Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ist alles beschlössen, was Georg Herrmann uns geben kann und weiter geben wird." Wie falsch dieses Urteil ist, haben die beiden' seitdem erschienenen jüdischen Romane gezeigt. Einem Manne der die Vierzig noch nicht erreicht, soll und kann man kein Prvgnostikon stellen; man kann nur wünschendaß seine späteren Werke an Gehalt, Poesie und Humor den früheren nicht nur gleichkommen, sondern sie übertreffen. ' . ■ . »ÄM Memoiren von Ksuünr Wengrrokk? rwartet man unter Memoiren lebensvolle Schilderungen wechselreicher Schicksale, so dürste man nach der Lektüre dieses Buches enttäuscht sein; faßt man aber, wie der Nebentitel schon lehrt, das Ganze als eine Kulturschilderung auf. so wird man reichlich belohnt. Die Verfasserin ist keine- Schriftstellerin von Beruf. Blendet also nicht durch literarische Kunstgriffe, aber sie fesselt und ergreift durch ihre Schlichtheit, Naivität ihres Tones und durch die Biederkeit ihrer Erzählungsweise, der man die unverfälschte Wahrhaftigkeit anmerkt. Sie weiß so wenig zu komponieren, daß sie manche Dinge mehrmals berichtet, daß sie, um mit einem starken Effekt 311 schließen, als letztes Kapitel des ersten Bandes eine ausführliche Darlegung der Trachten für Männer und Frauen gibt, die zwar kulturhistorisch äußerst wichtig, doch einigermaßen ermüdet, weil man am Ende eine Fortsetzung, ja einen gewissen Abschluß der Erzählung vermutet und wünscht. Sie ist mit den Anforderungen, die man an eine Herausgeberin stellt, so wenig vertraut, daß sie z. B. dieselben Ausdrücke zu wiederholten Malen erklärt. Aber was sie gibt, ist so interessant, daß man über kleine Fehler und Unebenheiten gern hinwegsieht, und es ist alles, ohne daß irgendwie schriftstellerische Kunst hervortritt, so geschickt zusammengestellt und dargelegt, daß es jeden, auch den, der nicht , die geringsten Spezialkenntniffe besitzt, Juden und Christen, gleichmäßig anzuregen geeignet ist. Hört man die Worte „Kulturgeschichte der Juden Rußlands im 19. Jahrhundert", so wird mau leicht zu der Meinung verführt, von schrecklichen Gewalttaten und entsetzlicher Unkultur zu erfahren. Beides ist nicht der Fall. Der Zeitraum, von dem. die Verfasserin berichtet: die dreißiger und vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts waren im Vergleich zu später paradiesische Zeiten für die Juden, in denen blutige Verfolgungen gar nicht vorkamen und das Fehlen westeuropäischer. Bildung gemildert, man möchte fast sagen, verklärt wurde durch herzerquickende Frömmigkeit und eine Pauline Wengerosf. Memoiren einer Großmutter. Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Rußlands im 19. Jahrhundert. Band 1 mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles. Berlin, Verlag von M. Poppelauer. 1908. Bd. 2. 1910. damit im Zusammenhänge stehende oder eine dadurch bedingte eifrige Lektüre, ja ein intensives Studium des jüdischen Schrifttums. Freilich muß man bedenken: die Verfasserin kennt eigentlich (oder schildert wenigstens) nur das Leben der oberen' Klassen; das Leben der unteren Tausende berührt sie kaum, außer etwa in der Weise, wie. eine Wohlhabende, die nicht ohne Mitgefühl zu berichten weiß, daß die Armut durch den Wohltätigkeitsdrang der Reicheren gemildert wurde. Denn sie selbst gehört in der Epoche, der ihre Beschreibung gilt, zu den Reichen und Vornehmen; ihr Vater ist ein ebenso angesehener, wie vermögender und gelehrter Mann, und erst der Befehl in Brest — denn dort wohnte die Schriftstellerin in ihrer Jugend — das Judenqnartier zu räumen, weil dieses wie die alte Stadt überhaupt zu einer Festung umgewandelt werden soll, lehrt ihre Eltern, wenn auch nicht eben die Not, so doch bescheidenere Verhältnisse kennen. Gerade die letzterwähnte Schilderung, die Räumung des Judenquartiers, ist außerordentlich ergreifend und für den Kulturhistoriker ungemein interessant. Namentlich die Entleerung des alten Friedhofes und die Umquartierung der alten Gebeine. Ein Dichter hätte daraus mit Virtuosität und Kunst ein grauses Nachtgemülde gestaltet, ein Eiferer flackernde Zornesflammen aussprühen lassen — die Greisin (denn das ist die Erzählerin) berichtet ans treuem Gedächtnis diese schaurige Geschichte ohne Sentimentalität und ohne Haß, kunstlos und . darum doch nicht unkünstlerisch, denn gerade durch diese naive Berichterstattung wirkt das Grauenvolle um so mächtiger und erscheint wie eine zwar unblutige, aber entsetzensreiche Tragödie. Was aber die Lektüre des merkwürdigen Buches ganz besonders erquicklich macht, das ist der bei einer Frau verhältnismäßig seltene freie Sinn. Im allgemeinen neigen ja Frauen, insbesonder e jüdische, zu einer romantischen Erklärung des Abgelebten, sie sind, weil sie die Erinnerung treu wahren, leicht geneigt, sie mit poetischem Schimmer zu umkleiden. Gerade weil sie ans Haus gefesselt, die Gewohnheiten ihres Hauses für notwendig und unabänderlich halten, sind sie naturgemäß Freundinnen und Verteidigerinnen des Alten. Frau Wengeroff dagegen ist eine Kulturfreundin. Das will nicht besagen, daß sie das Alte, sowohl die Wahrung der hebräischen Sprache und das eifrige Festhalten an dem Talmudstudium oder die strenge Einhaltung des Zeremonialgesetzes, verwirft, vielmehr enthält ihr reiches Buch immer und immer wieder Belobigungen der Männer, die die Lehre hüten, und Beschreibungen der Feste, der täglichen religiösen Uebungen des Freitags Abend, der Festvorbereitung und Ausgestaltung das Wort „Kulturfreundin" heißtlin diesem Zusammenhangvielmehr so viel, daß die Verfasserin die Heilighaltung des. Alten für wohl vereinbar erklärt mit der Einführung des Neuen, d. h. mit dem Eindringen europäischer Kultur. Daraus ergibt sich ganz von selbst etwas Liberales: das Studium des Georg Herrmanir. JW