Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-09-23 · Heft 38 (23.9.1910) · p. Seite 448

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
Seite 448 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228946--66831-3278989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

, Am 15. August d. I. wurde das große Hotel am Karersee ein Raub der Flammen, und.immer lauter hören-wir in der ganzen Umgegend den Ruf: »Das war eine Strafe Gottes!" Mehrere Hunderte von Fremden hielten sich zur Sommerszeit in jenem Hotel auf, unter denen eine große Anzahl dem Volke Israels entstammte. Schon länger soll (!) eine Sippe dieser Fremden (aus Juda-Pest?) gerade den 15. August, das Fest Mariä Himmelfahrt benützt haben zur Verhöhnung der Marienverehrung. Besonders arg wurde dies am 15. August 1909 getrieben, wo dieses fremde Gelichter sich erfrechte, in blasphemischer Weise eine Spottprozession zu halten auf die Himmelfahrt Marias. Es wurde nämlich eine „Dame" in Prozession um den Karersee herumgetragen, und bereits hatte diese nämliche Gesellschaft beschlossen, heuer zur Verhöhnung der Krönung Mariens eine solche Dirne am 15. August auch noch zu krönen. Aber die Langmut Gottes scheint zu Ende gewesen zu sein; es griff eine höhere Macht ein und setzte diesem empörenden Frevel selbst die Krone auf, die fürchterliche Feuerkrone, unter der am selben Feste, den 15. August 1910, das ganze Hotel am Karersee, das solche infame Lästerer in seinen Mauern barg, bis auf den Grund zusammenbrannte. Daß die Verwaltung dieses Hotels oder das Dienstpersonal über den Skandal nicht besonders informiert sei, wollen wir gern zugeben. Es erübrigt sich, über diese fraglos aä üoe erfundenen Geschichten auch nur ein Wort zu verlieren. Die Verführungen jüdischer Mädchen zur Taufe nehmen in Galizien, wie die „Oesterreichische Wochenschrift" berichtet, immer grausamere Formen an. Das Klvster der Felizianerinnen bei Krakau verschlingt die armen Opfer, und keine Macht vermag sie mehr von dort zu retten. Hier zwei Fälle aus der jüngsten Zeit, die mit ihrer Schrecklichkeit an russische Verhältnisse gemahnen: Ein jüdisches Mädchen aus Tarnopol ist eines Tages plötzlich aus dem Elternhause verschwunden. Der alte kränkliche Vater macht sich auf die Suche nach dem verschwundenen Kinde. Die Spuren führen bis nach Deutschland. Von Kattowitz nach Berlin und Charlottenburg. Ueberallhin kommt er zu spät. Seine Tochter wurde inzwischen immer anderswohin gebracht. Auf der Fahrt von Berlin nach Charlottenburg fällt der. unglückliche Vater in seiner Aufregung aus dem Eisenbahncoupe. Die Folge des Unfalles ist. daß dem armen Menschen beide Füße amputiert werden müssen. . . . Jetzt übernimmt die alte Mutter das Suchen und Forschen nach dem Kinde. Endlich erfährt sie, daß ihre Tochter auf Umwegen zu den Felizianerinnen nach Krakau gebracht wurde. Sie klopft an der Klostertür, erhält jedoch keinen Einlaß. Nur, wenn, die Polizei den Auftrag erteilt. Auf das gestempelte Gesuch um Beistellung eines Polizeiorgans erhält die Mutter die unerhörte Antwort, daß sämtliche Polizeibeamte, mehrere Tage hindurch in Anspruch genommen seien und daher erst in einigen Tagen zur Verfügung stehen können. Inzwischen wird das entführte 'Mädchen . sicherlich von Krakau weggeführt werden. Nicht minder kraß ist der zweite Fall: Ein jüdisches Mädchen aus Narol befindet sich im Kloster der Felizianerinnen. Da das Mädchen minderjährig ist, entscheidet das Bezirksgericht in Zieczanow, daß das Mädchen herausgegeben werden müsse. Auf Grund dieses Urteils verlangt der Vizepräsident der Krakauer Kultusgemeinde, Dr. Rafael Landau, der sich solcher armer Opfer stets bereitwilligst annimnit, vom Krakauer Gericht die Durchführung des Urteiles vom Zieczanower Bezirksgericht. Ganz gegen die gesetzliche Befugnis weigerte sich das Krakauer Bezirksgericht, das Urteil zu vollstrecken und sandte die Akten nach Zieczanow zurück. Inzwischen haben die Felizianerinnen natürlich von den Vorgängen erfahren und haben auch dieses unmündige jüdische Kind in ein anderes Kloster gebracht. Diese offenkundige Förderung, deren sich die Felizianerinnen bei ihrem Seelenfange seitens der Behörden und Gerichte erfreuen, hat zur'Folge, daß die Taufe der aus allen Teilen Galiziens entführten jüdischen Mädchen in Krakau vollzogen wird und daß das Krakauer Rabbinat in seinem jüngsten Monatsausweise die Taufe von vierzig jüdischen Mädchen in einem einzigen Monat zu verzeichnen hatte. - Das , ist eine schreckliche Ziffer, wenn man bedenkt, daß nicht alle Fälle in Krakau zur Anzeige, gebracht werden. Auch unser Wiener Korrespondent berichtet uns über eine Tauf- und Entsührungsgeschichte, die lebhaft an eine Novelle von Karl Emil Franzos aus „Halbasien" erinnert. Sie beschäftigte vor einigen Tagen den Kassationshof in Wien und endigte mit dem Sieg des Entführers zum tiefsten Schmerz der verzweifelten Eltern und zum aufrichtigen Bedauern aller weitblickenden Glaubensgenossen in Galizien, deren unaufhörliche Mahnung, der Erziehung der jüdischen Mädchen etwas mehr Sorgfalt zuzuwenden, leider noch immer ungehört verhallt. 7. AutzrrorLrntliche Tagung der deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürforge.. 5..Berlin, 18. September. ine aus allen Teilen des Reiches beschickte außerordentliche Versammlung der „Deutschen Zentralstelle - für jüdische Wanderarmenfürsorge" fand heute im Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes statt. Derselben wohnten unter anderem auch Herr James Simon, der Präsident des „Hilfsvereins der DeutschenJuden", verschiedene Mitglieder der Geschäftsleitung der «^.Uianoe Israölits Universelle“, die Vorsitzenden der meisten Provinzialkassen sowie eine Reihe anderer Interessenten bei. Professor Philipp so n eröffnete die Sitzung mit einem warmen Nachruf aus den treuen Mitarbeiter und Mitbegründer: der Organisation der Wan verarmen fürsorge, Herrn Martin Le brecht-Nürnberg. Solange die Zentralstelle und der Deutsch-Israelitische Gemeindebund bestehen werden, würde das Andenken dieses verdienten Mannes pietätvoll bewahrt werden. Zu Ehren des Verstorbenen erhebt sich die Versammlung von ihren Sitzen. Darauf erstattete zum ersten Punkt der Tagesordnung Herr Generalsekretär. Dr. Neumann den Bericht über die Entwicklung der Angelegenheit seit der letzten Tagung. Ueber die Zusammensetzung des Vorstandes der deutschen. Zentralstelle ist nachzutragen, daß an Stelle des Herrn Geheimrat Maretzki Herr Dr. M. Ginsberg als Vertreter der Großloge eingetreten ist, und daß Herr Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld-Berlin zugunsten eines Vertreters des Hilfsvereins zurückgetreten ist. Der Hilfsverein hat Herrn Laskar-Hamburg mit seiner Vertretung betraut. Die Herren S. Bergel, Direktor Leszynski und Oskar Tietz haben das Amt als Kassenrevisoren angenommen. Die heutige Sitzung ist auf Anregung des Herrn Kommerzienrat Hirsch-Halberstadt zurückzuführen, der den berechtigten Wunsch ausgesprochen hat, vor dem Arbeitsbeginn der Organisation die Klärung einer Reihe praktischer Fragen durch Meinungsaustausch herbeizuführen. Durch den Stellvertreter des Sekretärs der Großloge Herrn Dr. Finkel wurde die Aufmerksamkeit der deutschen Zentralstelle auf irreführende Artikel gelenkt, die in ausländischen hebräischen und Jargon-Blättern über Ausgabe und Ziele der Zentralstelle erschienen sind, und die dahin gingen, daß die neue Organisation die Auswanderung aus den östlichen Ländern noch mehr als bisher unterstützen wolle. Um diese Gefahr abzuwenden, ist ein berichtigender Artikel in hebräischer und der Jargon- Sprache im weitesten Umfange verbreitet worden. Wegen des Zusammenarbeitens mit den ausländischen Organisationen in Antwerpen. Brüssel, Lüttich. Amsterdam, Paris usw. hat in Köln eine Besprechung des Herrn Feilchenfeld mit Herrn Dr. Wiener aus Antwerpen stattgefunden. Die Verhandlungen sollen nunmehr von der Deutschen Zentralstelle weitergeführt werden. Bei den niederländischen Dampsschiffahrtsgesellschaften und der holländischen Eisenbahn ist von Köln aus für die Auswanderer Fahrpreisermäßigung erreicht worden. Der Zentralarmenkasse der Rheinprovinz verdanke man auch den Hinweis darauf, daß ein Zusatz der Preußischen Eisenbahnordnung .besteht, wonach solchen jungen Leuten, denen von einem Arbeitsnachweisbureau anderswo Beschäftigung zugewiesen wird, halbe Fahrkartenpreise bewilligt, werden, allerdings

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.