Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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wie in Oberschlesien vorliegen. Die Anträge Oberschlesiens hatte übrigens Herr S. Wiener-Kattowitz sehr eingehend und überzeugend begründet. Ueber die Verhandlungen mit Frankfurt a. M. berichtete sodann Herr Professor Philipp so n. Herr Picard, der Vorsitzende des „Israelitischen Hilfsvereins"' in Frankfurt a. M. hat mit Herrn Professor Philippson eine persönliche Rücksprache gehabt, und wenn Frankfurt auch gewisse Forderungen gestellt hat, ist man dort doch im Prinzip geneigt, rnitzuaibeiten. Allseitig wurde betont, daß man auf den Anschluß Frankfurts a. M. großes Gewicht lege. An der Debatte beteiligten sich die Herren Seckbach, Weil» Magdeburg, Rabbiner Dr. Vogelstein, Herr Wolss-Thorn, Eschwege-Hannover. James Simon u. a. Es wurde schließlich beschlossen, daß der Vorsitzende beauftragt werde, die Verhandlungen mit Frankfurt fortzuführen. Herr Paul Laskar-Hamburg gab einige erläuternde Daten über die Aufwendungen für Armenzwecke in Hamburg und den allgemeinen Stand der Sache daselbst. Die Gemeinden in Mecklenburg und Holstein zeigten wenig Geneigtheit, der Provinzialkasse Hamburg beizutreten. Altona hat sich definitiv geweigert. Hamburg selbst schließe sich selbstverständlich der Zentralkasse an. Zu Punkt 4, der Frage der Grenzbureaus, gibt Herr James Simon die Erklärung ab. daß in der soeben stattgefundenen Sitzung der Vertreter der Grenzbureaus sich diese einstimmig bereit erklärt haben, sich in den Dienst der neuen Organisation zu stellen. Die Grenzbureaus werden danach nach wie vor vom Hilfsverein ressortieren. und die Zentralstelle wird ihre Instruktionen an die Vertrauensmänner der Grenzbureaus in der Regel durch den Hilfsverein erteilen lassen. In dringenden Fällen allerdings soll ein direkter Verkehr zwischen Zentralstelle und Grenzbureaus stattfinden. Herr Rabbiner Dr. Vogelstein-Königsberg beantragt daß über die bestehenden Grenzbnreaus hinaus auf Antrag der Provinzialkassen auch neue errichtet werden sollen. Es wird dementsprechend ein Antrag Dr. Königsberger angenommen, der läutet: „Die Provinzialkassen werden aufgefordert, die noch erforderlichen Grenzbureaus einzurichten und der Zentrale davon Mitteilung zu machen." Herr Chaim-Köln teilt mit. daß Holland, Belgien und Frankreich sich der deutschen Zentralstelle in gewissem Sinne anschließen wollen. Es soll demnächst in Köln eine Versammlung stättfinden. zu der Professor Philippson sein Erscheinen zugesagt hat, um die Modalitäten zu vereinbaren, unter denen die drei genannten Staaten in die Organisation einzuschließen sind. Der Punkt 5 betraf gewisse Grenzregulierungen zwischen einzelnen Provinzialkassen. Es wurde beschlossen, und zwar Nach längerer Debatte, diese Festsetzung dem Vor stände der Zentralstelle mit bindender Entscheidung zu überlassen. Eine längere Debatte rief schließlich die Frage der Errichtung von Arbeitsnachweisen und Arbeitsstätten hervor. Aus der Debatte ergab sich, daß die Verhältnisse sehr verschiedenartig liegen. Im größten Teile von Posen z. B. sei es unmöglich, jüdische ausländische Arbeiter auch nur auf einen Tag zu beschäftigen, da sie sofort ausgewiesen würden. Anderswo, selbst im Osten sind die Behörden entgegenkommender. Sehr interessant war die Mitteilung des Herrn S. Wiener-Kattowitz, wonach in den oberschlesischen Bergwerken mit Genehmigung der Regierung zurzeit bereits 100 jüdische Arbeiter aus dem Auslände beschäftigt würden und Aussicht vorhanden sei, daß dort noch mehr untergebracht werden können. Sodann wurde ein Antrag Dr. Gins b erg angenommen, wonach die Zentralstelle (als juristische Person) dem „Allgemeinen Verband der Arbeitsnachweisstellen" als Mitglied beitritt. Zum Schluß wurde der Wunsch ausgesprochen, die sogenannten schwarzen Listen neu zu bearbeiten, wobei Herr Laskar-Hamburg zur äußersten Vorsicht mahnte, da in den früheren Fürther Listen „große Sünden" vorgekommen wären. Dann wurde die Sitzung.' die von vormittags 10 Uhr bis nachmittags 4 Uhr gewährt hatte, unter den üblichen Dankesworten geschlossen. Georg tzrrrmsnn. Mann, dessen Bild wir heute' unseren.Lesern' vor-' führen, ist den Lesern dieser Zeitung kein'Unbekannter. Ich habe in früheren Jahrgängen dies es ' Blattes . in zwei großen Artikeln von den beiden Romanen „Jettchen Gebert" und „Henriette Jacoby" ausführlich berichtet, und habe wohl nicht nötig, noch einmal auf diese Werke zurückzukommen. Nur das eine sei hier konstatiertdaß sie. einen selbst für unsere kauffreudige Zeit ganz ungeahnten Erfolg gehabt haben und daß durch diese beiden ausgezeichneten Bücher die Kenntnis jüdischen Wesens und jüdischen Lebens in außerordentlich viele Kreise gedrungen ist, die bisher von solchen Dingen keine oder eine falsche Kenntnis hatten. - Nur darf sich der Leser, der ausschließlich diese beiden Bücher unseres Schriftstellers kennt, nicht etwa die Vorstellung machen, daß Herrmann allein oder auch nur vorzugsweise in seinen Erzählungen und seinen übrigen Arbeiten das jüdische Genre pflegt. Er hat seit dem Jahre 1897, da sein erstes Buch erschien, zahlreiche erzählende Werke veröffentlicht. Sie spielen zumeist in Berlin, geben aber im Gegensätze zu dem üblichen Berliner Roman keine Darstellung des Westens, sondern führen mit Vorliebe den Leser in den Norden und Nordosten, die Zentren der Arbeiterbevölkerung und entwerfen ernste und humoristische Schilderungen ihres Lebens und Treibens. In manchen dieser Erzählungen, die in den Bänden „Modelle"- „Die Zukunftsfrohen", „Aus dem letzten Hause" zusammengestelltsind, ebenso wie in dem ersten, 1897 erschienenen, aber schon 1894 bis 1895 gearbeiteten Roman „Spielkinder" spricht der Autor gelegentlich von sich und knüpft, wenn auch die Liebesabenteuer und andere Geschichten mit Hilfe der Phantasie stark verändert sind, an eigene Erlebnisse, an. Aber selbst in dem letztgenannten Roman, der eine Art von Autobiographie enthält, in der Wirklichkeit und Erfindung in seiner Weise gemischt sind, tritt das Judentum verhältismäßig selten hervor. Hier soll keine ausführliche Biographie des im rüstigsten Schaffensalter stehenden Erzählers gegeben und noch weniger ein Gesamturteil geliefert werden. Georg Hermann Borchardt, wie er mit seinem vollen Namen heißt, ist in Berlin am 7. Oktober 1871 geboren. Er entstammt einer weitverbreiteten.Berliner Familie. Sein Vater, ein wohlhabender Kaufmann, verarmte durch Häuserspekulationen, zu denen er durch einen angeblichen Freund verführt worden war und starb nach langem Leiden; infolgedessen kam die ehemals gut situierte Familie in dürftige Verhältnisse. Georg Herrmann widmete sich, nachdem er die Schule nicht völlig absolviert hatte, dem Kaufmannsstand in Deutschland und England, fand aber an dieser Beschäftigung kein' volles Behagen und ergriff, nachdem er sich privatim und auf der Universität eifrigen Studien hingegeben, den Schriftstellerberus. Er wurde Journalist und Kunstkritiker. Gerade seine Beschäftigung mit der Kunst, deren Werke er kritisierte, wurde für seine Produktion von ganz besonderer Bedeutung. Er lernte sehen und gewann durch das Anschauen moderner Kunstwerke jene Fähigkeit der plastischen Zeichnung, die wir an ihm lieben. Nach dem Erscheinen der obengenannten ersten vier Bücher schrieb ein moderner Kritiker einen Essay über unseren Schriftsteller, in dem die Worte vorkamen: „In diesen vier Büchern