrichteter Mann. Die erste Begegnung beider fand nicht in der Heimat des jungen Mädchens, sondern in einem ihrem Aufenthalt nahe gelegenen Orte statt, die Hochzeit dagegen seltsamerweise am Wohnort des Bräutigams. Das junge Paar lebte zunächst im Hause der Schwiegereltern inKonotop, dann in Luben, dann in Wilna. Herr Wengeroff, der schon im Hause seines Vaters geschäftliche Unternehmungen nicht mit großem Erfolg versucht hatte, übernahm später, ähnlich wie sein Vater, eine Pacht des Branntweinmonopols, in der er aber kein sonderliches Glück hatte; geschäftliches Glück lächelte ihm auch weder in Kowno noch in Wilna. Endlich wurde er durch seinen Schwager Sack, der infolge des Krimkrieges zu großem Ansehen und Reichtum gelangt war, in eine materiell günstigere Position gebracht, hatte zunächst in Helsingfors einen Bau zu beaufsichtigen, siedelte, nachdem er einige schwere Jahre daselbst zugebracht, nach Petersburg über, bis er schließlich in Minsk als Bankdirektor eine ebenso gut dotierte wie angesehene Stellung., fand. In dieser Stellung starb er am 8. April 1892, nach einer viele Jahre glücklich geführten Ehe. Die Ereignisse dieses Ehelebens, der Kinder, die der Verbindung entstammten, find aber keineswegs die Hauptsache des lehrreichen und hocherfreulichen Buches. Die Verfasserin versteht es auch, von dem Innenleben der Menschen sehr anziehenden Bericht abzustatten. Namentlich die Entwicklung des Mannes, der aus einem streng chassidischen Gelehrten zunächst ein Schwärmer, dann ein Neologe, endlich ein tatkräftig für die Aufklärung wirkender Mann wird, mit einem gewissen/ sentimentalen Hang zu den. Richtungen und Stimmungen einer Jugendzeit ist ganz ausgezeichnet geschildert. Die Verfasserin, die viel von sich spricht, ohne durch dieses Reden jemals dem Leser lästig zu fallen/ hält sich durchaus fern von jeder eitlen Selbstbespiegelung. Sie ist jedenfalls weit gebildeter als ihre Umgebung; diese Bildung jedoch ermöglicht ihr ein liebevolles starkes Festhalten an Vorschriften und Gebräuchen der Vorzeit, so daß sie z. B. die von ihrem Manne geforderte Aufgabe der rituellen Küche als einen tiefen Schmerz empfindet und sich wenigstens als einzigen Trost die strenge Beobachtung des Passah ausbedingt und durchsetzt. Sie beklagt aufs tiefste den bei manchen Juden der jüngeren Generation so rasch erfolgten Uebergang von Glauben zu Unglauben; bei aller Feinfühligkeit und inneren Freiheit ist sie keine Anhängerin des Neuen und besitzt eine kleine Schwärmerei für alte Erziehungsanschauungen, wenn sie vielleicht auch ihre Verkehrtheiten sehr wohl erkennt. Den größten. Schmerz aber erfährt sie durch den Nihilismus des jüngeren. Geschlechts, und daß manche ihrer Verwandten, selbst einige ihrer Kinder den väterlichen Glauben verließen, erregt, ihr eine fast unerträgliche Pein. Aber das Mutterherz überwindet auch diesen Schmerz. Schon die Darstellung aller dieser äußeren und inneren Erlebnisse würde genügen, um dem Buche einen ganz ungewöhnlichen Reiz zu geben, er wird aber noch gesteigert durch die vielfachen Kulturschilderungen der Verhältnisse und Sitten in kleinen russischen Städten. Verlobungs- und Hochzeitsgebräuche, alle die eigentümlichen Sitten, die bei der Beschneidung des ältesten Sohnes und bei einzelnen Festen vor sich gehen, sind von außerordentlichem Interesse. Helle Streiflichter werden auf die allgemeine politische Entwicklung geworfen, sehr . viel Interessantes wird über die Art des Reifens, die Beschwerlichkeiten, aber auch die Freuden solcher Fahrten berichtet. Die Zeit des Krim-Krieges mit ihren Aufregungen und Nöten; die Epoche der Emanzipation unter Alexander II., die furchtbare Reaktion, die unter dem Nachfolger beginnt, wenn es auch gerade in Minsk nicht zu einem wirklichen Pogrom kommt — das alles wird in höchst anschaulichen Bildern vorgeführt. Kulturgeschichtlich von allerhöchstem Werte sind die, namentlich in den letzten Bogen vorkommenden Schilderungen der Begründung einer Gewerbeschule für Knaben und später für Mädchen, bei der das Wengeroffsche Ehepaar in der allerersten Reihe der Förderer steht. Gar manche liebenswürdigen Gestalten werden uns vorgeführt, Kaufleute und Rabbiner, Reiche und Arme, Familienmitglieder und Fremde. Die wunderbarste Gestalt ist die Großmutter des Ehemanns, die trotz ihres Alters und ihrer vielfachen Beschäftigung das große Haus regiert, nicht etwa nur als Oberaufseherin der Küche, sondern als eine Frau, die für die Gemeinde, ja auch für die Christen ihres Ortes als Ratgeberin und Helferin in wunderbarer Weise tätig ist, die Tag und Nacht als Aerztin ihren Rat gab, ohne jemals studiert zu haben, und die oft in den schwierigsten Fällen durch einfache Mittel, manchmal auch freilich durch verwegenste Kuren, Hilfe schaffte. Es ist unmöglich, in die Einzelheiten dieses hochinteressanten Buches einzugehen. Nur das eine soll noch hervorgehoben werden: Es ist eine wahrhafte Freude, wie die Verfasserin dieses anziehende Leben liebenswürdig und anregend schildert und wie sie nach dem vielen Schweren, das sie erfahren, nach den traurigen Wechselfällen, denen sie unterworfen war, keine Verstimmung und noch viel , weniger Verzweiflung aufkommeu läßt, sondern sich mit inniger Freude in die Vergangenheit versenkt und voll heiteren Vertrauens, auch der Zukunft, entgegensieht. ... . L. G.

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