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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-23 · Heft 38 (23.9.1910) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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Russischen nämlich muß zugleich die-Annäherung an die in jener Sprache geschriebenen Werke erwecken und dadurch die ausschließliche Herrschaft des Hebräischen erschüttern. Die Ablegung besonderer Tracht, die Notwendigkeitden Landesgenossen in der äußeren Erscheinung zu gleichen, muß dazu führen, die starre Trennung von den Andersgläubigen zu beseitigen, und dadurch eine Berührung mit Menschen wesentlich veränderter geistiger Anschauung vorbereiten, die nicht wirkungslos für Anschauung und Betragen bleiben kann; die Hinneigung zur Naturwissenschaft, die Lektüre allgemeiner philosophischer Schriften, in welcher Sprache sie auch dem Durstigen nahegebracht werden, muß, ohne irgendwie ihren Glauben zu vernichten, sie zum Selbstdenken veranlassen und das Ueberflüssige, ja Unsinnige mancher Gebräuche lehren. Die Wirkung solch neuer Gesetze, wodurch' die Annahme europäischer Tracht und das Erlernen der russischen Sprache gefordert wurden, schildert die Verfasserin mit gutem Humor. Zwei Szenen, die eine, wie ihr Bruder den Don Carlos liest und bei der Lektüre von der Mutter überrascht wird, die noch völlig am Alten hängt, und eine andere, wie derselbe mit rührendem Eifer, freilich mit der ganzen Ungeschicklichkeit eines Autodidakten, naturwissenschaftliche Beobachtungen macht und die ersten kleinen Experimente durchzuführen sucht, sind in ihrer Naivität geradezu köstlich. Wenn man bei.der Lektüre solcher Szenen lächelt, so ist dies in keiner Weise eine Aeußerung des Hohns, ja kaum einmal des Mitleids, sondern der freundlichen Teilnahme an Kulturbestrebungen, die, wenn sie auch etwas Tölpisches an sich haben mögen, unendlich rührend genannt werden müssen. Unter den Episoden des Buches die merkwürdigste ist wohl die, wie im Aufträge des russischen Aufklärungsministeriums ein Doktor Lilienthal, Prediger in Riga, nach Brest und vielen anderen Städten Rußlands kam, um eben im Austrage des Ministers die Annahme russischer Tracht zu erreichen- und die Juden zur Erlernung der russischen Sprache zu über-' reden. Denn es handelt sich nicht etwa nur um eine Ueberbringung ministerieller Befehle, die ebensogutvielleicht sogar wirksamer durch die offiziellen Behörden hätten ausgerichtet werden können, sondern um gelehrte Disputationenum Reden des für Aufklärung begeisterten Mannes, der dünn zugleich' bereit war, Gegenreden anzuhören und ihnen gleich seine Widerlegung folgen zu lassen. Die Schilderungen solcher gelehrten Turniere und des nur halben Erfolgs, der von dem Emissär erreicht wird, ist von allergrößtem Interesse. Um nun aber dieser Besprechung ein gelehrtes Mäntelchen umzuhängen, sei folgende Ausführung gestattet: Bei der Erwähnung des Namens Lilienthal kann man nur die alte Klage wiederholen, wie wenig über jüdische Geschichte gearbeitet wird, und wie stiefmütterlich gerade die» interessantesten Perioden und die bedeutendsten Männer behandelt werden. Es ist erstaunlich, ja geradezu betrübend, daß dieser Max Lilienthal, ein Bayer, der durch Ludwig Philipsohn nach Riga empfohlen wurde und als Aufklärungskommissar eine eifrige Tätigkeit entwickelte, der doch gewiß eine Monographie verdient hätte, noch nie und nirgends eine solche gefunden hat. Er ging später nach Amerika, wurde Rabbiner in Cincinnati, infolgedessen lvird dieser letzteren Tätigkeit gelegentlich gedacht/) aber über seine Mission in Rußland wissen wir *) The Jewish Encyclopädia VIII. S. 86 ff. behandelt im wesentchen die amerikanische Tätigkeit. - lange nicht genug/) Denn bisher ist nur einer seiner Berichte gedruckt worden, der zwar sehr Interessantes über Wilna berichtet, aber doch noch manches unaufgeklärt läßt. Vielleicht hat ein Nachkomme Lilienthals oder einer der amerikanischen jüdischen Gelehrten die Möglichkeit, aus dem Nachlaß des genannten Mannes Material zu finden. Eine der wichtigsten Fragen, die sich ergeben, ist nämlich die, wann fanden überhaupt diese Reisen in Rußland und die Bemühungen für die Aufklärung statt? Philipsohn sagt in seiner Einleitung zu den in Anmerkung x) erwähnten Briefen, er habe Lilienthal 1842. nach Riga empfohlen. Das muß jedoch ein Irrtum sein, denn Lilienthal spricht selbst davon (Nr.- 33' der letzterwähnten Zeitschrift), daß er schon Ende 1841, nach längerem Aufenthalt in Riga von dem Minister den Auftrag erhalten habe, Rußland zu bereisen. Diese Reise wird nun, wie schon in der Anmerkung angedentet, in den bisher vorliegenden Briefen Lilienthals verhältnismäßig kurz abgefertigt.' Aber gerade sein Aufenthalt in Wilna, von dem auch Frau Wengeroff erzählt, wird von ihm behandelt. Vergleicht man nun die Schilderung unseres Buches mit den authentischen Berichten des Sendlings der russischen Regierung, so ist man geradezu überrascht von der Treue in den Berichten der Memoirenschreiberin. Selbst eine kleine, anscheinend gleichgültige Bemerkung der letzteren, Litienthal sei über die Schönheit der Männer höchst erstaunt gewesen, findet sich schon in den Briefen des genannten Mannes. Es würde von außerordentlichem kulturhistorischem Werte sein, wenn sich im Nachlässe dieses Reformers weitere Berichte fänden über seine Reisen und deren Resultate, über seine weiteren Pläne und über die speziellen Gründe, welche ihn zu seinem Aüfgeben der russischen Stellung veranlaßt hätten. Zu den Plänen, die Lilienthal erwog, gehört nämlich auch der, meinen Vater, Abraham Geiger, nach Rußland zu berufen. Das ist nicht etwa ein Novum, das ich jetzt berichte, sondern die Sache ist vor 30 Jahren von mir zuerst veröffentlicht worden. Aber es ist ja eine allgemein bekannte Tatsache, y Die folgenden bibliograp hischen Verweise verdanke ich der großen Gefälligkeit des Herrn Dr. M. Stern: Kayserling, Gedenkblätter,- Leipzig 1892, S. 50 ff., ist höchst dürftig. Ehrlich, Entwicklungsgeschichte der israelitischen Gemeindeschule zu Riga; St. Petersburg 1894, S.-10, geht fast nur auf das Wirken Lilienthals in der livländischen Hauptstadt ein. Gute Notizen finden sich bei Leo Scheinhaus: Zur Geschichte der russischen Juden im 19. Jahrhundert, Berlin 1901, S. 27 fg., S. 30 ff. Der letztere weist auf die Quellen hin, namentlich auf Lilienthals Briefe über seine Mission aus der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" 1842. Wichtig sind ferner andere Notizen, auf die mich Stern aufmerksam macht. „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1848, S. 11, 310 fg. besonders 'aber das von L. Philipsohn herausgegebene „jüdische Volks» blatt" 1856, Nr. 28, 29, 31. 33,-36, 39, 42. Dort wird aus einer (amerikanischen?) Zeitschrift „Th« Israelite“, ein ausführlicher Aufsatz des genannten Lilieythal „Meine Reise in Rußland" gebracht. Die ersten dieser Briefe müssen nach einer redaktionellen Notiz im Hauptblatt . der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" desselben Jahrgangs gestanden haben. Leiderhandeln diese authentischen Zeugnisse des Reformators, soweit sie mir zugänglich sind, weniger über die große Aufklärungsmission des Genannten, als über die Juden in Rußland im allgemeinen, ferner über die Schule in Riga und über das Verhältnis des'Berichterstatters zu den Chassidim. Ein Artikel über Wilna, der auch stoch im Text zu erwähnen ist, ist von besonderer Wichtigkeit. — Vergleiche über Lilienthal die interessanten Notizen in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" 1909, S. 32. Freilich wird hier für unsere Zwecke nichts Authentisches mitgeteilt, wohl aber finden sich einzelne sehr merkwürdige Berichte über seine äußerst reformistische Gesinnung.

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